Spurensuche in Macondo

Er lässt uns nicht los. Gabriel García Márquez. Den 1967 veröffentlichten Roman über die Familie Buendía im Dorf Macondo verschlingen wir in der Neuübersetzung. Dagmar Ploetz versucht den lakonischen Stil des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ einzufangen, stärker als die kraftvoll poetische Übersetzung von Curt Meyer-Clason, der zärtlichen Nieselregen fallen ließ. Una lloviszna tierna. Bei Ploetz regnet es bloß sacht.

Ein pures literaturwissenschaftliches Problem. Die Bauern in den Sümpfen nahe des Städtchens Mompos fürchten die realen Wetterkapriolen. Dürren und Überschwemmungen nähmen in den letzten Jahren an Heftigkeit zu. Man brauche zwei Weiden, damit die Tiere weder ertrinken noch verhungern. Ein dosiertes Himmelswasser müsste wunderbar sein.

Die poetische Sehnsucht nach Geniesel erschließt sich schnell. In der bleiernen Mittagshitze legen wir ein Lesestündchen am Ufer des Magdalenaflusses ein, der heute grünliches Niedrigwasser führt.

Tafeln zeigen die dramatischen Pegelstände seit dem 19. Jahrhundert an. Entsprechend goss es im fabulierten Macondo 4 Jahre, 11 Monate und 2 Tage ohne Unterlass. Gehüllt in eine Wachstischtuchdecke schützt sich Aureliano Segundo, wenn er trotz des Unwetters zum Haus der Geliebten eilt.

Unsere Neugierde führte uns nach Mompos, ein bedeutsamer Ort, um sich der kolumbianischen Geschichte und Seele anzunähern. Der Dichter sei insbesondere durch die abgelegene Region inspiriert.

Der Bus erreicht das Städtchen über eine Sandpiste. Unterwegs geben sich die Fahrgäste eifrig als Verwandte des Dichters zu erkennen. „Meine Schwägerin ist die Kusine von Gabos Enkelin und selbst Künstlerin, Malerin, Poetin“.

Während wir kaum nachkommen, diverse Verwandtschaftsrätsel zu lösen, denken wir an das Inzest-Trauma in Macondo. Auch der letzte Nachfahre der Buendia-Familie wurde mit einem Schweineschwänzchen geboren. Er starb als Neugeborenes, von roten Ameisen verschleppt. Nach 378 Seiten endet der Roman, nicht aber Macondos Einsamkeit.

Viele Fische sind umgezogen, sie kommen gewiss irgendwann wieder“, erklärt ein Mann vorwissenschaftlich die ökologische Katastrophe um das Fischsterben im aufgeheizten Wasser.

Mutig wage ich mich in einen örtlichen Friseursalon. Rina lacht, verspricht mir, weder Spinneneier noch Eidechsen in die verzausten Haare zu flechten. Unser Gesprächszopf rankt sich um ihr Engagement als Vorleserin. Ihre halbwüchsigen Söhne sollen die Literatur entdecken. Gabo sei nunmal Pflichtlektüre in der Schule. „Sobald sich ihr Smartphone endlich entladen hat, helfe ich bei den Hausaufgaben. Meinen Mann kümmert es leider nicht.“

Der Fluss von Mompos ist gar kein Fluss, sondern nur ein Ärmchen des breiten Magdalena- Stroms.

Das reiche koloniale Handelsstädtchen verlor an Bedeutung, als der Schiffsverkehr im 19. Jahrhundert umgeleitet wurde. Im Roman scheitert im Übrigen ein ehrgeiziger Buendía- Spross im Versuch, das Flussbett auszugraben, um die Dampfschifffahrt zu beleben.

Heute entwickelt sich langsam der Tourismus. Regisseure reisen an, beeindruckt von der Filmkulisse.

Zum Jazzfestival erwartet Mompos alljährlich viele Gäste.

Wie zum soeben nahenden Karneval. Unter Anleitung studiert die Jugend in der Abenddämmerung folkloristische und moderne Tänze ein.

Unzählige Motorräder knattern durch das überschaubare, fußläufige Örtchen. Unsere sensiblen Ohren leiden unter dem Lärmteppich. Weh, falls es nicht gelingt, sich aufs schmale, erhöhte Trottoir zu retten. Entspannte Spaziergänge beschränken sich auf einzelne Straßenzüge der Altstadt.

Die gnadenlosen 37 Grad im Schatten lähmen. Als wir nach 3 Tagen Abschied nehmen, trauert die Literaturfreundin. Sie bliebe gerne noch ein Weilchen, um über das Literatenblut zu sinnieren. Denn sobald sich in der Abendkühle die Türen öffnen, Anwohnerinnen zum Plausch aufgelegt in ihren Schaukelstühlen wippen, werden Erzählungen gesponnen. „Der Sohn meines Schwagers hatte einen  Onkel, dessen Vater Garcia hieß und der  den Dichter zumindest persönlich kannte.

Wie andern Ortes die Geschichte von der Giraffe, die 1,75 m maß. Sie hieß Ramona und lebte in Cienaga, „muy alto, cuello grande.“ Den langen Hals habe sie gewöhnlich mit einem Halstuch kaschiert. Der von Statur kleine Dichter soll mindestens 15 Jahre gelitten haben.

Meine Tante Ramona hat seine Liebe nicht erwidert. Sie heiratete später einen Deutschen. Das ist nachzulesen in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“, erklärt uns der Neffe. „Gabo hat in seinen Romanen Ramona vervierfacht. Sie taucht z. B. als Fernanda in Hundert Jahre Einsamkeit auf, als Fermina im Cholerabuch.

Der Neffe Guillermo Henriquez Torres empfing uns in seinem Haus. Als wir klopften, legte der 79-jährige Schriftsteller, Soziologe, Dramaturg und Schauspieler bereitwillig die Arbeit an seinem neuen Manuskript zur Seite. Don Guillermo bietet uns eine anekdotenreiche Geschichtsstunde. Kolumbiens Kolonialgeschichte, die jahrhundertüberdauernde Gewalt als Folge sozialer Spaltung, der Streik der Bananenarbeiter in Ciénaaga und der Dichter Gabo, der am 17. April 2014 in Mexiko starb.

Ich war 25 Jahre alt und noch nicht fertig mit dem Studium. Gabo war bereits ein geachteter Schreiber. An einer Straßenecke verkaufte ich Antiquitäten. Plötzlich bremste ein Jeep, eine pittoreske Gestalt stieg aus. „Wie spät ist es“, fragte Gabo. Ich sagte:„Ich trage niemals eine Uhr“. Der Dialog war der Schlüssel zum Beginn unserer langjährigen Freundschaft. Kurz darauf lebten wir beide in Barcelona, wir trafen uns regelmäßig am Freitagnachmittag, diskutierten unsere Texte und die Politik.“

Don Guillermo legt uns sein Buch ans Herz, 2006 in 2. Auflage erschienen. El misterio de los Buendía, das Geheimnis der Buendía, ein Begleitbuch zum Verständnis des Einsamkeitsromans. „Gabo war in erster Linie Chronist. Selbst ich tauche in einem seiner Texte als literarische Figur wieder auf“, bemerkt er. „Alzheimer war eine Familienkrankheit der Garcias, kein Wunder, dass auch die Romanfiguren zur Vergesslichkeit neigen.“

Unsere Frage nach dem Verhältnis der Kolumbianer_innen zu ihrem Dichter beurteilt Don Guillermo als gespalten. Natürlich sei man stolz auf den Nobelpreisträger. Seine Nähe zu Kuba, seine sozialistische Haltung, das Exil in Mexiko und seine bissige Kritik an den undemokratischen Verhältnissen in Kolumbien seien jedoch bis heute Reizthemen.
Umgekehrt sei  Gabos Verhältnis zum Herkunftsland  sehr ambivalent. „Seine Romane schrieb er voller Nostalgie, in den Gesprächen äußerte er sich schnell scharf ironisch und kritisch.“

Die Gesten der Versöhnung: Zum 80-zigsten Geburtstag reiste der Dichter mit dem Zug  in seinen Geburtsort Aracataca. Er wurde jubelnd empfangen.

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

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