Marihuana in Hand der Frauen

19.11.2018 -7 Stunden dauert die Busfahrt von Mexiko- Stadt nach Oaxaca. Unterwegs geraten wir unvorhergesehen in eine Straßensperre. Arbeitnehmer _innen wurde die Lohnauszahlung verweigert. Sie blockieren die Autobahn in beide Fahrtrichtungen. Transparente demonstrieren den Grund der Empörung. Die Verkehrsteilnehmenden nötigt man zu einer eher symbolischen finanziellen Unterstützung. Umgerechnet 5 Euro zahlt unsere 50-köpfige Busgemeinschaft gemeinsam.

Zurück im rebellischen Oaxaca fängt uns Alejandro bereits an der Haustür ab und entführt uns im warmen Spätnachmittagslicht an den Fuß des Monte Albans. Unter dem grünen Hügel schlummern 90 Prozent der einstigen zapotekisch- mixtekischen Hauptstadt, Relikte aus Blütezeiten zwischen 300 und 900 nach Christus.  Hunde bellen, Grillen zirpen, der mexikanischen Gegenwart zugewandt biegen wir zu einem Wohnhaus ab.

Auf einer Feuerstelle köcheln Marihuana und Knoblauch. 20 Menschen fanden sich auf einer Veranda zusammen. Die Basisgemeinde des Stadtteils Montoya bietet regelmäßig Workshops zu religiösen und alltagspraktischen Themen an. Heute geht es um Naturheilverfahren. Der Knoblauch duftet. Das Wundermittel hilft bei Entzündungen der Haut, Abszessen, Akne, Herpes, Haut- und Nagelpilzpilz. Es schützt vor Mückenstichen sowie Hautkrebs. Knoblauchsalbe hält die Haut natürlich jung. Durch reichliche Zugabe an Vaseline verzaubert Gesundheitsberaterin Adelfa das siedend heiße Marihuana in ein wirkames Schmerzmittel. Die Pflanze darf zu medizinischen Zwecken in privaten Gärten kultiviert werden. 2019 sollen Konsum und Anbau entkriminalisiert werden.

Adelfa gibt tradiertes Wissen an die Teilnehmerinnen weiter.

Lange Arbeitstage und mangelndes Engagement hielten die Männer oft ab, sich an den Aktivitäten der Basisgemeinde zu beteiligen, sagt uns Susana, Koordinatorin für die Regionen Oaxaca und Chiapas. Sie unterstützt und begleitet die 5 Basisgemeinden Oaxacas, die Kirche anders und praktisch (er)leben.

Die Bewahrung der Schöpfung, z. B. über alternative Heilmethoden und Naturkosmetika geht einher mit der Kostenersparnis für teure Pharmaprodukte.  Ein Mindestlohn von 79 Pesos alias 4 Euro pro Tag frisst das Haushaltsbudget vieler Familien. Ungeschützte Arbeitsverhältnisse lassen nicht mit einem Monatseinkommen rechnen.

„Aprendieron algo- habt ihr was gelernt?“, vergwissert sich Adelfa, in der Sorge, ob die Frauen das erworbene Wissen in das Alltagshandeln umsetzen und an nachfolgende Generationen weitergeben.
Darüber hinaus üben die Frauen, sich jenseits der Amtskirche solidarisch zu organisieren, die Botschaften der Bibel im Alltagshandel zu überprüfen. Das Verhältnis zur sehr konservativen Amtskirche sei eher angespannt, hören wir. „Wenn eine Frau in Hosen zur Kommunion erscheint, verweigert unser Priester im Barrio hier diese. Er spricht nicht mit uns auf Augenhöhe und hat wohl Angst vor dem Autoritätsverlust“.

Seit sich indigen geprägte Basisgemeinden 2006 aktiv am Volksaufstand in Oaxaca beteiligten, sind sie bei der Amtskirche in Ungnade gefallen. 26 Tote, viele Verletzte, Verhaftungen – und ein tiefer Riss zur Amtskirche waren Folgen. Die Frauen wurden als „Terroristinnen“ gebrandmarkt.

Eine entsprechende Unterstützung fehlt. Es braucht Kraft und Mut zur Selbstorganisation und Emanzipation. In Oaxacas Kathedrale hängt noch immer der polnische Papst Johannes Paul II, als ob es Papst Francisco nicht gäbe. Die Basisgemeinden kämpfen mit dem Kazikentum auf allen Ebenen- viele Frauen nehmen einerseits an den Angeboten der Basisgemeinden teil, andererseits unterwerfen sie sich den priesterlichen Autoritäten. Evangelikale und pfingstlerische Freikirchen drängen in die Barrios. Nicht zuletzt hadern die Frauen mit dem häuslichen Machismo.

Unsere Freundin und ehemalige Mitbewohnerin Brenda ergreift am Ende das Wort. Sie spannt den Bogen zu ihrem Aufenthalt in Deutschland, der sie für die Notwendigkeit eines ökologischen und nachhaltigen Lebensstils verstärkt sensibilisiert habe. Brenda appelliert an die Eine Welt, die ein solidarisches Miteinander brauche. Migration ermögliche es, voneinander zu lernen, Konzepte der Moderne in Frage zu stellen, weltweit gemeinsam nach Lösungen zu suchen, um den Planeten zu schützen und auch Zugewanderten human zu begegnen, gleichgültig ob es um die Karawanen aus Zentralamerika oder Kriegsgeflüchteten aus Syrien und Afghanistan in Deutschland gehe.

Die Versammlung schließt mit einem Gebet. Gerührt von Brendas Worten und berührt vom Engagement der Gemeindemitglieder verabschieden wir uns herzlich.

„Bleib ruhig und lauf so schnell du kannst“

Unsere Rucksäcke stellen wir in Dona Juanitas Küche ab, ein heimeliger Ort, den wir während unserer 6 Tage in der unruhigen Hauptstadt Mexikos als ein Zuhause schätzen lernen. „Es tu casa- es ist dein Haus“, begrüßt uns die pfiffige 72-jährige herzlich. Das Terrain bewohnt sie seit dem 1. September 1971. Hunderttausend Menschen, die vor widrigen Lebensbedingungen flüchteten, fanden mit ihr eine Bleibe in der Steinwüste am damaligen Stadtrand.

An der größten Landbesetzung, die jemals in Lateinamerika stattfand, beteiligten sich Menschen aller Regionen. Das Viertel galt von Anbeginn an als Schmelztiegel indigener Kulturen. Die Regierung vergab die Landtitel moderat, eher heftig gestalteten sich Auseinandersetzungen untereinander, um das nachbarschaftliche Miteinander für die Kommune zu entwickeln. „Das strengte an und bleibt bis heute schwierig“, berichtet Dona Juanita, die engagiert an Bürgerversammlungen teilnimmt, z. B. um Stromerhöhungen auszubremsen oder für die gerechte Verteilung des Wassers zu kämpfen.

El Pedregal de Santo Domingo, Steinwüste heißt das Viertel. Ein halbes Jahrhundert später kennt es aufgrund der dichten Bebauung wiederum kaum Grünflächen.

Die sozialen Verwerfungen haben sich in den letzten Jahren verschärft. Vís a vis´ von Juanitas Haus dealen junge Männer. An den Wochenenden gebe es viele Betrunkene, warnt uns Juanitas Schwiegertochter Ericka. „Verlauft euch nicht. Anfangs hatte ich stets Angst, in einer der Sackgassen zu landen, überfallen zu werden.“

An einen Umzug ist aufgrund der hohen Bodenpreise nicht zu denken. Das Haus wurde entsprechend aufgestockt. Dona Juanita lebt in der Wohnküche, zwei Söhne mit ihren jeweils vierköpfigen Familien im ersten und zweiten Stock. Sohn Hector, von Beruf Soziologe betont die Wichtigkeit im Viertel zu bleiben, um nicht den Banden die Straße zu überlassen.

Auf einem Spaziergang durch das Viertel entdecken wir Schuhe, eulenspieglerisch in Stromkabel hoch über uns verknotet. Ein derber Jugendstreich?

Unsere Gastgeber eskortieren uns am ersten Tag auf Schritt und Tritt, als seien wir willkommenes Haifischfutter für korrupte Taxifahrer und Taschendiebe in der drängend engen Metro, wichtigstes Transportmittel für 22 Millionen Einwohner_innen. Selbst wenn die Kinder in spezielle Schulbusse steigen, reisen Familienangehörige mit- groß ist die Unsicherheit vor kriminellen Umtrieben, Entführungen und Erdstößen.

Das Leben mit den Beben: Die Westküste des amerikanischen Doppelkontinents gilt als hochgradig seismisch gefährdet ist. Zudem errichteten einst die Azteken ihre Hauptstadt Tenochtitlan, das heutige Mexiko auf einer ausgedehnten Seenplatte. Der sumpfige Untergrund löst verstärkt die Erdstöße aus.

Ein doppeltes Trauma: Am 19. September 1985 starben über 10 000 Menschen, eine viertel Million wurde obdachlos. Während der Gedenkfeiern im Jahre 2017 erzitterte die Erde am gleichen Tag erneut für eine Minute mit verheerenden Folgeschäden.

Seitdem nähmen die Bewohner_innen endlich die 1991 installierten Alarmsysteme und Katastrophenübungen ernst, erklärt uns Gastgeber Pedro. Der besorgte Familienvater arbeitet in einem Betrieb für seismische Alarmanlagen. Auch sein Privathaus verfügt über eine solche. „Wenn es piept, bleibt ruhig. Rennt vor die Tür. Ist es zu spät, kriecht unter den Tisch.“

Pedros und Paz` Kinder kennen die Anweisung. Manchmal bliebe kaum mehr als eine halbe Minute Zeit. Paz ergänzt, leider hätten sich Lehrerinnen bei der Evakuierung 2017 vollkommen überfordert gezeigt, vor den Kindern weinend, obgleich diese die Regeln kannten.

Schmiergelder machen es möglich, dass allenthalben auf gefährdeten Flächen Baugenehmigungen erteilt werden. Anwohnende und Umweltschützer_innen protestieren seit über 17 Jahren heftig gegen den bereits zu 20 Prozent fertiggestellten neuen Hauptstadtflughafen, für den der See Texcoco weichen musste.

Eine vom neuen Präsidenten AMLO initiierte Volksbefragung zum Flughafen im Oktober 2018 konnte die ökologische Katastrophe vorerst ausbremsen. Weitere Rechtsauseinandersetzungen stehen an.

Mexiko-Stadt wächst, dürstet, schwankt und wackelt. Grundwasserbohrungen destabilisieren den Boden, jahrausendalte Grundwasserspeicher werden angezapft, bis zu 400 Meter tief ins Erdreich. Planungen sehen Bohrungen bis zu 2000 Meter Tiefe vor. Der Boden weicht auf, Arsen und Fluorsalze vergiften das Grundwasser und gefährden die Gesundheit über die seismischen Bewegungen hinaus.

Die Stadt ist weltweit Spitzenreiter im Verbrauch von Wasser aus Plastikflaschen. Ganze Stadtviertel sind auf Tankfahrzeuge angewiesen, die teures Wasser von privaten Anbietern liefern.

Zudem ist die Verteilung des öffentlich zugänglichen Wassers ungerecht. Der  subventionierte Wasserpreis erlaubt den Reichen der Stadt die Verschwendung für Gärten und Schwimmingpools.

Prognosen zufolge kann die Stadt im Jahr 2030 nurmehr für die Hälfte der Bewohner Zugang zu Wasser garantieren. Schon jetzt fließen pro Sekunde 62000 Liter Wasser durch teils undichte Rohre. Dabei geht ein Drittel des kostbaren Wassers verloren.

Ein im Bau befindliches gigantisches Abwasser- und Klärwerkprojekt im Norden der Stadt soll Lösungen liefern.

https://www.ila-web.de/ausgaben/418/der-giftgürtel-ist-nur-ein-problem-von-vielen (aufgerufen am 17.11.2018)

Wir zittern – angesichts der Fakten, die uns ins Bewusstsein rücken, zugleich wegen der nächtlichen Kälte knapp über dem Gefrierpunkt. Die Hauptstadt liegt 2200 Meter über dem Meeresboden. Unsere Schuhe quatschen von den fortwährenden Regengüssen.

Eingepfercht in die Metro Linea 3 wärmen wir uns auf. Zurück in Santo Domingo, entzündet Juanitos humorvolle und warmherzige Großfamilie am Küchentisch unser Lachen.

Um 17:00 Uhr ziehen wir mit Dona Juanita zur Bürgerversammlung weiter. Heute geht es um das Menschenrecht auf die Energieversorgung und die Senkung des Strompreises. 2 Autos quergestellt versperren die Durchfahrt, flugs ist der Versammlungsraum für die ca. 80 Teilnehmenden parat.


Out of booking.com

In flirrender Hitze spuckt uns der Kleinbus aus. Um 12:00 Uhr am Mittag setzt uns der Fahrer vor einem Hotel in schrillem Rosa aus. Durch die Stadt mit dem merkwürdigen Namen Pinotepa Nacional führt die Drogenroute von Süden kommend. Wir zweifeln, dass wir uns hier wohlfühlen können. Schon beim Einstieg in den Bus vergewisserte sich der Fahrer mehrfach ob unseres Reiseziels. Gerne hätten wir am Vorabend in aller Ruhe eine Unterkunft reserviert. Die gängigen online- Buchungsportale scheinen die Stadt mit 50 000 Einwohnern zu meiden.

Während wir bei 35 Grad ohne Schatten unentschlossen auf dem Gehweg vor dem Bonbonhaus verharren, beschimpft uns wild gestikulierend ein vermutlich psychisch kranker Mann. Das ist unsere erste unangenehme Begegnung nach 3 Wochen mit wunderbar freundlichen Menschen in Mexiko.

Was wir hier suchen? Ebi entdeckte in der Zeitung die Ankündigung. Die Universidad de la Costa lädt zu einer Woche der afromexikanischen Kultur ein. Neben Workshops freuen wir uns auf Jorge Perez Solano, Regisseur und Drehbuchautor. Sein neuer Film La Negrada über schwierige Lebensbedingungen der Afromexikaner_innen wird im Drehort Pinotepa präsentiert.

Unsere Freude auf ein cineastisches Erlebnis steigert sich in der Erwartung, gemeinsam mit den Menschen, um die es geht, vor der Leinwand zu sitzen. Unwillkürlich denken wir an Edgar Reitz und seine Heimatfilme über den Hunsrück.

Schon eine Stunde später lauschen wir im klimatisierten Hörsaal einer Menschenrechtsaktivistin. Hilda Guillén Serrano präsentiert vor ca.250  in blau-weiße Schuluniformen gekleidete Student_innen ein Projekt. Das Erdbeben vom Februar 2018 hatte in den afromexikanischen Gemeinden nahe der Pazifikküste viele Häuser zerstört. Das Projekt sucht Zugang zu Frauen.

Mit Brennholz betriebene Holzöfen und Feuerstellen aus Stein sollen wiederaufgebaut werden. Sie gelten als zentrale Orte zur Ernährung der Familien, auch um über die Kochkunst die Kultur zu bewahren, identitätsstiftend zu wirken und Frauen gleichzeitig zu demokratischer Teilhabe zu befähigen. Resilienz ist ein Ziel. Traumatische Erfahrungen mit den Erdstößen wie mit den Beben durch häusliche Gewalt hemmen die Emanzipationsprozesse. „Bewegt euch, umarmt euch, hört euch zu und vor allem überwindet die Angst“ , ist das Credo der Referentin für einen ganzheitlichen Bildungsansatz.

Die Universidad de la Costa wirkt auf uns bei 35 Grad Außentemperatur wie eine Oase. Auf dem weitläufigen 2013 gegründeten Campus unter Bäumen studieren zurzeit 500 Student_innen Krankenpflege, Agroingenieurwissenschaften, Veterinärmedizin, Industriedesign und Betriebswirtschaft, betreut von 23 Dozent_innen.
http://www.uncos.edu.mx

Der akademische Vizedirektor Dr. José Hernández Hernández nimmt sich Zeit für unsere Fragen.

Die gebührenfreie Universität mit Präsenspflicht von 8:00 Uhr bis 19:00 Uhr bildet Fachkräfte der Region aus, deren Erstsprache mixteco, chatino  und amuzgo ist.

Die Hochschule schafft Räume für interkulturelle Begegnungen. Menschen unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft studieren gemeinsam an einer staatlichen Hochschule. Mit der afromexikanischen Woche entsteht ein Forum, das die kulturellen Besonderheiten, sozialen Lebensbedingungen und politischen Interessen der Bevölkerungsgruppe, im universitären Rahmen sichtbar macht. 1,3 Millionen, d.h. ein Prozent mexikanischen Bevölkerung sind Nachfahr_innen ehemaliger Sklaven, bis heute unter prekären Bedingungen lebend. Ihre Kultur wird auch von der mexikanischen Gesellschaft kaum wahrgenommen, geschweige denn wertgeschätzt.

Fern der Stadt Oaxaca, unmittelbar an der Grenze zum konfliktiven Bundesstaat Guerrero mit seiner Hauptstadt Acapulco gelegen, studieren hier gleichviele Männer wie Frauen. Seit es auf dem Land Universitäten gebe, seien die Studienabbrecherquoten auf 15 Prozent gesunken.

Dr. Hernandez zeigt sich überzeugt von seinem Konzept der engen Führung. Die jungen Menschen sollen sich nicht verlieren, sich anstrengen und für ihre gute Ausbildung Selbstverantwortung übernehmen. Der Einsatz werde beim späteren Berufseinstieg in den lokalen Arbeitsmarkt belohnt. Er gibt an, 90 Prozent fänden anschließend einen Arbeitsplatz. Junge Studentinnen, mit denen wir später auf dem Flur sprechen, zeigen sich skeptischer. Sind die Prognosen verfrüht? Die Universität ist jung, ein Studium der Veterinärmedizin erstreckt sich über 5 Jahre, die ersten Absolventen verlassen soeben die Hochschule.

Auf alle Fälle habe die Hochschule klare Regeln und einen guten Ruf, die positive Einstellung zur Arbeit zu fördern. Wer Drogen konsumiere, fliege sofort. Wer mehr als 15 Prozent Fehlzeiten aufweist, erhalte keinen Abschluss. Bei Fehlverhalten werde das Stipendium von 1700 mexikanischen Pesos (85 Euro) gekürzt, das fast allen Studierenden für Transportkosten und Unterhalt zusteht.

Dr. Hernandez, von Hause aus Ökonom, möchte in den kommenden 5 Jahren die Zahl der Studierenden und der Dozent_innen verdoppeln sowie die Kooperation mit den Betrieben intensivieren.

Der Dozent Felipe aus Kolumbien, seit 2 Monaten als Agraringenieur angestellt an der veterinärmedizinischen Fakultät, veranschaulicht Kooperationsmöglichkeiten an einem Beispiel. Die Campesinos leben von Tierzucht, sie verkaufen bereits die jungen Rinder, auch weil die trockenen Böden nur begrenzt Weideland bieten. Den eigentlichen Gewinn machten Viehhändler und Mastbetriebe im Norden. Forschung und Lehre suchen hier neue Wege für die lokale Landwirtschaft. Zugleich ist auch hier drängend, den illegalen Holzeinschlag zur Gewinnung von Weideland auszubremsen. In der Trockenzone fallen weniger als 800 mm Niederschläge jährlich bei steigender Tendenz.

Die Rinderzucht als Einkommensquelle- schon auf der Anreise nach Pinotepa Nacional sahen wir viele Herden auf Schneisen weiden, in den dichten Wald gerissene Wunden.

Wer sind die Dozent_innen, die laut Dr. Hernandez ein hartes Assessment durchlaufen? Auf die Lehrprobe folgt ein Interview, anschließend ein psychologischer Test. Arbeitssuchende promovierte Wissenschaftler aus ganz Mexiko und Nachbarländern bewerben sich- und die stete Herausforderung bleibt, sie mittelfristig in der Region zu halten. Auch darum hofft Dr. Hernandez, das akademische Niveau zu erhöhen und attraktive Forschungsstellen einzurichten.

Mit Interesse nimmt der Vizedirektor die https://blauemurmel.blog zur Kenntnis. Wir versprechen, ihm eine spanische Übersetzung unseres Berichtes über die Küstenuniversität und spüren seine Suche nach einem verstärkten internationalen Austausch. Es mangelt den Student_innen an englischen Sprachkenntnissen. Dozent_innen mit der Erstsprache Englisch zögen jedoch oft bereits nach einem Semester weiter.


Die Uhr ist auf 17:00 Uhr vorgerückt. Das Programm schließt mit Tänzen auf der Bühne des Auditoriums ab. Talentierte Musikgruppen begleiten den Fandango und trommeln zur afrikanisch geprägten Musik. „Baile director, baile, tanz “, johlen vergnügt die an Zehntklässler erinnernden Student_innen im Saal.

Am Ende werden Dr. Hernandez, aber auch wir quietschvergnügt auf die Bühne gezerrt. „La danza libera el alma“- der Tanz befreit die Seele. Was für ein schöner Ausklang .

Zurück in der Stadt Pinotepa Nacional, die in der Dunkelheit schon weniger öde und staubig wirkt. Trotzdem entdecken wir überproportional viele kleine Spielsalons.

Aber auch hier kommen wir mit vielen freundlichen und an uns interessierten Menschen ins Gespräch. In der Stadtbibliothek arbeitet ein ehemaliger Buchhändler ehrenamtlich. Seine Liebe zur Literatur gibt er an junge Menschen weiter. Er versteht sich als Sisyphus im digitalisierten Alltag und vermittelt uns den Eindruck, dass er sich nicht unterkriegen lässt. Die Stadt braucht viele Leuchttürme.

Pinotepa bedeutet übrigens auf nahuatl „in Richtung des bröckelnden Hügels“- nachdenklich ziehen wir weiter.

Totenkopf aus Marzipan

Bekannt ist, wie lebendig in Mexiko Allerseelen, der „Dia de los muertos“, gefeiert wird. Jetzt haben wir Gelegenheit, dies zu erleben.

Oaxaca ist schon Tage zuvor festlich geschmückt. Wir stoßen auf bunte Altäre an öffentlichen Plätzen wie in privaten Wohnungen. Vieles wirkt für uns bizarr und skurril: Totenköpfe und Särge aus Marzipan und Schokolade, bunt verzierte Schädel aus Zucker, Gerippe aus mandelbespicktem Backwerk und Puppen mit Totenmasken aus Pappmache.


Insbesondere die jungen Leute freuen sich auf die „Comparsa“, den großen Umzug, der eher einem Fastnachtsumzug in Mainz gleicht. Die Einheimischen, aber auch viele Touristen maskieren sich, eine laute Kapelle begleitet den Festumzug. Voran schreitet jeweils eine Person, die peitschenschwingend den Weg frei macht, den herandrängelnde Schaulustige oft versperren.


Rebecca und Cecilia, im Alter von Anfang 20 kündigen freudestrahlend an, dass der Umzug die ganze Nacht durchgehe und Anwohnende die tanzseligen Gruppen mit Essen und reichlich Mezcal versorgten, dem Agavenschnaps. „Ihr könnt gerne mitkommen, Taxis gibt es in der Nacht allerdings keine, falls ihr zuvor zurückkehren möchtet.“ Wir lehnen lieber ab.

„Akzeptiere es, du stirbst um zu leben!“ lautet das Leitmotiv der bunten und farbenfrohen Umzugsgesellschaft in diesem Jahr, der für uns doch etwas befremdlich klingt. Für die Mexikaner_innen hat das Spektakel nichts Makabres. Der Umzug, die bunt geschmückten Altäre, Masken und Kostüme wirken wie Ausdruck unbändiger Lebensfreude.

Gleichzeitig lebt das Fest auch von der Konvention. Ältere beklagen die Anstrengung. „Immer dieser Stress. In diesem Jahr muss ich zu fünf Familien, überall wird erwartet, dass ich mit den Toten esse. Wenn nicht, sind die Angehörigen sehr traurig, wirklich enttäuscht. Am Ende legen wir alle an Gewicht zu von der vielen Schokolade, dem kalorienreichen Essen“, erklärt uns eine Nachbarin.

Die Blume- in Deutschland als Tagetes bekannt – leuchtet orange. Sie schmückt die überbordenden Gräber und Altäre. „Tote können Farben sehen“, heißt es. „Früher wurden sie direkt am Haus, nahe bei den Angehörigen beerdigt wie die Nabelschnüre der Neugeborenen. Heute wissen wir, dass die Verstorbenen vom Friedhof in die Stadt zurückkommen und sich an den Farben erfreuen.“

Einen Höhepunkt bildet der Gang zum Friedhof, genannt Pantheon, mit Blumen, Kerzen, Tortilla, Totenbrot und den Lieblingsspeisen der Verstorbenen. Schließlich soll es den lieben Anverwandten in dieser Nacht an nichts fehlen. Auch Musiker stehen bereit, bedeutsame Lieder der Geehrten gegen ein kleines Entgelt erklingen zu lassen. Straßenkünstler stellen ihre Kunstwerke aus.

Während wir Europäer glauben, uns durch Arbeit, Geld und Hygiene vor dem Tod zu schützen, hat der Tod in der mexikanischen Gesellschaft eine gänzlich andere Bedeutung. Der Schriftsteller Octavio Paz schrieb dazu: „Wenn wir nachts eine Fiesta feiern, sind Leben und Tod eins. Der Tod ist, wenn er tiefgründig und vollkommen ist, auch ein Kult des Lebens. Beide sind untrennbar. Eine Kultur, die den Tod verleugnet, verleugnet auch das Leben.“

Das Totenfest hat im Süden Mexikos eine besondere Tradition. Es zeigt sich wild, bunt und anarchisch, wobei sich katholische Riten, Volksfrömmigkeit mit Halloween- Elementen, indigene Traditionspflege und eine zunehmende Kommerzialisierung vermischen.

Für uns ist es eine große Ehre, am Fest der Familie Castillo teilzuhaben. Wie immer wird viel gescherzt und gelacht- und da es in der Nacht heftig geregnet hat, wird das Picknick auf dem Friedhof am Grab des Vaters am Morgen nachgeholt.

Wo ist der Fernseher?

Wo ist der Fernseher? Hier nicht. Alfonso schlägt mit der Machete den Weg zum Wasserfall frei. Auf 2000 Meter Höhe wandern wir durch die dichte, urwaldähnliche Vegetation am glitschigen Hang. Die vierjährige Sofia springt wie ein Zicklein über die steilen, schmalen Pfade. Die Eltern geraten notgedrungen ins Schwitzen. Sie balancieren die kleine Schwester und einen Picknickrucksack auf den Schultern. So erhalten die Mädchen Umweltbildung von Anfang an.

30 km nördlich der Bundeshauptstadt Oaxaca liegt ein kleines Paradies der Biodiversität. Durch den Ecotourismuspark „Parque Ecoturistico Las Cieneguillas“ führt uns der Forstwirt Alfonso. Mit einem Lachen beschreibt er Schulklassen, die  vergeblich nach einem Fernseher und Wlan fragen.

Schautafeln zeigen Pumas, Rehe, den Jaguar, Wildschweine, Stinktiere und andere Bewohner des Berges. Dauergäste haben vielleicht eine Chance, den Tieren zu begegnen. Zwei Hütten beherbergen die Übernachtungsgäste. An die Eröffnung eines Campingplatzes wird gedacht. Alfonso hofft auf staatliche Förderung für den weiteren sanften Ausbau des Terrains. Denn Las Cieneguillas bietet den Städtern aus Oaxaca und nationalen wie internationalen Touristen eine grüne Lunge bei freiem Eintritt. Allerdings müssen sich die Besucherzahlen in Grenzen halten, um das ökologische Gleichgewicht nicht zu stören.

Die Kommunen San Gabriel Guelache und San Miguel, Etla stemmen das Projekt seit 10 Jahren aus Eigenmitteln, indem die Menschen „“Tequio“ leisten, unentgeltliche Arbeit für die Gemeinschaft, z. B. für die nachhaltige Holzwirtschaft, den Restaurantbetrieb, geführte Wanderungen, Mountainbike- und Bootstouren auf dem kleinen See. Durch die Selbstorganisation der Kommunen finden viele Menschen ein Einkommen. Und der Zusammenhalt wehrt die organisierte Kriminalität der Drogenkartelle ab.

Alfonso arbeitet hier an Wochenenden unentgeltlich. Nach seinem  5-jährigen Studium fand er bislang keine Festanstellung – „Mir fehlen die nötigen Kontakte, Stellen vergibt man oft über Beziehungen“, gibt er achselzuckend preis. So schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch und führt im Rahmen des Freiwilligendienstes sachkundig die Besucher durch den grünen Pelz mit Kopf, Herz und einer konkreten Vision. Er karthografiert, um Wege zu markieren und dem Wandertourismus Schwung zu geben.

Mexiko in Licht…  

In den Bergen rund um die Stadt Oaxaca bieten weitere Kommunen vergleichbare Ökotourismuskonzepte an. Laut Experten verfügt Mexiko über eine umfassende Umweltgesetzgebung und Strategien zum Umweltschutz sowie umfangreiche Projekte der Wiederaufforstung.  68 Nationalparks und 37 Biosphärenreservate sind ausgewiesen.

…und Schatten

Die Umweltzerstörung schreitet ungebremst voran. Laut einer Studie der Heinrich-Böll- Stiftung von 2017 steht Mexiko weltweit an erster Stelle beim Artensterben. Etwa 600 000  ha Wald und Urwaldfläche gehen jährlich verloren. Aktuell sind noch 17  Prozent des Landes bewaldet, vor 100 Jahren war es noch die Hälfte. Quelle: https://www.boell.de/de/2017/06/30/mexiko-wirtschaftswachstum-versus-menschenrechtskrise-im-schatten-der-usa-unter-trump (aufgerufen am 06.11.2018)

So brennt auch im Bundesstaat Oaxaca an vielen Orten das Problem des illegalen Holzeinschlages. Nachts kurven überladene Holztransporter ohne Licht überland. Gegenwehr zeigt sich, sie kann tödlich sein. Eine indigene Umweltaktivistin wurde am 17. Januar 2018 in  Michoacán ermordet. Der Nationale Indigene Rat (CHI) fordert, den Zusammenhang zwischen ihrer Ermordung und ihren Umweltaktivitäten zu untersuchen. In ihrer Gemeinde Cherán wurden bereits 20 000 von 27 000 ha Wald verwüstet.

Sind Ökotourismusprojekte kleine oder keine Tropfen auf heiße Steine? Die blaue Murmel rollt weiter – für den Klima- und Umweltschutz demnächst an den Pazifik.