4. März 2019, ein Montag. Stadteinwärts gen Bogotá. Erster Versuch, sich in der Megacity zurechtzufinden. Gastgeberin Titi begleitet uns. Grundkurs zu den Transmilenium- Buslinien. Gelenkbusse auf eigenen Spuren, kaum befriedigender U-Bahn- Ersatz für 8 Millionen Menschen. Ruckelnde Transportkäfige, die durch den dichten Verkehr schlingern. Krampfhaftes Bemühen um einen festen Halt.

Lärmteppich. Bedrückend viele Venezulaner im Bus, die mit Megafonstimmen an ihre prekäre Lebenssituation erinnern.
Benedetti-Gedichte, Nueva Cancion, HipHop, Bonbons im Angebot. Apathische Kleinkinder. Verunsicherte, betroffene Fahrgäste, die wegschauen oder ermüdet Münzen hervorkramen.


Smog. Luftqualität vor allem im armen Süden horrend schlecht.
Immerhin beeindruckendes Radwegenetz, schon ca. 500 km durch die Stadt. Trendwende erkennbar.
https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-03/bogota-kolumbien-radfahrer-ciclopaseo-strassenverkehr-luftqualitaet (aufgerufen am 07.03.2019)
Untrainiert wagten wir uns nicht auf Drahteseln durch den dichten Verkehr. Leichte Kopfschmerzen auf 2640 Metern Höhe.

Nach 90 Minuten der Ausstieg. Titis Arbeitsplatz im Stadtviertel La Cabrera. Banken, Geschäfte, gepflegte Wohntürme, Grünanlagen. Das wohlhabende Bogotá. Erste Klasse. Fühlen uns auf dem Morgenspaziergang wie im Frankfurter Westend. Titi biegt ab. „Hasta luego, bis später“.

Plötzliche Lücken. Die Sonne wagt sich durch den Smogdunst. Bergketten am Horizont sichtbar. Wir nehmen im Straßencafe Platz, wärmen uns auf. Lesen. El Tiempo, Kolumbiens überregionale liberale Tageszeitung. Und frieren. 11.699 Opfer zwischen 1990 und Januar 2019 durch Anti-Personenminen.
https://www.nzz.ch/international/minenraeumung-in-kolumbien-das-grosse-aufraeumen-ld.137411
(aufrufen am 07.03.2019)
Christoph Harnisch, Leiter des Internationalen Roten Kreuzes in Kolumbien im Interview. Die Zahl der Vertreibungen hat im Vergleich zu 2017 um 90 Prozent zugenommen.
http://www.fluchtgrund.de/2017/01/kolumbien-69-millionen-vertriebene-auch-wegen-kokaanbau/(aufgerufen am 07.03.2019)
https://www.heise.de/tp/features/Kolumbien-Totgeschwiegener-Massenmord-4326484.html (aufgerufen am 07.03.2019)
Urplötzlich begrüßt uns ein galanter älterer Herr mit sonorer Stimme, drei Bücher unter den Arm geklemmt. „Bienvenidos en Colombia. Ustedes están invitados, yo pago la cuenta.“
Wir lernen Don Benjamín, den ehemaligen kolumbianischen Konsul von Hamburg kennen. Benjamín Ardilo Duarte, Jurist, Romanist, führendes Mitglied der Academia Colombiana de la Lengua, der Akademie für die Sprache.
Er habe den gleichen Frisör wie der kolumbianische Staatspräsident. Nein, dessen Freund sei er nicht. Nun lasse er dem Frisör eine Kolumne von García Márquez zukommen. Über die absolute Vertrauensstellung der Zunft. Immerhin sitzt das Barbiermesser am Hals des Regierungsführers. Doch wie gut, der Präsident hört auf dem Stuhl, was das Volk denkt.
Wir trinken Wasser. Don Benjamín sprudelt. Springt zu den Anfängen. Zu den ersten Deutschen in Kolumbien. Viele Literaturtipps. Germán Arciniegas, El Papel de los Alemanes en la Conquista, über die Rolle der Deutschen während der Eroberung Kolumbiens.

Ach, Humboldt. Alexanders Spuren in Kolumbien.
Erster Karthograph des Rio Magdalena.
Humboldts Drängen auf die Einführung der Loren in den Salzbergwerken von Zapaquirá, um die Sklavenarbeit zu beenden.
Verboten erst 1851.
Humboldt schrieb im Originaltext auf Französisch. Einziges Büchlein auf Spanisch, ein Kompendium über die Botanik Kolumbiens. 25 Prozent der aufgeführten Pflanzen landeten im Export. Früchte. Blumen für den Valentinstag.

Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Paris. Ermutigt die lateinamerikanischen Exiliierten. Seine Botschaft nach 5 Jahren Südamerika, der Kontinent sei reif für die Unabhängigkeit.

Don Benjamíns Salto rückwärts. Landet wie eingangs beim Menschenfreund des 21. Jahrhundert. García Márquez. Die Popularität. Menschen in der Schlange am Zeitungskiosk. Der phänomenale Bericht eines Schiffbrüchigen erschien wöchentlich, in der Tageszeitung portioniert.

Gabos universale Themen.
Gabo als Autor der Karibenos. Gabo wie andere Musiker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Dichter der Karibikküste, die den tiefen Rassismus zwischen den Hochland- und Tieflandbewohnern verkleinern konnten.
Eingeschobene Anekdoten.
Gabos Talente seien frühzeitig erkannt worden:
„Ein neuer Cervantes, schade dass er Caribeno ist. “
„Lest Gabos, wenn ihr Kolumbien verstehen wollt“, Don Benjamins letzte Empfehlung zum Abschied. Eigentlich hat nur der Handkuss gefehlt.
Wir ziehen weiter durch Parkanlagen Richtung Stadtzentrum. Männer liegen ausgestreckt auf dem Rasen. Obdachlose? Venezolanische Geflüchtete?

Reiben uns die Augen. Aha, die Männer tragen in Arbeitskleidung. Siesta der Bauarbeiter. Immer wieder der wichtige zweite und dritte Blick auf die Zustände.
Erschöpfte Rückkehr nach Hause in unser Dachjuche, Chia liegt am nördlichen Stadtrand. Kleine Panikattacke, als wir uns zum Ausstieg durch den Bus boxen müssen. Wie mühsam für die Berufspendler_innen tagtäglich.
Wollen Humboldt nachlesen, angestiftet durch die Begegnung mit Don Benjamin. epub download Andrea Wulf (2016), Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. München. Geöffnet.
„Sie krochen auf allen vieren einen hohen, schmalen Grat entlang, der an manchen Stellen nur fünf Zentimeter breit war. Der Pfad, wenn man ihn so nennen konnte, war voller Sand und loser Steine…“.
Weltendecker Humboldt vor 200 Jahren scheute keine Mühen. Unser Gejammer über die drangvolle Enge im Stadtbus Bogotás verstummt. Wie leicht lässt sich im 21. Jahrhundert die blaue Murmel erkunden.
„Erst seit 2014 erlauben Panamas Schulen Sexualaufklärung. Dagegen zieht die Partido Patriótico der neuen Rechten auf die Straße. Sie mobilisiert im Wahlkampfjahr 2019 zudem gegen die Gleichstellung der Ehe. Der versuchte Stimmenfang bedroht die Demokratie und Menschenrechte…
„Ich bin nur 6 Jahre zur Grundschule gegangen und hoffe, dass meine Kinder es besser haben. Mein Mann arbeitet in einer Schlachtfabrik. Zu Hause macht er nichts und lässt mich mit der Kindererziehung allein. Dies ist eben Machismo in Mexiko.“
„Mir macht die Arbeit im Reisebüro Freude, weil mein Chef mir Freiheiten lässt. Außerdem: Aqui en el Caribe manda la mujer, die Frau bestimmt. Auch von nervigen Kunden lasse ich mir nichts gefallen. Seit meinem 5. Lebensjahr muss ich arbeiten, weil ich aus einer sehr armen Familie stamme…
„Hier gibt es so viel häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, mir liegt eine gewltfreie Kommunikation sehr am Herzen.“
„Dem Ausverkauf unseres historischen Erbes wollte ich bewusst etwas entgegensetzen. Ich habe das Haus 2008 in schlechtem Zustand erworben und nach und nach zum Hotel umgebaut. Hier arbeiten nur Mitarbeiter_innen mit festen Verträgen, die aus meinem familiären Umfeld kommen oder aus Cartagena sind. Die Galerie im Foyer des Hotels ermöglicht lokalen Künstler_innen, sich zu präsentieren.
„El Cacao es feminino, der Kakao ist weiblich. Nosotras, wir Frauen geben das Leben. Der Name der Frau wird an die Nachfahren vererbt, die Frauen besitzen die Landtitel. Das patriarchalische Erbe der spanischen Eroberung brauchen wir nicht. Für uns sind Männer und Frauen gleich. Macht über andere auszuüben, gehört nicht in unsere Kultur, wir Frauen pflegen den Respekt.“
„Ein Macho als Partner kommt für mich nicht in Frage.“
„Die Zahl der Frauenmorde hat in Argentinien 2018 zugenommen, vielleicht weil der Tatbestand endlich indiziert wird.“
„Lebt eure Bräuche, vergesst nicht eure Geschichte inmitten der schwierigen Zeiten des Neoliberalismus.“
„Eine gute Ausbildung und finanzielle Eigenständigkeit, das brauchen die Frauen in Kolumbien, um sich zu emanzipieren. Die Religion nimmt so viel Einfluss. Frauen sollen ihr Leben den Kindern opfern. Oft bekommen die Frauen früh schon Kinder. Damit endet die Berufstätigkeit. Sie bleiben zuhause. Wichtig wäre eine gute Sexualaufklärung. Davon habe ich in der Schule nichts mitbekommen. Unsere Gesellschaft ist leider noch immer sehr wertkonservativ… Frauen, die eine Fehlgeburt haben, droht Gefängnis. Man unterstellt ihnen, sie hätten einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Der steht unter Strafe.
Er lässt uns nicht los. Gabriel García Márquez. Den 1967 veröffentlichten Roman über die Familie Buendía im Dorf Macondo verschlingen wir in der Neuübersetzung. Dagmar Ploetz versucht den lakonischen Stil des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ einzufangen, stärker als die kraftvoll poetische Übersetzung von Curt Meyer-Clason, der zärtlichen Nieselregen fallen ließ. Una lloviszna tierna. Bei Ploetz regnet es bloß sacht.



Während wir kaum nachkommen, diverse Verwandtschaftsrätsel zu lösen, denken wir an das Inzest-Trauma in Macondo. Auch der letzte Nachfahre der Buendia-Familie wurde mit einem Schweineschwänzchen geboren. Er starb als Neugeborenes, von roten Ameisen verschleppt. Nach 378 Seiten endet der Roman, nicht aber Macondos Einsamkeit.
Mutig wage ich mich in einen örtlichen Friseursalon. Rina lacht, verspricht mir, weder Spinneneier noch Eidechsen in die verzausten Haare zu flechten. Unser Gesprächszopf rankt sich um ihr Engagement als Vorleserin. Ihre halbwüchsigen Söhne sollen die Literatur entdecken. Gabo sei nunmal Pflichtlektüre in der Schule. „Sobald sich ihr Smartphone endlich entladen hat, helfe ich bei den Hausaufgaben. Meinen Mann kümmert es leider nicht.“
Das reiche koloniale Handelsstädtchen verlor an Bedeutung, als der Schiffsverkehr im 19. Jahrhundert umgeleitet wurde. Im Roman scheitert im Übrigen ein ehrgeiziger Buendía- Spross im Versuch, das Flussbett auszugraben, um die Dampfschifffahrt zu beleben.




Unzählige Motorräder knattern durch das überschaubare, fußläufige Örtchen. Unsere sensiblen Ohren leiden unter dem Lärmteppich. Weh, falls es nicht gelingt, sich aufs schmale, erhöhte Trottoir zu retten. Entspannte Spaziergänge beschränken sich auf einzelne Straßenzüge der Altstadt.
Die gnadenlosen 37 Grad im Schatten lähmen. Als wir nach 3 Tagen Abschied nehmen, trauert die Literaturfreundin. Sie bliebe gerne noch ein Weilchen, um über das Literatenblut zu sinnieren. Denn sobald sich in der Abendkühle die Türen öffnen, Anwohnerinnen zum Plausch aufgelegt in ihren Schaukelstühlen wippen, werden Erzählungen gesponnen. „Der Sohn meines Schwagers hatte einen Onkel, dessen Vater Garcia hieß und der den Dichter zumindest persönlich kannte.“
Wie andern Ortes die Geschichte von der Giraffe, die 1,75 m maß. Sie hieß Ramona und lebte in Cienaga, „muy alto, cuello grande.“ Den langen Hals habe sie gewöhnlich mit einem Halstuch kaschiert. Der von Statur kleine Dichter soll mindestens 15 Jahre gelitten haben.
„Meine Tante Ramona hat seine Liebe nicht erwidert. Sie heiratete später einen Deutschen. Das ist nachzulesen in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“, erklärt uns der Neffe. „Gabo hat in seinen Romanen Ramona vervierfacht. Sie taucht z. B. als Fernanda in Hundert Jahre Einsamkeit auf, als Fermina im Cholerabuch.“
„Ich war 25 Jahre alt und noch nicht fertig mit dem Studium. Gabo war bereits ein geachteter Schreiber. An einer Straßenecke verkaufte ich Antiquitäten. Plötzlich bremste ein Jeep, eine pittoreske Gestalt stieg aus. „Wie spät ist es“, fragte Gabo. Ich sagte:„Ich trage niemals eine Uhr“. Der Dialog war der Schlüssel zum Beginn unserer langjährigen Freundschaft. Kurz darauf lebten wir beide in Barcelona, wir trafen uns regelmäßig am Freitagnachmittag, diskutierten unsere Texte und die Politik.“
Don Guillermo legt uns sein Buch ans Herz, 2006 in 2. Auflage erschienen. El misterio de los Buendía, das Geheimnis der Buendía, ein Begleitbuch zum Verständnis des Einsamkeitsromans. „Gabo war in erster Linie Chronist. Selbst ich tauche in einem seiner Texte als literarische Figur wieder auf“, bemerkt er. „Alzheimer war eine Familienkrankheit der Garcias, kein Wunder, dass auch die Romanfiguren zur Vergesslichkeit neigen.“
Unsere Frage nach dem Verhältnis der Kolumbianer_innen zu ihrem Dichter beurteilt Don Guillermo als gespalten. Natürlich sei man stolz auf den Nobelpreisträger. Seine Nähe zu Kuba, seine sozialistische Haltung, das Exil in Mexiko und seine bissige Kritik an den undemokratischen Verhältnissen in Kolumbien seien jedoch bis heute Reizthemen.
























Bleibt Maduro an der Regierung? Wird die Venezuela- Krise weiter eskalieren? Entzündet sich in Kürze ein Bürgerkrieg? Kommt es zur militärischen Intervention?
Provokationen am Grenzübergang. In der Nachbereitung Kontroversen über die Zahl der Opfer, die wahren Vorfälle, mediale Inszenierungen. Ungeklärt scheint, wer die beiden Lastwagen mit den amerikanischen Gütern in Brand setzte.
Kolumbien zeigt sich als treuer Bündnispartner der USA zunehmend in die Auseinandersetzungen involviert. Kritische Kommentatoren glauben, die außenpolitische Krise komme für den kolumbianischen Staatspräsidenten Duque gelegen, um von der Innenpolitik abzulenken. Die Schlagzeilen der Tagespresse befassen sich mit Venezuela, nicht mit der Wiederbewaffung der Paramilitärs, der forcierten Abholzung des Regenwaldes, dem ausgebremsten Friedensprozess in Kolumbien.
Die blaue Murmel überlässt es den Beobachtern vor Ort an der Grenze und in Venezuela, die Lage zu analysieren. Hier finden sich differenzierte Recherchen und Hintergrundinformationen:




Die Not ist allgegenwärtig. Frauen-oftmals auch Minderjährige – bieten sexuelle Dienste an.

Ein Fahrradtaxifahrer erzählt: „Ich war Restaurantbesitzer in der Hauptstadt Caracas. Die staatliche Bürokratie machte mir viele Auflagen, die ich nicht erfüllen konnte. Das Restaurant musste ich schließen. Seit einem halben Jahr lebe ich in Kolumbien. Leider wird mein Universitätsabschluss als Programmierer in Kolumbien nicht anerkannt. Jetzt versuche ich mit dem Taxi meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Meine Frau ist hier, unsere Kinder Kinder von 16 und 18 Jahren sind noch in Caracas, sie besuchen die Schule und die Universität.“
Als eine Frau Bauarbeiter und uns mit frischen Kaffee versorgt, sagt sie bekümmert: „Eigentlich bin ich Ingenieurin. Seit einem Jahr ziehe ich als Kaffeeverkäuferin durch Kolumbien. Seit Kurzem ist auch meine Mutter hier. Von dem Geld, dass ich in zwei Wochen in Venezuela verdiente, konnte ich nicht mal die Lebensmittel für einen einzigen Tag kaufen.“
„Ich ließ meine Frau und meine beiden Kinder in Caracas zurück. Angesichts der ungeheuren Inflation konnte ich sie nicht mehr ernähren. Meine Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Ich war zwölf, in Straßen verkaufte ich Kuchen. Die Regierung unter Chavez unterstützte die Armen mit vielen guten Programmen. Ich beendete die Schule und schloss mein Informatikstudium ab. Meine Arbeit als Programmierer in der Nationalbank war gut bezahlt. Wir konnten uns ein kleines Haus leisten. Nach dem Tod von Chavez 2013 ging es im Land steil bergab. Wenn mein Gehalt ausgezahlt wurde, reichte es wegen der Inflation kaum mehr für den Reis. Darum habe ich meinen Job gekündigt und mich auf den Weg nach Kolumbien gemacht. Übrigens, von den ehemals 3300 Mitarbeitern der Nationalbank arbeiten heute nur noch ungefähr 1400 dort aus den gleichen Gründen.
n Santa Marta lebte ich auf der Straße. Ich verbrachte die Nächte an einer Tankstelle. Ich kann keine Arbeitserlaubnis beantragen. Von Venezolanern wurden mir vor der Grenze mein Pass, meine Arbeitsnachweise und mein Smartphone gestohlen. Ich war einige Wochen hier in der Kaffeeernte. Das Geld, was ich verdiene, schicke ich meiner Familie. Einmal die Woche telefoniere ich mit ihnen, aber es bricht mir fast das Herz.
Sobald ich etwas Geld habe, gehe ich zurück nach Caracas, um meine Söhne von 5 und 7 Jahren zu sehen. Sie sind den ganzen Tag mit der Mutter zuhause. Ihre Schule ist geschlossen, viele andere Schulen auch, weil die Lehrkräfte weggehen. So viele Kinder und Jugendliche verbringen jetzt Tage ohne Aufsicht auf den Straßen von Caracas. Und Caracas war schon zuvor die drittgefährlichste Stadt der Welt.

Der Geburtsort. Das Haus der Großeltern als Vorlage für 100 Jahre Einsamkeit. Die ersten 13 Jahre des Fabuliermeisters. Der vergilbte Schwarz-Weiß- Druck von Tausend- und- eine-Nacht. Ein legendärer Kastanienbaum im Hof.
Der 1967 veröffentlichte Roman erzählt vom Bananenfieber, dem Aufstand gegen die United Fruit Company, dem Trauma der 3000 Toten unter den streikenden Arbeitern 1928.
Wie hätte Dichter Gabo das Kohle- El- Dorado im Fortsetzungsroman skizziert? Denn erst in den 80-ziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte die massive Kohle-Ausbeute ein. „Manchmal 22 Züge täglich“, informiert uns die Schrankenwärterin.
In der Nacht wachen wir zweimal auf, unsere Unterkunft in Aracataca liegt 250 Meter von der Bahnlinie entfernt. Eine Bürgerinitiative mache sich stark, die Gleise am Dorf vorbeizuleiten, teilt uns Ancizar Vergara, Leiter einer imposanten Öffentlichen Bibliothek des ansonsten staubigen Örtchens am nächsten Morgen mit. Reisende bleiben selten über Nacht.

In Santa Marta kontaktieren wir am 11. Februar 2019 den Gewerkschaftssekretär Anibal Perez. Als Vorsitzender der ASOTREDP (Asociaciòn de trabajadores enfermos de Drummond Puerto) vertritt er zurzeit ca. 1000 erkrankte Kolleg_innen der Kohlebranche. Die Staublunge, Wirbelsäulen- und Gelenkprobleme und psychische Probleme warten auf die Anerkennung als klassische Berufserkrankungen.
„Wir kämpfen. Vom us-amerikanischen Konzern Drummond unabhängige Ärzte sollen die Menschen untersuchen. Sie brauchen dringend medizinische Behandlung. Im Mai dieses Jahres verhandeln wir über Kompensationszahlungen für die Betroffenen.
„Jetzt gehöre ich zum Schutzprogramm der Regierung für Gefährdete. Viele Menschen, die sich in den Gewerkschaften und sozialen Bewegungen engagieren, werden von den Paramilitärs bedroht und ermordet. In das Schutzprogramm wurden mehr als 7000 Menschen aufgenommen. Je nach Einschätzung der Gefährdung gewährt die Regierung ein Nottelefon, eine schusssichere Weste oder auch Personenschutz. Ich habe kein Vertrauen in das Schutzprogramm, weil es von der Regierung kommt. Sie ist für mich angesichts der zunehmenden Militarisierung Teil des Problems und nicht Garant der Lösung.“


Wir treffen Guillermo Henriquez Torres in seinem Haus an. Und sprechen fasziniert mit dem langjährigen Freund des Schriftstellers Garcia Marquez ausführlich über den magischen Realismus und Marotten des Künstlers.

Angenehme Kühle schlug uns entgegen, als wir nach einer Stunde das Casa El Recuerdo erreichten. Das Hostal liegt auf 1000 Meter Höhe, 4 km außerhalb des Dorfes Minca.

„Hier wurde früher viel Kaffee angebaut, aber jetzt nicht mehr. Viele Großgrundbesitzer lassen das Land lieber brach liegen als es an Kleinbauern zu verpachten. Sie haben höllische Angst, dass die Bauern das Land besetzen. Ich würde hier gerne Mais, Bohnen und Yucca für den Eigenkonsum anbauen. Das ist gefährlich. Sie bringen dich um, einfach so, wenn du das Land für den Gemüseanbau nutzt.
In Minca herrscht Aufbruchstimmung. Kleine Hotels, Campingplätze und Restaurants sprießen aus dem Boden. Die Kooperative der Motoradtaxifahrer sichert den Transport zu den Unterkünften, die verstreut an Berghängen liegen.

Eine kleine Bäckerei mit französischem Brot und Schokocroissants versüßt den Alltag. Kioskläden sorgen für das Nötigste.


Das Hostal El Recuerdo erwies sich als magnetischer Anziehungspunkt. Interessante Menschen aus Kolumbien und aller Welt begegneten uns am Frühstückstisch: Schauspieler_innen, Musiker, Biohoffarmer_innen, die Anfang 30 sichere „Brotberufe“ kündigten, um andere Wege zu wagen, ein Radiojurnalist aus Santa Marta, eine kolumbianische Familie, Arbeitsmigranten aus Venezuela,
Im Casa El Recuerdo lebte es sich wie in einer bunten Großfamilie, nicht zuletzt dank der achtsamen Inhaber.
„Die Guerrilla hatte in Kriegszeiten das Anwesen konfisziert. Strategisch wichtig war der Blick in die Täler. Später stand die Anlage viele Jahre leer. Ich nutze meine Erfahrungen. 4 Jahre habe ich bereits im Tayrona- Nationalpark gearbeitet. Mit meiner Lebensgefährtin will ich mir eine selbständige Existenz aufbauen. Ich habe viele Ideen.
Den Lebensunterhalt bestreitet Geraldine seit einigen Jahren mit Upcycling gebrauchter Kleidung. Aus us-amerikanischen Altkleiderspenden schneidert sie modische Unikate, die sie kunstvoll bemalt. Über Instagram erreicht sie ihre Kundinnen.
„Ich werde ständig gefragt, warum ich nicht verheiratet bin, warum ich keine Kinder habe, auch von meiner Familie. So, als ob man ohne Kinder keine richtige Frau sei. Ich möchte einen anderen Lebensentwurf wagen. Und Spuren hinterlassen. Das Leben geht schnell vorbei, man soll sich an mich erinnern und von mir erzählen. Gut, dass mein Vater mein unabhängiges Leben immer unterstützt hat. Schon mit 15 durfte ich im Wohnheim der Universität allein wohnen. In der Nonnenschule habe ich gelernt, zu kochen, meine Wäsche zu waschen, zu nähen, mich selbst zu versorgen. Ja, eine meine Lehrerinnen, eine Nonne hat mir Mut gemacht, als Frau unabhängig zu leben. Manche feministischen Frauengruppen in Kolumbien sind sehr extrem. Mir geht es darum, die gleichen Rechte zu haben wie die Männer. Mich macht es wütend, wenn Frauen sich weiterhin den Männern unterordnen und nicht für ihre Rechte einstehen.“
Auch auf den Wanderungen durch die Berglandschaft trafen wir stets freundliche, hilfsbereite und viel Gelassenheit ausstrahlende Menschen, die im Frieden aufatmen. Passé sind Schutzgelderpressung, Zwangsrekrutierungen und Drogenanbau.




Die Kaffeefelder sind seit Ende Januar abgeerntet. „Die Qualität und der Ertrag des Kaffees sind gut. Wir bauen hier ausschließlich organischen Kaffee an. Pestizide sind verboten. Das ist hier eine Naturschutzzone. Leider geben viele auf, weil der Kaffeepreis so niedrig ist. Und der Staat hilft den Bauern nicht.“

Ob der Ökotourismus zukünftig „beglückt“, ist abzuwarten. Verträgt ein kleines Dorf auf Dauer soviele Touristen_innen, ohne Schaden zu nehmen? Hält der lang ersehnte Frieden in der Region, während er in anderen Teilen Kolumbiens zunehmend brüchig ist?


In der Morgenkühle streifen wir durch das friedliche Dorf Orika. Erste Mücken treiben ihr munteres Spiel. „Rauch hält sie fern “, ruft uns eine Frau zu, die an der Feuerstelle vor dem Haus sitzt und uns auf einen Kaffee einlädt. Die 63-jährige Urgroßmutter Nena war Mitbegründerin des Dorfes und dessen erste Präsidentin. Die Stechmücken sind in der spannenden Geschichtsstunde vergessen.
„Anfangs lebten die Menschen von Fisch, Kokospalmen und Limonen, im Landesinneren über die Insel verstreut. Reiche Investoren vom Festland hatten bereits Grundstücke unmittelbar an der Küste besetzt. Wir arbeiteten für sie. Manchmal beschenkten sie uns, z. B. mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser, das auf der Insel fehlt.“
1977 veränderte die Ausweisung des Naturschutzreservates alles. Um die strengen Umweltschutzauflagen einzuhalten, ist Fischfang nur noch eingeschränkt möglich.
Auch Nena betreibt mit der Familie ein kleines Hotel. „Nach und nach öffneten wir kleine Unterkünfte, Campingplätze, Restaurants. In unserem Verbund haben wir heute 11 kleine Hotels und Touristenführer. Sie lernen Englisch. Sie fahren die Touristen durch die Mangroven und zum Schnorcheln. So sind wir am Geschäft beteiligt, nicht nur die Hotels an der Küste. Die Entscheidungen fallen in unserem Inselrat. In den ersten Jahren war ich die Vorsitzende.
Wir sind stolz darauf, dass wir als erste Afro-Gemeinde Kolumbiens offiziell anerkannt sind. Niemand soll uns unser kommunales Eigentum streitig machen!“
In der Uniform eines privaten Sicherheitsdiensts schlendert Alfonso vorbei. In der Schule gegenüber hat der Unterricht begonnen, er trinkt seinen Morgenkaffee bei seiner Tante Nena. Der kolumbianische Staat stelle die Wachleute ein. In Cartagena brächten Schüler Waffen und Drogen in die Schule mit. Auf der Isla Grande zeige er sich am Schultor präsent, ohne eingreifen zu müssen. So wie es auf der Insel kaum Delinquenz gebe. Einen Dieb verbanne man als Strafe für 2 Jahre aufs Festland.
Auf unsere Frage, ob das Beispiel der Insel Schule macht, leuchten Alfonsos Augen: „Wir bieten Workshops für die anderen Inselkommunen an. Wir lassen sie an unseren Erfahrungen teilhaben.“ Als gewähltes Mitglied des Inselrates hat Alfonso einen guten Überblick. Er hat das Amt des Kassierers inne.
Während unseres mehrtägigen Aufenthaltes nimmt Nenas Traum von der starken, autonomen Dorfgemeinschaft Konturen an. Der Touristenstrom boomt seit rund 3 Jahren, seit es durch das Friedensabkommen sichere Korridore für Touristen gibt. Überall wird gebaut. Arbeit zu finden, ist aus Sicht der Inselbewohner_innen für die, die arbeiten wollen, kein Problem. Außerdem bieten die Hotels Arbeitsplätze. Reiche Ferienhausbesitzer suchen Hausmeister und Hausangestellte.
Vogelgezwitscher untermalt die Spaziergänge durch den schattigen Trockenwald. Bunte Wegweiser und zahlreiche Mülltrennungskörbe mahnen, den Umweltschutz einzuhalten. Die in der Entsorgung tätigen Gemeindearbeiterinnen sehen gewisse Fortschritte. „Allerdings ist die Bereitschaft zur Müllvermeidung nicht ausreichend. Hier müssen wir bei unseren Kindern ansetzten. Dass demnächst Plastiktüten verboten sind, erleichtert die Arbeit.“

„Von Beruf bin ich Psychologin. Das hilft mir, kleine und große Probleme


In den Regenzeiten wird Wasser aufgefangen. Ein Wasserschiff aus Cartagena fährt die Insel regelmäßig an. Salziges Brunnenwasser lässt sich immerhin zum Wäschewaschen aufbereiten. Solarpanele sind für die wenigstens erschwinglich. Viele Dorfbewohner leben ohne Strom.




Seit vier Jahren pendelt die Grundschullehrerin Laura zur Arbeit ins 45 km entfernte Dorf Orika. Schon sonntags lässt sie die Familie in Cartagena zurück. Der Unterricht beginnt auf der Isla Grande am Montag früh um 7 Uhr. Vor Sonnenaufgang nehmen die Wassertaxis keine Passagiere auf. Salzwasserduschen sind bei der Überfahrt in den kleinen Booten inbegriffen. Die heftigen Brisen vor Cartagenas Küste wechseln je nach Jahreszeit nur die Nord-Südrichtung.
Unter der Woche wohnt Laura mit 13 Kolleg_innen in einem Häuschen auf dem Schulgelände. „Jetzt schlafe ich endlich unten“, sagt sie erleichtert seufzend, als sie uns die Etagenbetten im fensterlosen Kämmerchen zeigt. Das Kollegium lebe hier in guter Gemeinschaft. Niemand habe Angehörige auf der Insel.
Viele Eltern können kaum lesen und schreiben. Bildung hat für sie keinen Wert. Ohne Aufsicht lernen die Kinder zuhause nicht. Ab 18:00 Uhr ist es eh dunkel. Die meisten Häuser verfügen über kein elektrisches Licht. In meinen ersten vier Wochen an der Schule habe ich nur geheult.
Jetzt sehe ich die Fortschritte. In den kleinen Klassen können wir uns individuell um die Kinder kümmern. Das macht sie stark für das Leben, selbst wenn wir nur 50 Prozent des Curriculums erfüllen können.“
Erzieherin Natalie, staatlich angestellt, begleitet vormittags allein bis zu 22 Kleinkinder, da ihre Kollegin Mutterschutz genießt. Manchmal hilft ein Elternteil mit. Vielleicht sei es nicht schlecht, dass die Kinder nur unregelmäßig kommen. Überhaupt bleibe wenig Zeit, um die Farben und Zahlen zu lernen, die Feinmotorik zu trainieren.
Die Kinder würden zumindest beaufsichtigt und beköstigt durch die eigens angestellte Köchin. „Wir wünschen uns einen Solarkühlschrank“, antwortet Natalie, befragt nach den dringlichen Problemen der Einrichtung.
Die anderen bleiben auf der Insel und jobben. Zu viele brechen die Schule vorzeitig ab. Gelegenheiten, Geld zu verdienen, bietet die Insel dank des Tourismus zur Genüge.“

Die Nachbereitung des Spanischunterrichtes: Eine Fabel handelt von einer ambitionierten Wasserschildkröte, die den Zugvögeln gleich in den Süden fliegen will.
„Ich war 21 Jahre alt, als man mich für eine soziologische Studie in die Außenbezirke Cartagenas sandte. Was für ein Schock. Nie zuvor war ich so unmittelbar mit der extremen Armut konfrontiert. In den darauffolgenden Monaten habe ich dort eine Kleiderkammer aufgebaut. Heute will ich, dass Kinder Kolumbiens Bildung erfahren, um ihr Leben in die Hand nehmen.“
Die blaue Murmel fragt Laura nach ihren Empfehlungen an das Erziehungsministerium. Sie gäbe den Lehrkräften stärkere pädagogische Freiräume.
Laura ist im Boot – auch im übertragenen Sinne. Denn sie engagiert sich für die Zukunft der Dorfgemeinschaft auf der Isla Grande, einer ganz besonderen Insel.
Wir treffen die Graphikdesignerin Simona, während sie eine Wand mit Motiven aus Amazonien bemalt.























