Klimastreik in Cadíz

Das Alter überrascht. Vor der Stadtverwaltung von Cadíz in Andalusien stehen 14-und 15jährige Schüler_innen mit selbstgestalteten Plakaten vor dem Bauch.
El clima esta cambiandose, porque nosotros no, das Klima verändert sich, warum verändern wir uns nicht.“
Und „Los responsables son los multinacionales“, liest sich die Kapitalismuskritik.

Probleme mit der Schule gebe es eigentlich nicht wegen des Streiks. Ab 14 haben Schüler_innen ein Streikrecht. Für Jüngere sei die Teilnahme ohne Entschuldigung etwas komplizierter. Erst vor Kurzem streikten die Schüler_innen für Reformen im Bildungssystem. Die Schülergewerkschaft organisiert die Proteste.

In Cadíz folgten geschätzt 300 junge Menschen dem Aufruf zum weltweiten Klimastreik. Die pralle Frühlingssonne demonstriert indirekt mit, denn für einen 15. März ist es in Andalusien 2019 ungewöhnlich warm. Ausbleibende Niederschläge bedrohen die Wasserversorgung auf der iberischen Halbinsel. Selbst an der Atlantikküste regnete es im Winter 2019 zu wenig. Längst warnen Klimaforschende vor der Ausbreitung von Wüsten im 21. Jahrhundert.

https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-die-wueste-kommt-1.3260914 (aufgerufen am 19.03.2019)

El problema es el sistema, das System ist das Problem“, skandiert die Jugend, ein wenig enttäuscht ob der verhaltenen Beteiligung am Friday4Future in Cadíz. Noch eine Woche zuvor, am 8. März versammelten sich Zehntausend zum Frauenstreik vor der Stadtverwaltung.

Dennoch zeigt sich Cristina, Mitarbeiterin der andalusischen Menschenrechtsorganisation APDHA beeindruckt. „Die Frauen wie heute die Schüler_innen haben sich selbstständig organisiert, ohne Unterstützung der politischen Parteien. Die sozialen Bewegungen lassen sich nicht instrumentalisieren.“ http://www.apdha.org

Die Einflussnahme auf die bevorstehenden Wahlen wird erhofft. Am 28. April wählt Spanien ein neues Parlament, im Mai finden die Wahlen zum Europaparlament statt. Vielleicht beteiligten sich auch darum landesweit hunderttausende Frauen und viele Jugendliche in Spaniens Großstädten. Weltweit zeigten Schüler_innen an in 120 Ländern an 2000 Orten zivilen Ungehorsam, um den Klimawandel aufzuhalten.

Was soll geschehen? „Wir brauchen erneuerbare Energien. Der Fleischkonsum muss reduziert werden, Plastikmüll ist zu vermeiden,“ mahnen die 14-jährigen.

No tenemos un planeta B, wir haben keinen anderen Planeten“  Den bräuchte Spanien.
Zwei Drittel des Landes leiden unter der Trockenheit, insbesondere das Landesinnere, Galizien, Katalonien und Andalusien.

Trockene Felder, sterbende Gärten. Bericht. Deutschlandfunk 17.02.2017
https://www.deutschlandfunk.de/suedspanien-trockene-felder-sterbende-gaerten-durch-den.724.de.html?dram:article_id=378372 (aufgerufen am 19.03.2019)

Spanien trocknet aus. Kommentar von Reiner Wandler, taz 24.11.2017
http://www.taz.de/!5462563/ (aufgerufen am 19.03.2019)

„Erde in bewohnbare Architektur verwandelt“ Das Terracottahaus

In der kolumbianischen Kleinstadt Villa de Leyva baute der Architekt, Baumeister und Künstler Octavio Mendoza ein 500 qm  großes Haus. 
Die Kleinstadt liegt auf 2150m Höhe in den Anden. Das Haus hielt bislang den teils heftigen  seismischen Erschütterungen  stand. Das Baumaterial gleicht thermische Schwankungen aus. 400 Tonnen Lehm wurden während der Bauphase von 1999 bis 2013  gebrannt, um die Erde in bewohnbare Architektur“  (O. Mendoza) zu verwandeln. Der künstlerische Anspruch verbindet sich mit der nachhaltigen Bauweise. Als „Ort der Inspiration“ zieht  das Terracottahaus viele Besucher_innen an.

http://www.casaterracota.com/web/index.php?lang=en

 

In den Gärten Bogotás

Mittwoch 6. März
Gastgeber Christian erzählt uns die Geschichte seines Stadtviertels und stellt  uns Betty vor, die sich mit anderen für den kommunalen Gemeinschaftsgarten engagiert.  

Eine Regenwurmzucht, Tabakpflanzen zur ökologischen Schädlingsbekämpfung, Obstbäume, ein großer Kräutergarten, Gemüse und Blumen, Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und die Nachbarschaft zur Ernte einladen- auf ca. 1500 qm erstreckt sich die grüne Oase in Nuevo Mozu, ein Stadtteil im Süden der 8 Millionen Metropole Bogotás.

Das ehemalige Trainingsgelände für Polizeischüler gehört der Kommune. Die Bürger_innen leisteten Überzeugungsarbeit, um das Terrain gemeinschaftlich für den ökologischen Gartenbau zu nutzen. Denn seit der Schließung der Polizeischule okkupierten Drogenabhängige und -dealer das verwahrloste Grundstück, das unmittelbar an die öffentliche Grundschule grenzt.
Pflanzen, Werkzeuge, Regentonnen- wir finanzieren uns über Spenden, von der Stadt erhalten wir keine Zuschüsse“, erklärt Betty. Autodidaktisch und unterstützt durch den Botanischen Garten der Hauptstadt bildete sich die Graphikdesignerin fort, um ökologischen Landbau zu betreiben. Als Ruheständlerin widmet sie ihre Zeit und Expertise dem Gartenprojekt. Nach Feierabend und wochenends beteiligen sich Menschen aus der Nachbarschaft in der indigenen Tradition der Gemeinschaftsarbeit Minga.

Soeben wird eine Laube errichtet, die vor Sonne und Regen schützt. „Wir sind Mitglied im Red  Agroecologica del Sur de Bogota, im Netzwerk, um unsere Erfahrungen auszutauschen und die Lobbyarbeit zu organisieren. Die Laube soll als Versammlungsraum dienen“, erläutert Betty.
Leider müssten sie den Garten mittlerweile umzäunen, um Plünderungen zu verhindern.

Ansonsten teile man die Arbeit und den Ertrag „Die Familien sind froh, in der Stadt an die landwirtschaftlichen Traditionen wiederanzuknüpfen. Gleichzeitig wird das Gemeinschaftsgefühl im Stadtteil gestärkt.“

 

Sorgen bereitet zunehmender Starkregen, der die Pflanzen schädigt und das Grundstück überschwemmt. Umso wichtiger wird es, junge Menschen in der Stadt für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion und den Erhalt der Biodiversität zu sensibilisieren und Schulklassen einzuladen. „Wir kämpfen gegen den Klimawandel an, gegen Agrarkonzerne, gegen die Genmanipulation.“

http://cityfarmer.info/peace-plants-and-hip-hop-in-colombia-south-america/  
(aufgrufen am 12.03.2019)

 

Eine Stunde Humboldt

4. März 2019, ein Montag. Stadteinwärts gen Bogotá. Erster Versuch, sich in der Megacity zurechtzufinden. Gastgeberin Titi begleitet uns. Grundkurs zu den Transmilenium- Buslinien. Gelenkbusse auf eigenen Spuren, kaum befriedigender U-Bahn- Ersatz für 8 Millionen Menschen. Ruckelnde Transportkäfige, die durch den dichten Verkehr schlingern. Krampfhaftes Bemühen um einen festen Halt.


Lärmteppich. Bedrückend viele Venezulaner im Bus, die mit Megafonstimmen  an ihre prekäre Lebenssituation erinnern.
Benedetti-Gedichte, Nueva Cancion, HipHop, Bonbons im Angebot. Apathische Kleinkinder. Verunsicherte, betroffene Fahrgäste, die wegschauen oder ermüdet Münzen hervorkramen.


Smog. Luftqualität vor allem im armen Süden horrend schlecht.

Immerhin beeindruckendes Radwegenetz, schon ca. 500 km durch die Stadt. Trendwende erkennbar.
https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-03/bogota-kolumbien-radfahrer-ciclopaseo-strassenverkehr-luftqualitaet (aufgerufen am 07.03.2019)

Untrainiert wagten wir uns nicht auf Drahteseln durch den dichten Verkehr. Leichte Kopfschmerzen auf  2640 Metern Höhe.

Nach 90 Minuten der Ausstieg. Titis Arbeitsplatz im Stadtviertel La Cabrera. Banken, Geschäfte, gepflegte Wohntürme, Grünanlagen. Das wohlhabende Bogotá. Erste Klasse. Fühlen uns auf dem Morgenspaziergang wie im Frankfurter Westend. Titi biegt ab. „Hasta luego, bis später“.

Plötzliche Lücken. Die Sonne wagt sich durch den Smogdunst. Bergketten am Horizont sichtbar. Wir nehmen im Straßencafe Platz, wärmen uns auf. Lesen. El Tiempo, Kolumbiens überregionale liberale Tageszeitung. Und frieren. 11.699 Opfer zwischen 1990 und Januar 2019 durch Anti-Personenminen.
https://www.nzz.ch/international/minenraeumung-in-kolumbien-das-grosse-aufraeumen-ld.137411
(aufrufen am 07.03.2019)

Christoph Harnisch, Leiter des Internationalen Roten Kreuzes in Kolumbien im Interview. Die Zahl der Vertreibungen hat im Vergleich zu 2017 um 90 Prozent zugenommen.
http://www.fluchtgrund.de/2017/01/kolumbien-69-millionen-vertriebene-auch-wegen-kokaanbau/(aufgerufen am 07.03.2019)

https://www.heise.de/tp/features/Kolumbien-Totgeschwiegener-Massenmord-4326484.html (aufgerufen am 07.03.2019)

Urplötzlich begrüßt uns ein galanter älterer Herr mit sonorer Stimme, drei Bücher unter den Arm geklemmt. „Bienvenidos en Colombia. Ustedes están invitados, yo pago la cuenta.

Wir lernen Don Benjamín, den  ehemaligen kolumbianischen Konsul von  Hamburg kennen. Benjamín Ardilo Duarte, Jurist, Romanist, führendes Mitglied der Academia Colombiana de la Lengua, der Akademie für die Sprache.

Er habe den gleichen Frisör wie der kolumbianische Staatspräsident. Nein, dessen Freund sei er nicht. Nun lasse er dem Frisör eine Kolumne von García Márquez zukommen. Über die absolute Vertrauensstellung der Zunft. Immerhin sitzt  das Barbiermesser am Hals des Regierungsführers. Doch wie gut, der Präsident hört auf dem Stuhl, was das Volk denkt.

Wir trinken Wasser. Don Benjamín sprudelt. Springt zu den Anfängen. Zu den ersten Deutschen in Kolumbien. Viele Literaturtipps. Germán Arciniegas, El Papel de los Alemanes en la Conquista, über die Rolle der Deutschen während der Eroberung Kolumbiens.

Ach, Humboldt. Alexanders Spuren in Kolumbien.
Erster Karthograph des Rio Magdalena.

Humboldts Drängen auf die Einführung der Loren in den Salzbergwerken von Zapaquirá, um die Sklavenarbeit zu beenden.
Verboten erst 1851.

Humboldt schrieb im Originaltext auf Französisch. Einziges Büchlein auf Spanisch, ein Kompendium über die Botanik Kolumbiens. 25 Prozent der aufgeführten Pflanzen landeten im Export. Früchte. Blumen für den Valentinstag.

Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Paris. Ermutigt die lateinamerikanischen Exiliierten. Seine Botschaft nach 5 Jahren Südamerika, der Kontinent sei reif für die Unabhängigkeit.

 

 

Don Benjamíns Salto rückwärts. Landet wie eingangs beim Menschenfreund des 21. Jahrhundert. García Márquez. Die Popularität. Menschen in der Schlange am Zeitungskiosk. Der phänomenale Bericht eines Schiffbrüchigen erschien wöchentlich, in der Tageszeitung portioniert.

Gabos universale Themen.
Gabo als Autor der Karibenos. Gabo wie andere Musiker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Dichter der Karibikküste, die den tiefen Rassismus zwischen den Hochland- und Tieflandbewohnern verkleinern konnten.
Eingeschobene Anekdoten.
Gabos Talente seien frühzeitig erkannt worden:
Ein neuer Cervantes, schade dass er Caribeno ist.
Lest Gabos, wenn ihr Kolumbien verstehen wollt“, Don Benjamins letzte Empfehlung zum Abschied.  Eigentlich hat nur der Handkuss gefehlt.

 

Wir ziehen weiter durch Parkanlagen Richtung Stadtzentrum. Männer liegen ausgestreckt auf dem Rasen. Obdachlose?  Venezolanische Geflüchtete?

Reiben uns die Augen. Aha, die Männer tragen in Arbeitskleidung. Siesta der Bauarbeiter. Immer wieder der wichtige zweite und dritte Blick auf die Zustände.

Erschöpfte Rückkehr nach Hause in unser Dachjuche, Chia liegt am nördlichen Stadtrand. Kleine Panikattacke, als wir uns zum Ausstieg durch den Bus boxen müssen. Wie mühsam für die Berufspendler_innen tagtäglich.

Wollen Humboldt nachlesen, angestiftet durch die Begegnung mit Don Benjamin. epub download Andrea Wulf (2016), Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. München. Geöffnet.
Sie krochen auf allen vieren einen hohen, schmalen Grat entlang, der an manchen Stellen nur fünf Zentimeter breit war. Der Pfad, wenn man ihn so nennen konnte, war voller Sand und loser Steine…“.

Weltendecker Humboldt vor 200 Jahren scheute keine Mühen. Unser Gejammer über die drangvolle Enge im Stadtbus Bogotás verstummt. Wie leicht lässt sich im 21. Jahrhundert die blaue Murmel erkunden.

11 Frauenstimmen zum 8. März

Yuri, Lehrerin aus David, Panama

Yuri unterrichtet an einer Landwirtschaftsschule. In der Freizeit engagiert sie sich in unterschiedlichen Netzwerken für Gendergerechtigkeit.

Erst seit 2014 erlauben Panamas Schulen Sexualaufklärung. Dagegen zieht die Partido Patriótico der neuen Rechten auf die Straße. Sie mobilisiert im Wahlkampfjahr 2019 zudem gegen die Gleichstellung der Ehe. Der versuchte Stimmenfang bedroht die Demokratie und Menschenrechte…
Die Menschen zu sensibilisieren ist wichtig, Partizipation ist entscheidend, mitmachen zu können. Gerade sind die Frauen in weiße Laken gehüllt gegen Feminizide auf die Straße gegangen.“

Marcela, Hausangestellte aus Oaxaca, Mexiko

Marcela versorgt tagsüber eine Demenzkranke, abends zuhause ihre Söhne und die schwerstbeeinträchtige Enkelin.

Ich bin nur 6 Jahre zur Grundschule gegangen und hoffe, dass meine Kinder es besser haben. Mein Mann arbeitet in einer Schlachtfabrik. Zu Hause macht er nichts und lässt mich mit der Kindererziehung allein. Dies ist eben Machismo in Mexiko.“

 

Jessica, Angestellte aus Puerto Viejo, Costa Rica

Jessica arbeitet von 8:00 Uhr bis 14:00 Uhr im Reisebüro und von 16:00 Uhr bis 22:00 Uhr im Einzelhandel. Zwischendurch versorgt sie ihre Kinder.

„Mir macht die Arbeit im Reisebüro Freude, weil mein Chef mir Freiheiten lässt. Außerdem: Aqui en el Caribe manda la mujer, die Frau bestimmt. Auch von nervigen Kunden lasse ich mir nichts gefallen. Seit meinem 5. Lebensjahr muss ich arbeiten, weil ich aus einer sehr armen Familie stamme…Die gute Erziehung meiner Söhne ist mir das Wichtigste. Sie sollen nicht in das Drogenmilieu abdriften. Zum Glück unterstützt mich mein Lebenspartner, der als Taxifahrer arbeitet. Das Leben ist so teuer, da komme ich mit einem Stundenlohn von 2.000 Colones (ca. 3,30$) nicht weit…Meine junge sehr hübsche Kollegin im Laden wird häufiger gefragt, wieviel sie für eine Nacht kostet, einfach widerlich.“

Paz, Psychologiestudentin aus Mexiko-Stadt

48-jährig setzt Paz ihr Studium der klinischen Psychologie fort, das sie vor 12 Jahren wegen der Kinder unterbrach. Sie hofft, sich als Therapeutin niederzulassen.

„Hier gibt es so viel häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, mir liegt eine gewltfreie Kommunikation sehr am Herzen.“

 

Dona Givis, Hotelierin aus Cartagena, Kolumbien

Als selbstständige Unternehmerin eröffnete Dona Givis ein Hotel im Stadtteil Getsemani.

„Dem Ausverkauf unseres historischen Erbes wollte ich bewusst etwas entgegensetzen. Ich habe das Haus 2008 in schlechtem Zustand erworben und nach und nach zum Hotel umgebaut. Hier arbeiten nur Mitarbeiter_innen mit festen Verträgen, die aus meinem familiären Umfeld kommen oder aus Cartagena sind. Die Galerie im Foyer des Hotels ermöglicht lokalen Künstler_innen, sich zu präsentieren.
Freiwillig sind wir der Initiative lokaler Hoteliers beigetreten, die sich verpflichtet, Prostitution nicht zuzulassen. In der Stadt sind leider Touristen unterwegs, die Sex mit Minderjährigen suchen.“

Faustina, Kakaobäuerin aus Shiroles, Costa Rica

Faustina ist Präsidentin einer Frauenkooperative und als Angehörige der BriBri in der Mythologie verwurzelt.

„El Cacao es feminino, der Kakao ist weiblich. Nosotras, wir Frauen geben das Leben. Der Name der Frau wird an die Nachfahren vererbt, die Frauen besitzen die Landtitel. Das patriarchalische Erbe der spanischen Eroberung brauchen wir nicht. Für uns sind Männer und Frauen gleich. Macht über andere auszuüben, gehört nicht in unsere Kultur, wir Frauen pflegen den Respekt.“

Rebecca, Tänzerin aus Mexiko-Stadt

Rebecca hat soeben ihr Studium als Tänzerin erfolgreich beendet. Sie genießt das Leben in der Großstadt.

„Ein Macho als Partner kommt für mich nicht in Frage.“

 

 

Psychologinnen aus Mendoza, Argentinien

Die Kinder- und Jugendpsychologinnen leisten Präventionsarbeit und Traumabewältigung.

„Die Zahl der Frauenmorde hat in Argentinien 2018 zugenommen, vielleicht weil der Tatbestand endlich indiziert wird.“

 

Yolanda, Hebamme aus Oaxaca, Mexiko

Yolanda ist Zapotekin. Sie hat ihr Wissen und ihr Handwerk von ihren Großmüttern erlernt. Yolanda begleitet Frauen bei Hausgeburten sowie in Krankenhäusern, falls Gynäkologen dies zulassen. Sie appelliert:

„Lebt eure Bräuche, vergesst nicht eure Geschichte inmitten der schwierigen Zeiten des Neoliberalismus.“

 

Lidia, Tagesmutter aus BriBri, Costa Rica

Lidia betreut tagsüber Kinder in einem Haushalt.


„Ich bin Landbesitzerin, da in unserer Kultur die Parzellen den Frauen vermacht werden. Meine Eltern leben ganz in der Nähe. Jede BriBri-Familie verfügt über ein kleines Stück Land. Es darf grundsätzlich nur an Indigene verkauft werden. So bleiben wir zusammen, um unsere Kultur zu pflegen…
Hier gibt es viele junge Mütter. Obwohl die jungen Frauen kostenfreien Zugang zu Verhütungsmitteln wie z. B. der Dreimonatsspritze haben, macht sich die Jugend keine Gedanken. Gesetzlich sind die Väter später zu Unterhaltungszahlungen verpflichtet.“

Geraldine, Modedesignerin und Filmschaffende aus Minca, Kolumbien

Geraldine hat soeben ein betriebswirtschaftliches Fernstudium aufgenommen, um gemeinsam mit ihrem Lebenspartner ein Hostal zu betreiben.

„Eine gute Ausbildung und finanzielle Eigenständigkeit, das brauchen die Frauen in Kolumbien, um sich zu emanzipieren. Die Religion nimmt so viel Einfluss. Frauen sollen ihr Leben den Kindern opfern. Oft bekommen die Frauen früh schon Kinder. Damit endet die Berufstätigkeit. Sie bleiben zuhause. Wichtig wäre eine gute Sexualaufklärung. Davon habe ich in der Schule nichts mitbekommen. Unsere Gesellschaft ist leider noch immer sehr wertkonservativ… Frauen, die eine Fehlgeburt haben, droht Gefängnis. Man unterstellt ihnen, sie hätten einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Der steht unter Strafe.
Ich werde ständig gefragt, warum ich nicht verheiratet bin, warum ich keine Kinder habe, auch von meiner Familie. So, als ob man ohne Kinder keine richtige Frau sei. Ich möchte einen anderen Lebensentwurf wagen. Und Spuren hinterlassen…Manche feministischen Frauengruppen in Kolumbien sind sehr extrem. Mir geht es darum, die gleichen Rechte zu haben wie die Männer. Mich macht es wütend, wenn Frauen sich weiterhin den Männern unterordnen und nicht für ihre Rechte einstehen.

 

Spurensuche in Macondo

Er lässt uns nicht los. Gabriel García Márquez. Den 1967 veröffentlichten Roman über die Familie Buendía im Dorf Macondo verschlingen wir in der Neuübersetzung. Dagmar Ploetz versucht den lakonischen Stil des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ einzufangen, stärker als die kraftvoll poetische Übersetzung von Curt Meyer-Clason, der zärtlichen Nieselregen fallen ließ. Una lloviszna tierna. Bei Ploetz regnet es bloß sacht.

Ein pures literaturwissenschaftliches Problem. Die Bauern in den Sümpfen nahe des Städtchens Mompos fürchten die realen Wetterkapriolen. Dürren und Überschwemmungen nähmen in den letzten Jahren an Heftigkeit zu. Man brauche zwei Weiden, damit die Tiere weder ertrinken noch verhungern. Ein dosiertes Himmelswasser müsste wunderbar sein.

Die poetische Sehnsucht nach Geniesel erschließt sich schnell. In der bleiernen Mittagshitze legen wir ein Lesestündchen am Ufer des Magdalenaflusses ein, der heute grünliches Niedrigwasser führt.

Tafeln zeigen die dramatischen Pegelstände seit dem 19. Jahrhundert an. Entsprechend goss es im fabulierten Macondo 4 Jahre, 11 Monate und 2 Tage ohne Unterlass. Gehüllt in eine Wachstischtuchdecke schützt sich Aureliano Segundo, wenn er trotz des Unwetters zum Haus der Geliebten eilt.

Unsere Neugierde führte uns nach Mompos, ein bedeutsamer Ort, um sich der kolumbianischen Geschichte und Seele anzunähern. Der Dichter sei insbesondere durch die abgelegene Region inspiriert.

Der Bus erreicht das Städtchen über eine Sandpiste. Unterwegs geben sich die Fahrgäste eifrig als Verwandte des Dichters zu erkennen. „Meine Schwägerin ist die Kusine von Gabos Enkelin und selbst Künstlerin, Malerin, Poetin“.

Während wir kaum nachkommen, diverse Verwandtschaftsrätsel zu lösen, denken wir an das Inzest-Trauma in Macondo. Auch der letzte Nachfahre der Buendia-Familie wurde mit einem Schweineschwänzchen geboren. Er starb als Neugeborenes, von roten Ameisen verschleppt. Nach 378 Seiten endet der Roman, nicht aber Macondos Einsamkeit.

Viele Fische sind umgezogen, sie kommen gewiss irgendwann wieder“, erklärt ein Mann vorwissenschaftlich die ökologische Katastrophe um das Fischsterben im aufgeheizten Wasser.

Mutig wage ich mich in einen örtlichen Friseursalon. Rina lacht, verspricht mir, weder Spinneneier noch Eidechsen in die verzausten Haare zu flechten. Unser Gesprächszopf rankt sich um ihr Engagement als Vorleserin. Ihre halbwüchsigen Söhne sollen die Literatur entdecken. Gabo sei nunmal Pflichtlektüre in der Schule. „Sobald sich ihr Smartphone endlich entladen hat, helfe ich bei den Hausaufgaben. Meinen Mann kümmert es leider nicht.“

Der Fluss von Mompos ist gar kein Fluss, sondern nur ein Ärmchen des breiten Magdalena- Stroms.

Das reiche koloniale Handelsstädtchen verlor an Bedeutung, als der Schiffsverkehr im 19. Jahrhundert umgeleitet wurde. Im Roman scheitert im Übrigen ein ehrgeiziger Buendía- Spross im Versuch, das Flussbett auszugraben, um die Dampfschifffahrt zu beleben.

Heute entwickelt sich langsam der Tourismus. Regisseure reisen an, beeindruckt von der Filmkulisse.

Zum Jazzfestival erwartet Mompos alljährlich viele Gäste.

Wie zum soeben nahenden Karneval. Unter Anleitung studiert die Jugend in der Abenddämmerung folkloristische und moderne Tänze ein.

Unzählige Motorräder knattern durch das überschaubare, fußläufige Örtchen. Unsere sensiblen Ohren leiden unter dem Lärmteppich. Weh, falls es nicht gelingt, sich aufs schmale, erhöhte Trottoir zu retten. Entspannte Spaziergänge beschränken sich auf einzelne Straßenzüge der Altstadt.

Die gnadenlosen 37 Grad im Schatten lähmen. Als wir nach 3 Tagen Abschied nehmen, trauert die Literaturfreundin. Sie bliebe gerne noch ein Weilchen, um über das Literatenblut zu sinnieren. Denn sobald sich in der Abendkühle die Türen öffnen, Anwohnerinnen zum Plausch aufgelegt in ihren Schaukelstühlen wippen, werden Erzählungen gesponnen. „Der Sohn meines Schwagers hatte einen  Onkel, dessen Vater Garcia hieß und der  den Dichter zumindest persönlich kannte.

Wie andern Ortes die Geschichte von der Giraffe, die 1,75 m maß. Sie hieß Ramona und lebte in Cienaga, „muy alto, cuello grande.“ Den langen Hals habe sie gewöhnlich mit einem Halstuch kaschiert. Der von Statur kleine Dichter soll mindestens 15 Jahre gelitten haben.

Meine Tante Ramona hat seine Liebe nicht erwidert. Sie heiratete später einen Deutschen. Das ist nachzulesen in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“, erklärt uns der Neffe. „Gabo hat in seinen Romanen Ramona vervierfacht. Sie taucht z. B. als Fernanda in Hundert Jahre Einsamkeit auf, als Fermina im Cholerabuch.

Der Neffe Guillermo Henriquez Torres empfing uns in seinem Haus. Als wir klopften, legte der 79-jährige Schriftsteller, Soziologe, Dramaturg und Schauspieler bereitwillig die Arbeit an seinem neuen Manuskript zur Seite. Don Guillermo bietet uns eine anekdotenreiche Geschichtsstunde. Kolumbiens Kolonialgeschichte, die jahrhundertüberdauernde Gewalt als Folge sozialer Spaltung, der Streik der Bananenarbeiter in Ciénaaga und der Dichter Gabo, der am 17. April 2014 in Mexiko starb.

Ich war 25 Jahre alt und noch nicht fertig mit dem Studium. Gabo war bereits ein geachteter Schreiber. An einer Straßenecke verkaufte ich Antiquitäten. Plötzlich bremste ein Jeep, eine pittoreske Gestalt stieg aus. „Wie spät ist es“, fragte Gabo. Ich sagte:„Ich trage niemals eine Uhr“. Der Dialog war der Schlüssel zum Beginn unserer langjährigen Freundschaft. Kurz darauf lebten wir beide in Barcelona, wir trafen uns regelmäßig am Freitagnachmittag, diskutierten unsere Texte und die Politik.“

Don Guillermo legt uns sein Buch ans Herz, 2006 in 2. Auflage erschienen. El misterio de los Buendía, das Geheimnis der Buendía, ein Begleitbuch zum Verständnis des Einsamkeitsromans. „Gabo war in erster Linie Chronist. Selbst ich tauche in einem seiner Texte als literarische Figur wieder auf“, bemerkt er. „Alzheimer war eine Familienkrankheit der Garcias, kein Wunder, dass auch die Romanfiguren zur Vergesslichkeit neigen.“

Unsere Frage nach dem Verhältnis der Kolumbianer_innen zu ihrem Dichter beurteilt Don Guillermo als gespalten. Natürlich sei man stolz auf den Nobelpreisträger. Seine Nähe zu Kuba, seine sozialistische Haltung, das Exil in Mexiko und seine bissige Kritik an den undemokratischen Verhältnissen in Kolumbien seien jedoch bis heute Reizthemen.
Umgekehrt sei  Gabos Verhältnis zum Herkunftsland  sehr ambivalent. „Seine Romane schrieb er voller Nostalgie, in den Gesprächen äußerte er sich schnell scharf ironisch und kritisch.“

Die Gesten der Versöhnung: Zum 80-zigsten Geburtstag reiste der Dichter mit dem Zug  in seinen Geburtsort Aracataca. Er wurde jubelnd empfangen.