Eine Stunde Humboldt

4. März 2019, ein Montag. Stadteinwärts gen Bogotá. Erster Versuch, sich in der Megacity zurechtzufinden. Gastgeberin Titi begleitet uns. Grundkurs zu den Transmilenium- Buslinien. Gelenkbusse auf eigenen Spuren, kaum befriedigender U-Bahn- Ersatz für 8 Millionen Menschen. Ruckelnde Transportkäfige, die durch den dichten Verkehr schlingern. Krampfhaftes Bemühen um einen festen Halt.


Lärmteppich. Bedrückend viele Venezulaner im Bus, die mit Megafonstimmen  an ihre prekäre Lebenssituation erinnern.
Benedetti-Gedichte, Nueva Cancion, HipHop, Bonbons im Angebot. Apathische Kleinkinder. Verunsicherte, betroffene Fahrgäste, die wegschauen oder ermüdet Münzen hervorkramen.


Smog. Luftqualität vor allem im armen Süden horrend schlecht.

Immerhin beeindruckendes Radwegenetz, schon ca. 500 km durch die Stadt. Trendwende erkennbar.
https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-03/bogota-kolumbien-radfahrer-ciclopaseo-strassenverkehr-luftqualitaet (aufgerufen am 07.03.2019)

Untrainiert wagten wir uns nicht auf Drahteseln durch den dichten Verkehr. Leichte Kopfschmerzen auf  2640 Metern Höhe.

Nach 90 Minuten der Ausstieg. Titis Arbeitsplatz im Stadtviertel La Cabrera. Banken, Geschäfte, gepflegte Wohntürme, Grünanlagen. Das wohlhabende Bogotá. Erste Klasse. Fühlen uns auf dem Morgenspaziergang wie im Frankfurter Westend. Titi biegt ab. „Hasta luego, bis später“.

Plötzliche Lücken. Die Sonne wagt sich durch den Smogdunst. Bergketten am Horizont sichtbar. Wir nehmen im Straßencafe Platz, wärmen uns auf. Lesen. El Tiempo, Kolumbiens überregionale liberale Tageszeitung. Und frieren. 11.699 Opfer zwischen 1990 und Januar 2019 durch Anti-Personenminen.
https://www.nzz.ch/international/minenraeumung-in-kolumbien-das-grosse-aufraeumen-ld.137411
(aufrufen am 07.03.2019)

Christoph Harnisch, Leiter des Internationalen Roten Kreuzes in Kolumbien im Interview. Die Zahl der Vertreibungen hat im Vergleich zu 2017 um 90 Prozent zugenommen.
http://www.fluchtgrund.de/2017/01/kolumbien-69-millionen-vertriebene-auch-wegen-kokaanbau/(aufgerufen am 07.03.2019)

https://www.heise.de/tp/features/Kolumbien-Totgeschwiegener-Massenmord-4326484.html (aufgerufen am 07.03.2019)

Urplötzlich begrüßt uns ein galanter älterer Herr mit sonorer Stimme, drei Bücher unter den Arm geklemmt. „Bienvenidos en Colombia. Ustedes están invitados, yo pago la cuenta.

Wir lernen Don Benjamín, den  ehemaligen kolumbianischen Konsul von  Hamburg kennen. Benjamín Ardilo Duarte, Jurist, Romanist, führendes Mitglied der Academia Colombiana de la Lengua, der Akademie für die Sprache.

Er habe den gleichen Frisör wie der kolumbianische Staatspräsident. Nein, dessen Freund sei er nicht. Nun lasse er dem Frisör eine Kolumne von García Márquez zukommen. Über die absolute Vertrauensstellung der Zunft. Immerhin sitzt  das Barbiermesser am Hals des Regierungsführers. Doch wie gut, der Präsident hört auf dem Stuhl, was das Volk denkt.

Wir trinken Wasser. Don Benjamín sprudelt. Springt zu den Anfängen. Zu den ersten Deutschen in Kolumbien. Viele Literaturtipps. Germán Arciniegas, El Papel de los Alemanes en la Conquista, über die Rolle der Deutschen während der Eroberung Kolumbiens.

Ach, Humboldt. Alexanders Spuren in Kolumbien.
Erster Karthograph des Rio Magdalena.

Humboldts Drängen auf die Einführung der Loren in den Salzbergwerken von Zapaquirá, um die Sklavenarbeit zu beenden.
Verboten erst 1851.

Humboldt schrieb im Originaltext auf Französisch. Einziges Büchlein auf Spanisch, ein Kompendium über die Botanik Kolumbiens. 25 Prozent der aufgeführten Pflanzen landeten im Export. Früchte. Blumen für den Valentinstag.

Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Paris. Ermutigt die lateinamerikanischen Exiliierten. Seine Botschaft nach 5 Jahren Südamerika, der Kontinent sei reif für die Unabhängigkeit.

 

 

Don Benjamíns Salto rückwärts. Landet wie eingangs beim Menschenfreund des 21. Jahrhundert. García Márquez. Die Popularität. Menschen in der Schlange am Zeitungskiosk. Der phänomenale Bericht eines Schiffbrüchigen erschien wöchentlich, in der Tageszeitung portioniert.

Gabos universale Themen.
Gabo als Autor der Karibenos. Gabo wie andere Musiker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Dichter der Karibikküste, die den tiefen Rassismus zwischen den Hochland- und Tieflandbewohnern verkleinern konnten.
Eingeschobene Anekdoten.
Gabos Talente seien frühzeitig erkannt worden:
Ein neuer Cervantes, schade dass er Caribeno ist.
Lest Gabos, wenn ihr Kolumbien verstehen wollt“, Don Benjamins letzte Empfehlung zum Abschied.  Eigentlich hat nur der Handkuss gefehlt.

 

Wir ziehen weiter durch Parkanlagen Richtung Stadtzentrum. Männer liegen ausgestreckt auf dem Rasen. Obdachlose?  Venezolanische Geflüchtete?

Reiben uns die Augen. Aha, die Männer tragen in Arbeitskleidung. Siesta der Bauarbeiter. Immer wieder der wichtige zweite und dritte Blick auf die Zustände.

Erschöpfte Rückkehr nach Hause in unser Dachjuche, Chia liegt am nördlichen Stadtrand. Kleine Panikattacke, als wir uns zum Ausstieg durch den Bus boxen müssen. Wie mühsam für die Berufspendler_innen tagtäglich.

Wollen Humboldt nachlesen, angestiftet durch die Begegnung mit Don Benjamin. epub download Andrea Wulf (2016), Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. München. Geöffnet.
Sie krochen auf allen vieren einen hohen, schmalen Grat entlang, der an manchen Stellen nur fünf Zentimeter breit war. Der Pfad, wenn man ihn so nennen konnte, war voller Sand und loser Steine…“.

Weltendecker Humboldt vor 200 Jahren scheute keine Mühen. Unser Gejammer über die drangvolle Enge im Stadtbus Bogotás verstummt. Wie leicht lässt sich im 21. Jahrhundert die blaue Murmel erkunden.

Spurensuche in Macondo

Er lässt uns nicht los. Gabriel García Márquez. Den 1967 veröffentlichten Roman über die Familie Buendía im Dorf Macondo verschlingen wir in der Neuübersetzung. Dagmar Ploetz versucht den lakonischen Stil des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ einzufangen, stärker als die kraftvoll poetische Übersetzung von Curt Meyer-Clason, der zärtlichen Nieselregen fallen ließ. Una lloviszna tierna. Bei Ploetz regnet es bloß sacht.

Ein pures literaturwissenschaftliches Problem. Die Bauern in den Sümpfen nahe des Städtchens Mompos fürchten die realen Wetterkapriolen. Dürren und Überschwemmungen nähmen in den letzten Jahren an Heftigkeit zu. Man brauche zwei Weiden, damit die Tiere weder ertrinken noch verhungern. Ein dosiertes Himmelswasser müsste wunderbar sein.

Die poetische Sehnsucht nach Geniesel erschließt sich schnell. In der bleiernen Mittagshitze legen wir ein Lesestündchen am Ufer des Magdalenaflusses ein, der heute grünliches Niedrigwasser führt.

Tafeln zeigen die dramatischen Pegelstände seit dem 19. Jahrhundert an. Entsprechend goss es im fabulierten Macondo 4 Jahre, 11 Monate und 2 Tage ohne Unterlass. Gehüllt in eine Wachstischtuchdecke schützt sich Aureliano Segundo, wenn er trotz des Unwetters zum Haus der Geliebten eilt.

Unsere Neugierde führte uns nach Mompos, ein bedeutsamer Ort, um sich der kolumbianischen Geschichte und Seele anzunähern. Der Dichter sei insbesondere durch die abgelegene Region inspiriert.

Der Bus erreicht das Städtchen über eine Sandpiste. Unterwegs geben sich die Fahrgäste eifrig als Verwandte des Dichters zu erkennen. „Meine Schwägerin ist die Kusine von Gabos Enkelin und selbst Künstlerin, Malerin, Poetin“.

Während wir kaum nachkommen, diverse Verwandtschaftsrätsel zu lösen, denken wir an das Inzest-Trauma in Macondo. Auch der letzte Nachfahre der Buendia-Familie wurde mit einem Schweineschwänzchen geboren. Er starb als Neugeborenes, von roten Ameisen verschleppt. Nach 378 Seiten endet der Roman, nicht aber Macondos Einsamkeit.

Viele Fische sind umgezogen, sie kommen gewiss irgendwann wieder“, erklärt ein Mann vorwissenschaftlich die ökologische Katastrophe um das Fischsterben im aufgeheizten Wasser.

Mutig wage ich mich in einen örtlichen Friseursalon. Rina lacht, verspricht mir, weder Spinneneier noch Eidechsen in die verzausten Haare zu flechten. Unser Gesprächszopf rankt sich um ihr Engagement als Vorleserin. Ihre halbwüchsigen Söhne sollen die Literatur entdecken. Gabo sei nunmal Pflichtlektüre in der Schule. „Sobald sich ihr Smartphone endlich entladen hat, helfe ich bei den Hausaufgaben. Meinen Mann kümmert es leider nicht.“

Der Fluss von Mompos ist gar kein Fluss, sondern nur ein Ärmchen des breiten Magdalena- Stroms.

Das reiche koloniale Handelsstädtchen verlor an Bedeutung, als der Schiffsverkehr im 19. Jahrhundert umgeleitet wurde. Im Roman scheitert im Übrigen ein ehrgeiziger Buendía- Spross im Versuch, das Flussbett auszugraben, um die Dampfschifffahrt zu beleben.

Heute entwickelt sich langsam der Tourismus. Regisseure reisen an, beeindruckt von der Filmkulisse.

Zum Jazzfestival erwartet Mompos alljährlich viele Gäste.

Wie zum soeben nahenden Karneval. Unter Anleitung studiert die Jugend in der Abenddämmerung folkloristische und moderne Tänze ein.

Unzählige Motorräder knattern durch das überschaubare, fußläufige Örtchen. Unsere sensiblen Ohren leiden unter dem Lärmteppich. Weh, falls es nicht gelingt, sich aufs schmale, erhöhte Trottoir zu retten. Entspannte Spaziergänge beschränken sich auf einzelne Straßenzüge der Altstadt.

Die gnadenlosen 37 Grad im Schatten lähmen. Als wir nach 3 Tagen Abschied nehmen, trauert die Literaturfreundin. Sie bliebe gerne noch ein Weilchen, um über das Literatenblut zu sinnieren. Denn sobald sich in der Abendkühle die Türen öffnen, Anwohnerinnen zum Plausch aufgelegt in ihren Schaukelstühlen wippen, werden Erzählungen gesponnen. „Der Sohn meines Schwagers hatte einen  Onkel, dessen Vater Garcia hieß und der  den Dichter zumindest persönlich kannte.

Wie andern Ortes die Geschichte von der Giraffe, die 1,75 m maß. Sie hieß Ramona und lebte in Cienaga, „muy alto, cuello grande.“ Den langen Hals habe sie gewöhnlich mit einem Halstuch kaschiert. Der von Statur kleine Dichter soll mindestens 15 Jahre gelitten haben.

Meine Tante Ramona hat seine Liebe nicht erwidert. Sie heiratete später einen Deutschen. Das ist nachzulesen in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“, erklärt uns der Neffe. „Gabo hat in seinen Romanen Ramona vervierfacht. Sie taucht z. B. als Fernanda in Hundert Jahre Einsamkeit auf, als Fermina im Cholerabuch.

Der Neffe Guillermo Henriquez Torres empfing uns in seinem Haus. Als wir klopften, legte der 79-jährige Schriftsteller, Soziologe, Dramaturg und Schauspieler bereitwillig die Arbeit an seinem neuen Manuskript zur Seite. Don Guillermo bietet uns eine anekdotenreiche Geschichtsstunde. Kolumbiens Kolonialgeschichte, die jahrhundertüberdauernde Gewalt als Folge sozialer Spaltung, der Streik der Bananenarbeiter in Ciénaaga und der Dichter Gabo, der am 17. April 2014 in Mexiko starb.

Ich war 25 Jahre alt und noch nicht fertig mit dem Studium. Gabo war bereits ein geachteter Schreiber. An einer Straßenecke verkaufte ich Antiquitäten. Plötzlich bremste ein Jeep, eine pittoreske Gestalt stieg aus. „Wie spät ist es“, fragte Gabo. Ich sagte:„Ich trage niemals eine Uhr“. Der Dialog war der Schlüssel zum Beginn unserer langjährigen Freundschaft. Kurz darauf lebten wir beide in Barcelona, wir trafen uns regelmäßig am Freitagnachmittag, diskutierten unsere Texte und die Politik.“

Don Guillermo legt uns sein Buch ans Herz, 2006 in 2. Auflage erschienen. El misterio de los Buendía, das Geheimnis der Buendía, ein Begleitbuch zum Verständnis des Einsamkeitsromans. „Gabo war in erster Linie Chronist. Selbst ich tauche in einem seiner Texte als literarische Figur wieder auf“, bemerkt er. „Alzheimer war eine Familienkrankheit der Garcias, kein Wunder, dass auch die Romanfiguren zur Vergesslichkeit neigen.“

Unsere Frage nach dem Verhältnis der Kolumbianer_innen zu ihrem Dichter beurteilt Don Guillermo als gespalten. Natürlich sei man stolz auf den Nobelpreisträger. Seine Nähe zu Kuba, seine sozialistische Haltung, das Exil in Mexiko und seine bissige Kritik an den undemokratischen Verhältnissen in Kolumbien seien jedoch bis heute Reizthemen.
Umgekehrt sei  Gabos Verhältnis zum Herkunftsland  sehr ambivalent. „Seine Romane schrieb er voller Nostalgie, in den Gesprächen äußerte er sich schnell scharf ironisch und kritisch.“

Die Gesten der Versöhnung: Zum 80-zigsten Geburtstag reiste der Dichter mit dem Zug  in seinen Geburtsort Aracataca. Er wurde jubelnd empfangen.

Venezuela in Kolumbien

Die Grenze zu Venezuela liegt nur ca. 2 Stunden von Santa Marta entfernt. Kolumbianische Bürger_innen wie venezolanische Geflüchtete und Arbeitsmigrant_innen halten gleichermaßen den Atem an, wir auch. Die Tageszeitungen widmen der Situation im Nachbarland ganzseitige Artikel. Gebannt blicken die Menschen auf den Bildschirm.

Bleibt Maduro an der Regierung? Wird die Venezuela- Krise weiter eskalieren? Entzündet sich in Kürze ein Bürgerkrieg? Kommt es zur militärischen Intervention?

Die Zündhölzer:
Ein selbst ernannter Interimspräsident.
Die eilige internationale Anerkennung desselben durch mehr als 50 Staaten, einschließlich Deutschlands.
Die Bündnispolitik der USA mit rechtskonservativen Regierungen wie Argentinien, Brasilien, Kolumbien.
US- amerikanische Lebensmittellieferungen, die als politisches Druckmittel eingesetzt wurden und mit dem Impetus der inneren Einmischung verteilt werden sollten, nicht als neutrale humanitäre Hilfe.
Ein brandgefährliches Konzert am 22. Februar.
Provokationen am Grenzübergang. In der Nachbereitung Kontroversen über die Zahl der Opfer, die wahren Vorfälle, mediale Inszenierungen. Ungeklärt scheint, wer die beiden Lastwagen mit den amerikanischen Gütern in Brand setzte.

Kolumbien zeigt sich als treuer Bündnispartner der USA zunehmend in die Auseinandersetzungen involviert. Kritische Kommentatoren glauben, die außenpolitische Krise komme für den kolumbianischen Staatspräsidenten Duque gelegen, um von der Innenpolitik abzulenken. Die Schlagzeilen der Tagespresse befassen sich mit Venezuela, nicht mit der Wiederbewaffung der Paramilitärs, der forcierten Abholzung des Regenwaldes, dem ausgebremsten Friedensprozess in Kolumbien.

Die blaue Murmel überlässt es den Beobachtern vor Ort an der Grenze und in Venezuela, die Lage zu analysieren. Hier finden sich differenzierte Recherchen und Hintergrundinformationen:

 

 

Guaido spielt ein gefährliches Spiel. In: TAZ 24.02.2019
http://www.taz.de/!5572341/ (aufgerufen am 25.02.2019)

Was die USA tun, hilft nur Maduro. In: http://www.n-tv.de 25.02.2019
https://www.n-tv.de/politik/politik_kommentare/Was-die-USA-tun-hilft-nur-Maduro-article20873641.html (aufgerufen am 25.02.2019)

Ein Podcast zu Venezuela vom 27.02.2019, u.a. ein Kommentar zur umstrittenen Anerkennung des selbsternannten Interimspräsidenten durch Deutschland  und ein Interview zur aktuellen Situation
https://www.npla.de/podcast/onda-info-454/(aufgerufen am 27.02.2019)

Eine Analyse zur politischen Entwicklung in Venezuela
https://www.medico.de/gegen-die-eigene-verfassung-17080/
(aufgerufen am 15.02.2019)

Unterwegs in Kolumbien treffen wir auf viele Venezulaner_innen, die die Grenze überquerten, um die dramatische Lebenssituation für sich und ihre Familien zu verbessern. Die Inflation in Venezuela beträgt zurzeit 1.000.000 %.

Angeblich verfügen viele Venezolaner_innen, die derzeit aufgrund der Krise flüchten, über keinen Pass. Dadurch wird ihnen in Kolumbien eine Registrierung und die Arbeitserlaubnis erschwert. Die Menschen  leben sichtbar auf der Straße. Straßenhändler verkaufen Arepa, Kaffee oder Süßigkeiten.

Einige betteln und erwarten in der aufgeheizten politischen Situation Solidarität. Maduro sei wie Hitler. Andere verweisen auf die gravierenden ökonomischen Probleme im Land und trauern der Regierung unter Hugo Chavez nach.

Unterhalb jeglichen Mindestlohns bieten sich Gelegenheiten zur Schwarzarbeit in der Landwirtschaft, in der Baubranche, in der Gastronomie. Frauen harren tagsüber mit ihren Kindern in den Parks und auf den Bürgersteigen aus.

Die Not ist allgegenwärtig. Frauen-oftmals auch Minderjährige – bieten sexuelle Dienste an.

 

Die Mehrheit unserer kolumbianischen Gesprächspartner_innen zeigte durchaus Verständnis und Anteilnahme. Über Jahrzehnte hinweg lebten viele selbst aus politischen und wirtschaftlichen Gründen im Ausland, z. B. in Ecuador, Peru und zu guten Zeiten im einst ölboomenden Venezuela. Zugleich lässt sich eine Verunsicherung ob der Armutszuwanderung spüren. Der stete Verdacht lautet, die Kriminalität habe zugenommen. Nicht zuletzt schürt die Sensationspresse Ressentiments.

Die Bürger_innen haben Angst. Man muss etwas tun“, erläutert uns frühmorgens eine leitende Mitarbeiterin des Sozialamtes von Santa Marta. Aufgrund der Nähe zur Grenze seien in den letzten beiden Jahren sehr viele Menschen in Santa Marta gestrandet. „Jetzt starten wir gezielt Programme-
die Legalisierung des Aufenthalts, der Gesundheitsscheck, die Vermittlung einer Bleibe. Ein Auffangzentrum wurde von der Sozialverwaltung eingerichtet.

Die Leiterin des Programms äußert zugleich ihre Skepsis „Das Vertrauen in staatliche Behörden fehlt. Viele ziehen es vor, in der Illegalität zu bleiben, auch wenn sie damit in jeder Hinsicht sehr gefährdet sind. Dies gilt insbesondere für die jungen Frauen und alleinerziehende Mütter.“

Die offiziellen Zahlen variieren: Zwischen 1,3 bis 3 Millionen emigrierten in den letzten Jahren. Welche Zahl auch stimmt, die Lebensgeschichten ähneln. Die prekäre Lage der Venezolaner, die  vormals in gesicherten ökonomischen Verhältnissen lebten, spiegeln sich in  folgenden Interviewauszügen wider.  

Ein Fahrradtaxifahrer erzählt: „Ich war Restaurantbesitzer in der Hauptstadt Caracas. Die staatliche Bürokratie machte mir viele Auflagen, die ich nicht erfüllen konnte. Das Restaurant musste ich schließen. Seit einem halben Jahr lebe ich in Kolumbien. Leider wird mein Universitätsabschluss als Programmierer in Kolumbien nicht anerkannt. Jetzt versuche ich mit dem Taxi meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Meine Frau ist hier, unsere Kinder Kinder von 16 und 18 Jahren sind noch in Caracas, sie besuchen die Schule und die Universität.“

Als eine Frau Bauarbeiter und uns mit frischen Kaffee versorgt, sagt sie bekümmert: „Eigentlich bin ich Ingenieurin. Seit einem Jahr ziehe ich als Kaffeeverkäuferin durch Kolumbien. Seit Kurzem ist auch meine Mutter hier. Von dem Geld, dass ich in zwei Wochen in Venezuela verdiente, konnte ich nicht mal die Lebensmittel für einen einzigen Tag kaufen.“

Den 26-jährigen Jonathan  lernen wir in einem Hostal kennen und schätzen. Er verließ Venezuela vor 6 Monaten und  erzählt uns ausführlich seine Geschichte.

„Ich ließ meine Frau und meine beiden Kinder in Caracas zurück. Angesichts der ungeheuren Inflation konnte ich sie nicht mehr ernähren. Meine Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Ich war zwölf, in Straßen verkaufte ich Kuchen. Die Regierung unter Chavez unterstützte die Armen mit vielen guten Programmen. Ich beendete die Schule und schloss mein Informatikstudium ab. Meine Arbeit als Programmierer in der Nationalbank war gut bezahlt. Wir konnten uns ein kleines Haus leisten. Nach dem Tod von Chavez 2013 ging es im Land steil bergab. Wenn mein Gehalt ausgezahlt wurde, reichte es wegen der Inflation kaum mehr für den Reis. Darum habe ich meinen Job gekündigt und mich auf den Weg nach Kolumbien gemacht. Übrigens, von den ehemals 3300 Mitarbeitern der Nationalbank arbeiten heute nur noch ungefähr 1400 dort aus den gleichen Gründen.

In Santa Marta lebte ich auf der Straße. Ich verbrachte die Nächte an einer Tankstelle. Ich kann keine Arbeitserlaubnis beantragen. Von Venezolanern wurden mir vor der Grenze mein Pass, meine Arbeitsnachweise und mein Smartphone gestohlen. Ich war einige Wochen hier in der Kaffeeernte. Das Geld, was ich verdiene, schicke ich meiner Familie. Einmal die Woche telefoniere ich mit ihnen, aber es bricht mir fast das Herz.

Sobald ich etwas Geld habe, gehe ich zurück nach Caracas, um meine Söhne von 5 und 7 Jahren zu sehen. Sie sind den ganzen Tag mit der Mutter zuhause. Ihre Schule ist geschlossen, viele andere Schulen auch, weil die Lehrkräfte weggehen. So viele Kinder und Jugendliche verbringen jetzt Tage ohne Aufsicht auf den Straßen von Caracas. Und Caracas war schon zuvor die drittgefährlichste Stadt der Welt.
Ich will so schnell wie möglich nach Hause fahren, um einen neuen Pass zu beantragen. Der Staat befindet sich immer mehr in Auflösung und vieles funktioniert nur über Bestechung. Natürlich hoffe ich, später endlich legal in Kolumbien zu arbeiten. Die Busfahrt von Caracas nach Santa Marta dauert ungefähr 2 Tage.
Jetzt ist die Kaffeeernte vorbei, ein Hostalbesitzer gibt mir ein Dach über dem Kopf und Essen. Hier jobbe ich und lerne viel. Z. B. verbessere ich mein Englisch. Ich bin sehr dankbar, dass sie mir eine Arbeitsgelegenheit geben.“

Die Kohle rollt

Manuell schließt eine Frau in der Warnweste den Bahnübergang. Ein Monsterzug mit 150 Waggons donnert heran. Die Eisenbahnlinie, die die Kohleminen von Cesar mit dem Karibikhafen Cienaga verbindet, führt mitten durch das dörfliche Aracataca, ein Sehnsuchtsort aller Garcia Marquez-Fans.

Der Geburtsort. Das Haus der Großeltern als Vorlage für 100 Jahre Einsamkeit. Die ersten 13 Jahre des Fabuliermeisters. Der vergilbte Schwarz-Weiß- Druck von Tausend- und- eine-Nacht. Ein legendärer Kastanienbaum im Hof.

Der 1967 veröffentlichte Roman erzählt vom Bananenfieber, dem Aufstand gegen die United Fruit Company, dem Trauma der 3000 Toten unter den streikenden Arbeitern 1928.

Wie hätte Dichter Gabo das Kohle- El- Dorado im Fortsetzungsroman skizziert? Denn erst in den 80-ziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte die massive Kohle-Ausbeute ein. „Manchmal 22 Züge täglich“, informiert uns die Schrankenwärterin.

In der Nacht wachen wir zweimal auf, unsere Unterkunft in Aracataca liegt 250 Meter von der Bahnlinie entfernt. Eine Bürgerinitiative mache sich stark, die Gleise am Dorf vorbeizuleiten, teilt uns Ancizar Vergara, Leiter einer imposanten Öffentlichen Bibliothek des ansonsten staubigen Örtchens am nächsten Morgen mit. Reisende bleiben selten über Nacht.

Kolumbien nutzt überwiegend Wasserkraft zur Energiegewinnung. Die Kohle aus dem Übertageabbau ist ein Exportprodukt. Seit dem deutschen Atomausstieg und der Einstellung des Steinkohleabbaus 2018 importiert Deutschland verstärkt billige Kohle aus dem Ausland.

Kolumbien zahlt den hohen Preis angesichts gravierender Umweltbelastungen und Menschenrechtsverletzungen: Vertreibungen, die Zerstörung des Regenwaldes, die Schädigung von Boden und Grundwasser, die Luftverschmutzung durch den Überlandtransport, die Schwärzung von Obst und Gemüse der Bauern durch Kohlepartikel, Staublungen, Bedrohung und Morde an Gewerkschaftsführer_innen, die Kohleregionen als Territorien der Paramilitärs.

Im Internet werden interessierte Kohle- Skeptiker schnell fündig:

https://www.dw.com/de/fluch-der-kohle-aufstand-in-kolumbien/av-37710774  
Eine Reportage der Deutschen Welle aus dem Jahr 2017 über El Cerrejon, das größte Kohleabbaubaugebiet Lateinamerikas (aufgerufen am 19.02.2019)

https://www.vdi-nachrichten.com/Technik-Gesellschaft/Deutschlands-Kohle-Kolumbiens-Narben
(aufgerufen am 19.02.2019)

https://www.medico.de/fileadmin/user_upload/media/factsheet_kohle.pdf . (aufgerufen am 19.02.2019)

https://blog.misereor.de/2018/11/12/kolumbien-kohle-tagebau-macht-nachbarn-krank/
(aufgerufen am 19.02.2019)

https://www.youtube.com/watch?v=Et6jjyJhULI
ARD Weltspiegelbericht 2011 . (aufgerufen am 19.02.2019)

In Santa Marta kontaktieren wir am 11. Februar 2019 den Gewerkschaftssekretär Anibal Perez. Als Vorsitzender der ASOTREDP (Asociaciòn de trabajadores enfermos de Drummond Puerto) vertritt er zurzeit ca. 1000 erkrankte Kolleg_innen der Kohlebranche. Die Staublunge, Wirbelsäulen- und Gelenkprobleme und psychische Probleme warten auf die Anerkennung als klassische Berufserkrankungen.

Wir kämpfen. Vom us-amerikanischen Konzern Drummond unabhängige Ärzte sollen die Menschen untersuchen. Sie brauchen dringend medizinische Behandlung. Im Mai dieses Jahres verhandeln wir über Kompensationszahlungen für die Betroffenen.
Ich selbst war mehrmals Opfer von Anschlägen und Bedrohungen. Aus Sicherheitsgründen lebt meine Familie nicht mehr hier

„Jetzt gehöre ich zum Schutzprogramm der Regierung für Gefährdete. Viele Menschen, die sich in den Gewerkschaften und sozialen Bewegungen engagieren, werden von den Paramilitärs bedroht und ermordet. In das Schutzprogramm wurden mehr als 7000 Menschen aufgenommen. Je nach Einschätzung der Gefährdung gewährt die Regierung ein Nottelefon, eine schusssichere Weste oder auch Personenschutz. Ich habe kein Vertrauen in das Schutzprogramm, weil es von der Regierung kommt. Sie ist für mich angesichts der zunehmenden Militarisierung Teil des Problems und nicht Garant der Lösung.“

Seit dem Regierungswechsel im August 2018 nehmen die Probleme in den Bergbauregionen wieder zu, also hier im Norden in La Guajira und Cesar. Wieder bedrohen Paramilitärs Menschen, die den Bergbauunternehmen in die Quere kommen. Mindestens 250 Aktivist_innen wurden seither umgebracht. Anfang Januar wurde eine Companera hier in Santa Marta ermordet, die die Sprecherin der Vereinigung der Vertriebenen war. Nein, wir lassen uns nicht einschüchtern. Ich gebe Euch Dokumente mit. Eine Veröffentlichung in Deutschland würde uns sehr helfen“.

Im Hafen von Ciénaga verlädt der Konzern Drummond die Kohle. Die gebeutelte Stadt, ehemals Teil der Bananenrepublik der United Fruit Company wurde seit den 60-ziger Jahren den Kokainkartellen unterworfen. Der gefürchtete Drogenboss Pablo Escobar habe hier an der Karibikküste während der Marimba sein Handwerk gelernt. Was sagen die Menschen aus La Cienaga zum Geschäft mit der Kohle?

Am 18. Februar 2018 rollt die blaue Murmel gespannt in die Hafenstadt Ciénaga ein. Zu den eingezäunten Molen ca. 10 km stadtauswärts bleibt uns der Zugang verwehrt.

Mit den Einwohner_innen will kein Gespräch zustande kommen, sobald wir sie nach den großen Arbeitgebern aus der Kohlebranche vor Ort fragen. In der Cafeteria der staatlichen Universität starren die Studenten auf die TV-Berichterstattung. Schwarzer Rauch steigt auf, Menschen tragen Atemmasken, Ärzte informieren über akute Atemwegserkrankungen. In der ca. 950 km entfernten Hauptstadt Bogotá herrscht Smogalarm. Schweigsam löffeln wir den Reis, allein mit unseren Fragen zum Leben vor Ort in Ciénaga.

Unschlüssig verbringen wir die gleißende Mittagshitze im menschenleeren Stadtpark.

Ein letzter Anlauf. Wir fragen schon längst nicht mehr nach dem Konzern Drummond, sondern behutsam, wer uns etwas über die Stadt Ciénaga erzählen könne. Ein Fahrradtaxifahrer verneint, er sei ein einfacher Mann, allerdings  kenne er einen Historiker im Ort. Schon strampelt er los.

Wir treffen Guillermo Henriquez Torres in seinem Haus an. Und sprechen fasziniert mit dem langjährigen Freund des Schriftstellers Garcia Marquez ausführlich über den magischen Realismus und Marotten des Künstlers.

Zwischendurch lenken wir das Gespräch immer mal wieder auf die Kohleverschiffung. Don Henriquez, Jahrgang 1940, Poet und Soziologe scheint kein Extravismuskritiker zu sein. Die Bürger der Stadt atmeten auf, könnten im Kohlesektor legal Geld verdienen. Überhaupt sei Kolumbien unermesslich rohstoffreich.
Der Strand von Ciénaga ist grau, nicht schwarz. Das liegt an den Thermal- und Gasquellen unterhalb. Und wahrhaftig- vor ungefähr 5 Jahren hat Drummond auf internationalen Druck hin umgesteuert. Es gibt höhere Umweltauflagen. Die Kohle reist jetzt in geschlossenen Zügen.

Irgendwie ließen wir uns gerne ein wenig beruhigen.

 

Zum Weiter-lesen, Nach-denken. Mit-machen:
https://www.misereor.de/mitmachen/aktionen/kohlestopp-global/ (aufgerufen am 19.02.2019

In Minca zuhause

Inmitten des wuseligen Marktes fanden wir die Bushaltestelle. Der Kleinbus schlängelte sich zügig durch asphaltierte Serpentinen. Die Sierra Nevada de Santa Marta ist das höchste Küstengebirge der Welt. Bis zu 5700 Meter hohe Berge grenzen an die Karibik.

Angenehme Kühle schlug uns entgegen, als wir nach einer Stunde das Casa El Recuerdo erreichten. Das Hostal liegt auf 1000 Meter Höhe, 4 km außerhalb des Dorfes Minca.

 

Vor etwa 15 Jahren  zogen sich die Guerilla und die Paramilitärs aus der Sierra Nevada zurück. Seit dem hoffnungsfrohen Friedensabkommen 2016 erlebt Minca einen Besucheransturm. Zumeist jüngere Menschen suchen Naturerlebnisse und nutzen vielfältige Gelegenheiten zum Wandern, Rafting, Mountainbiking und Schwimmen.

Schon am ersten Tag lernen wir Landarbeiter José Luis kennen. Er hütet die Finca einer wohlhabenden Familie, die das Anwesen als Wochenendhaus nutzt. Seine Frau und drei erwachsene Kinder leben in einem der ärmsten Viertel von Santa Marta, 45 km entfernt.

Hier wurde früher viel Kaffee angebaut, aber jetzt nicht mehr. Viele Großgrundbesitzer lassen das Land lieber brach liegen als es an Kleinbauern zu verpachten. Sie haben höllische Angst, dass die Bauern das Land besetzen. Ich würde hier gerne Mais, Bohnen und Yucca für den Eigenkonsum anbauen. Das ist gefährlich. Sie bringen dich um, einfach so, wenn du das Land für den Gemüseanbau nutzt.

In der Sierra Nevada gab es bis 2003 Guerilla und Paramilitärs. Sie haben „Vacuna“ erpresst, Schutzgeld und vom Anbau des Kokains gelebt. Als die Kokafelder vom kolumbianischen Militär zerstört wurden, zogen die bewaffneten Kräfte ab. Es gab hier nichts mehr zu holen. Bodenschätze oder seltene Metalle gibt es hier nicht. Jetzt ist es sicher. Mich haben sie in Ruhe gelassen, aber es gab auch Rekrutierungsversuche.“

In Minca herrscht Aufbruchstimmung.  Kleine Hotels, Campingplätze und Restaurants sprießen aus dem Boden. Die Kooperative der Motoradtaxifahrer sichert den Transport zu den Unterkünften, die verstreut an Berghängen liegen.

In La Victoria bietet die Brauerei La Nevada Führungen mit einer Verköstigung an.

Eine kleine Bäckerei mit französischem Brot und Schokocroissants versüßt den Alltag. Kioskläden sorgen für das Nötigste.

Bambushaine, dichter Nebelwald, Gebirgsbäche und Wasserfälle begeistern. Schweißtreibende Wanderungen werden mit dem Ausblick auf den Küstenstreifen und die schneebedeckte Bergkette belohnt. Aufkommender Nebel und Kälte zwangen uns, die achtstündige Wanderung nach San Lorenzo abzukürzen.

Wir schwammen und genossen die Ruhe. Nur ein Brüllaffe weckte uns morgens mit respekteinflößenden Lauten.

Das Hostal El Recuerdo erwies sich als magnetischer Anziehungspunkt. Interessante  Menschen aus Kolumbien und aller Welt begegneten uns am Frühstückstisch: Schauspieler_innen, Musiker, Biohoffarmer_innen, die Anfang 30 sichere „Brotberufe“ kündigten, um andere Wege zu wagen, ein Radiojurnalist aus Santa Marta, eine kolumbianische Familie, Arbeitsmigranten aus Venezuela,
französische Wandertouristen.

Auch zwei weltoffene junge Reisende aus Hamburg, die  soeben erst die Schule abgeschlossen haben, waren vor Ort. „Dass ihr euch noch traut, mit dem Rucksack zu reisen! Mein Opa von 78 Jahren macht das nicht mehr“, entfuhr es Justin spontan.

Im Casa El Recuerdo lebte es sich wie in einer bunten Großfamilie, nicht zuletzt dank der achtsamen Inhaber.

 

Vor 4 Monaten eröffnete der dreißigjährige Betriebswirt Oliver das Hostal mit Campingplatz und Naturschwimmbad.

Die Guerrilla hatte in Kriegszeiten das Anwesen konfisziert. Strategisch wichtig war der Blick in die Täler. Später stand die Anlage viele Jahre leer. Ich nutze meine Erfahrungen. 4 Jahre habe ich bereits im Tayrona- Nationalpark gearbeitet. Mit meiner Lebensgefährtin will ich mir eine selbständige Existenz aufbauen. Ich habe viele Ideen.
Bitte sagt mir, wenn euch etwas auffällt, was ich besser machen kann
.“

Olivers Partnerin Geraldine lässt sich auf das Hostal- Projekt ein. Dabei hatte die erst 24-Jährige nach dem Studium der Filmwissenschaften andere eigene Wege eingeschlagen.

Geraldines siebenteilige Dokumentation über das Leben und Wirken des Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez entstand vor 3 Jahren.
Teil 1: Macondo: Magdalena
https://www.youtube.com/watch?v=uq_Yk8fhz7s
(aufgerufen am 20.02.2019)

Den Lebensunterhalt bestreitet Geraldine seit einigen Jahren mit Upcycling gebrauchter Kleidung. Aus us-amerikanischen Altkleiderspenden schneidert sie modische Unikate, die sie kunstvoll bemalt. Über Instagram erreicht sie ihre Kundinnen.

Obwohl Geraldine als Hostalbetreiberin soeben ein betriebswirtschaftliches Fernstudium aufgenommen hat, handelt sie weiterhin mit den Textilien.
„Eine gute Ausbildung und finanzielle Eigenständigkeit, das brauchen die Frauen in Kolumbien, um sich zu emanzipieren. Die Religion nimmt so viel Einfluss. Frauen sollen ihr Leben den Kindern opfern. Oft bekommen die Frauen früh schon Kinder. Damit endet die Berufstätigkeit. Sie bleiben zuhause. Wichtig wäre eine gute Sexualaufklärung. Davon habe ich in der Schule nichts mitbekommen. Unsere Gesellschaft ist leider noch immer sehr wertkonservativ.“

Mit Geraldine lernen wir, die Lebenssituation von Frauen in Kolumbien besser zu verstehen. Ich werde ständig gefragt, warum ich nicht verheiratet bin, warum ich keine Kinder habe, auch von meiner Familie. So, als ob man ohne Kinder keine richtige Frau sei. Ich möchte einen anderen Lebensentwurf wagen. Und Spuren hinterlassen. Das Leben geht schnell vorbei, man soll sich an mich erinnern und von mir erzählen. Gut, dass mein Vater mein unabhängiges Leben immer unterstützt hat. Schon mit 15 durfte ich im Wohnheim der Universität allein wohnen. In der Nonnenschule habe ich gelernt, zu kochen, meine Wäsche zu waschen, zu nähen, mich selbst zu versorgen. Ja, eine meine Lehrerinnen, eine Nonne hat mir Mut gemacht, als Frau unabhängig zu leben. Manche feministischen Frauengruppen in Kolumbien sind sehr extrem. Mir geht es darum, die gleichen Rechte zu haben wie die Männer. Mich macht es wütend, wenn Frauen sich weiterhin den Männern unterordnen und nicht für ihre Rechte einstehen.“

Auch auf den Wanderungen durch die Berglandschaft trafen wir stets freundliche, hilfsbereite und viel Gelassenheit ausstrahlende Menschen, die im Frieden aufatmen. Passé sind Schutzgelderpressung, Zwangsrekrutierungen und Drogenanbau.

 

Ein neues „El Dorado“ wird erträumt. Lässt sich mit dem Ökotourismus schnell und unkompliziert Geld verdienen?

Uvar, Kaffeebauer mit einer kleinen Finca verwickelt uns in ein Gespräch. Er lebt seit 28 Jahren in der Region. Neben dem Kaffee baut er für den lokalen Markt Bananen und Avocados an.

Frischdufteten Kaffee für den Eigenkonsum malt er in einer kleinen Kaffeemühle.

Die Kaffeefelder sind seit Ende Januar abgeerntet. „Die Qualität und der Ertrag des Kaffees sind gut. Wir bauen hier ausschließlich organischen Kaffee an. Pestizide sind verboten. Das ist hier eine Naturschutzzone. Leider geben viele auf, weil der Kaffeepreis so niedrig ist. Und der Staat hilft den Bauern nicht.

Seine  vier Kinder hätten die Schule abgeschlossen und Arbeit gefunden. Wie viele im Dorf plant Uvar, in den Ökotourismus einzusteigen. Sein kleines Grundstück erstreckt sich über mehrere Terrassen am steilen Hang.

Vielleicht öffne ich ein Restaurant mit einer Terrasse. Oben ist Platz für Zelte. Der Blick in das Tal und auf die Sierra Nevada ist einmalig. Meine Tochter spricht englisch und mein Sohn arbeitet in Minca in der Kooperative der Motortaxifahrer. Also das könnte funktionieren. Meinem Projekt fehlen nur noch ein Name und das nötige Kapital“ sagt er lachend. „ Wollt Ihr hier Land kaufen?“

Uvar  wünschen wir viel Erfolg für sein Unterfangen. Bislang gehören die meisten Hostals und Restaurants Ausländern, der Kuchen scheint ungleich verteilt. Uvars Plan lässt sich nachvollziehen. Die körperlich harte Landwirtschaft als Hauteinnahmequelle bleibt mit zunehmenden Wetterrisiken verbunden.

Ob der Ökotourismus zukünftig „beglückt“, ist  abzuwarten. Verträgt ein kleines Dorf auf Dauer soviele Touristen_innen, ohne Schaden zu nehmen? Hält der lang ersehnte Frieden in der Region, während er in anderen Teilen Kolumbiens zunehmend brüchig ist?

Der Abschied aus dem Casa El Recuerdo fiel uns schwer. Eigentlich verrückt, weiterzuziehen.

Insel der Hoffnung

Zu den 27 Inseln des Nationalparks Islas del Rosario gehört die Isla Grande. In Cartagena besteigen wir skeptisch das Boot. Vor uns liegen 45 km Geschaukel. Die Überfahrt dauert wie versprochen eine Stunde.

Vor 200 Jahren wurde Isla Grande von freigelassenen afrikanischen Sklaven besiedelt. Bis heute leben dort überwiegend Menschen, die sich als „Afrodescendientes“ bezeichnen. Aufgrund des Korallenriffs und der Mangrovenwälder wurde der Archipel 1977 zum Nationalpark erklärt.

In der Morgenkühle streifen wir durch das friedliche Dorf Orika. Erste Mücken treiben ihr munteres Spiel. „Rauch hält sie fern “, ruft uns eine Frau zu, die an der Feuerstelle vor dem Haus sitzt und uns auf einen Kaffee einlädt. Die 63-jährige Urgroßmutter Nena war Mitbegründerin des Dorfes und dessen erste Präsidentin. Die Stechmücken sind in der spannenden Geschichtsstunde vergessen.

Anfangs lebten die Menschen von Fisch, Kokospalmen und Limonen, im Landesinneren über die Insel verstreut. Reiche Investoren vom Festland hatten bereits Grundstücke unmittelbar an der Küste besetzt. Wir arbeiteten für sie. Manchmal beschenkten sie uns, z. B. mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser, das auf der Insel fehlt.“

1977 veränderte die Ausweisung des Naturschutzreservates alles. Um die strengen Umweltschutzauflagen einzuhalten, ist Fischfang nur noch eingeschränkt möglich.

Nena fährt fort: „Was tun? Ich hatte mit anderen die Idee, ein Dorf zu gründen. Wir haben uns organisiert. Wir mussten unser Land im Inneren der Insel vor dem Zugriff der Hotelbesitzer schützen. Ich erinnere mich, wie wir mit Macheten und viel Musik gemeinsam das Terrain rodeten. Alle packten an. Wir haben ein Schulheft gekauft, um gleichgroße Parzellen einzuzeichnen. Die Grundstücke wurden ausgelost, das vermied Streit. Niemand hatte einen Vorteil. Erst vor 5 Jahren hat uns die Regierung die Landtitel übergeben. Jetzt gehört das Land wirklich uns.“

Die Familien versuchen, von den großen Hoteliers als Arbeitgeber unabhängig zu werden. Externe Berater_innen, u.a. von der Universität in Bogotá unterstützten die erfolgreichen Ökotourismusprojekte.

Auch Nena betreibt mit der Familie ein kleines Hotel. „Nach und nach öffneten wir kleine Unterkünfte, Campingplätze, Restaurants. In unserem Verbund haben wir heute 11 kleine Hotels und Touristenführer. Sie lernen Englisch. Sie fahren die Touristen durch die Mangroven und zum Schnorcheln. So sind wir am Geschäft beteiligt, nicht nur die Hotels an der Küste. Die Entscheidungen fallen in unserem Inselrat. In den ersten Jahren war ich die Vorsitzende.

Wir sind stolz darauf, dass wir als erste Afro-Gemeinde Kolumbiens offiziell anerkannt sind. Niemand soll uns unser kommunales Eigentum streitig machen!“

In der Uniform eines privaten Sicherheitsdiensts schlendert Alfonso vorbei. In der Schule gegenüber hat der Unterricht begonnen, er trinkt seinen Morgenkaffee bei seiner Tante Nena. Der kolumbianische Staat stelle die Wachleute ein. In Cartagena brächten Schüler Waffen und Drogen in die Schule mit. Auf der Isla Grande zeige er sich am Schultor präsent, ohne eingreifen zu müssen. So wie es auf der Insel kaum Delinquenz gebe. Einen Dieb verbanne man als Strafe für 2 Jahre aufs Festland.
Wir haben gegenüber den staatlichen Behörden durchgesetzt, dass wir eigene Ordnungshüter stellen. Vieles kann und soll intern gelöst werden. Nur bei gravierenden Fällen schalten wir den Inspector legal, den Amtsrichter aus Cartagena ein.“

Auf unsere Frage, ob das Beispiel der Insel Schule macht, leuchten Alfonsos Augen: „Wir bieten Workshops für die anderen Inselkommunen an. Wir lassen sie an unseren Erfahrungen teilhaben.“ Als gewähltes Mitglied des Inselrates hat Alfonso einen guten Überblick. Er hat das Amt des Kassierers inne.

Beim Abschied gibt uns Nena mit auf den Weg „Wir lassen uns nicht mehr herumschubsen. Aber wir müssen kämpfen. Es fehlt z. B. der Strom. Und es gibt so viel Korruption in Kolumbien. Vielleicht versucht eines Tages jemand, uns das Land abzunehmen.

Während unseres mehrtägigen Aufenthaltes nimmt Nenas Traum von der starken, autonomen Dorfgemeinschaft Konturen an. Der Touristenstrom boomt seit rund 3 Jahren, seit es durch das Friedensabkommen sichere Korridore für Touristen gibt. Überall wird gebaut. Arbeit zu finden, ist aus Sicht der Inselbewohner_innen für die, die arbeiten wollen, kein Problem. Außerdem bieten die Hotels Arbeitsplätze. Reiche Ferienhausbesitzer suchen Hausmeister und Hausangestellte.

Vogelgezwitscher untermalt die Spaziergänge durch den schattigen Trockenwald. Bunte Wegweiser und zahlreiche Mülltrennungskörbe mahnen, den Umweltschutz einzuhalten. Die in der Entsorgung tätigen Gemeindearbeiterinnen sehen gewisse Fortschritte. „Allerdings ist die Bereitschaft zur Müllvermeidung nicht ausreichend. Hier müssen wir bei unseren Kindern ansetzten. Dass demnächst Plastiktüten verboten sind, erleichtert die Arbeit.

Vom Festland aus buchten wir das Öko-Hotel Arte y Aventura. Der Maler Carlos lebt seit 28 Jahren auf Isla Grande.

Wie seine Frau Viviana entfloh er dem Großstadtdschungel Calis. Das Paar betreibt das Hotel und vermittelt, wie nachhaltiger Tourismus unter schwierigen Bedingungen gelingt. „Von Beruf bin ich Psychologin. Das hilft mir,  kleine und große Probleme
zu verstehen und bei Konflikten zu vermitteln“, schmunzelt Viviana.

Wir vermissen weder Handyempfang noch fließendes Wasser. Rund 90 % sind ausländische Gäste, die den sanften Tourismus schätzen.
„Junge Männer und Frauen aus dem Dorf werden ausgebildet. Viviana organisiert Englischkurse und die Ausbildung für naturkundliche Führungen. Auch darum sind wir gut in die Inselkommune integriert„,
sagt Carlos und seufzt. „Leider habe ich noch niemanden für die Malerei begeistern können. Zwei-, dreimal kommen sie zu meinen Malkursen, dann bleiben sie weg.

Carlos macht uns auf die Herausforderungen der Insel aufmerksam. Das Nebeneinander zwischen privaten eher hochpreisigen Hotels und den ökotouristischen Angeboten der Einheimischen verlaufe zurzeit ohne größere Reibungspunkte. Doch es gebe kein Trinkwasser für die ca. 750 Anwohner und bis zu 4000 (Tages)Touristen monatlich in der Hochsaison.

In den Regenzeiten wird Wasser aufgefangen. Ein Wasserschiff aus Cartagena fährt die Insel regelmäßig an. Salziges Brunnenwasser lässt sich immerhin zum Wäschewaschen aufbereiten. Solarpanele sind für die wenigstens erschwinglich. Viele Dorfbewohner leben ohne Strom.

Es mangelt an der medizinischen Versorgung. „Hier stirbt niemand auf der Insel“, sagt ein Nachbar  lakonisch. „Der letzte Arzt war zwar Alkoholiker, aber er war immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Ein Ersatz ist nicht in Sicht. Schwerkranke lassen sich auf dem Festland pflegen.

Freizeitangebote reduzieren sich auf Fiestas an Wochenenden mit reichlich Alkohol und lauter Musik sowie gelegentlichen Hahnenkämpfen. Einen Sportplatz gibt es zumindest.

Frauen klagen über die vagabundierenden Männer und ihren Mangel an Verantwortung gegenüber der Familie.

Verklausuliert kommen instabile Familienverhältnisse zur Sprache, Kinder müssten oft umziehen, weil auch die Frauen nicht selten einen anderen Partner wählten.

Trotzalledem. Die Bewohner_innen der Isla Grande schafften den Weg aus der Armut und Fremdbestimmung. Obgleich die Insel nur 2,5 km lang und 1,7 km breit ist, hat sie große Ausstrahlungskraft auf benachbarte Kommunen.

Über die raue See tuckern wir uns wehmütig zum Festland zurück. Gerne kämen wieder auf die schöne Insel, um den Gesprächsfaden mit den freundlichen und geschichtsbewussten Menschen wiederaufzunehmen.

Laura im Boot

Seit vier Jahren pendelt die Grundschullehrerin Laura zur Arbeit ins 45 km entfernte Dorf Orika. Schon sonntags lässt sie die Familie in Cartagena zurück. Der Unterricht beginnt auf der Isla Grande am Montag früh um 7 Uhr. Vor Sonnenaufgang nehmen die Wassertaxis keine Passagiere auf. Salzwasserduschen sind bei der Überfahrt in den kleinen Booten inbegriffen. Die heftigen Brisen vor Cartagenas Küste wechseln je nach Jahreszeit nur die Nord-Südrichtung.

Unter der Woche wohnt Laura mit 13 Kolleg_innen in einem Häuschen auf dem Schulgelände. „Jetzt schlafe ich endlich unten“, sagt sie erleichtert seufzend, als sie uns die Etagenbetten im fensterlosen Kämmerchen zeigt. Das Kollegium lebe hier in guter Gemeinschaft. Niemand habe Angehörige auf der Insel.

Das Erziehungsministerium versetzt Grund- und Sekundarschullehrer auf Zeit in ländliche Regionen. Im Flur droht ein Regal unter didaktischen Materialien zusammenzubrechen. Unter dem schattigen Kapokbaum tagt gerade eine Lehrerkonferenz.

Die Frage, ob Laura sich selbst um die Stelle im Koralleninselparadies Isla Grande, dem Archipel El Rosario zugehörig, beworben habe, beantwortet sie ausweichend.

In meiner Klasse unterrichte ich 16 Kinder in allen Fächern, in der Stadt wären es bis zu 45. Und um die 16 Kinder muss ich kämpfen, Eltern zuhause besuchen und sie überzeugen, ihre Kinder zur Schule schicken. Viele Eltern können kaum lesen und schreiben. Bildung hat für sie keinen Wert. Ohne Aufsicht lernen die Kinder zuhause nicht. Ab 18:00 Uhr ist es eh dunkel. Die meisten Häuser verfügen über kein elektrisches Licht. In meinen ersten vier Wochen an der Schule habe ich nur geheult. Jetzt sehe ich die Fortschritte. In den kleinen Klassen können wir uns individuell um die Kinder kümmern. Das macht sie stark für das Leben, selbst wenn wir nur 50 Prozent des Curriculums erfüllen können.“

Zwei kommunale Kindergärten sollen vorab die Vorschulerziehung leisten.

Erzieherin Natalie, staatlich angestellt, begleitet vormittags allein bis zu 22 Kleinkinder, da ihre Kollegin Mutterschutz genießt. Manchmal hilft ein Elternteil mit. Vielleicht sei es nicht schlecht, dass die Kinder nur unregelmäßig kommen. Überhaupt bleibe wenig Zeit, um die Farben und Zahlen zu lernen, die Feinmotorik zu trainieren.

Die Kinder würden zumindest beaufsichtigt und beköstigt durch die eigens angestellte Köchin. „Wir wünschen uns einen Solarkühlschrank“, antwortet Natalie, befragt nach den dringlichen Problemen der Einrichtung.

In der Grundschule werden die Unterrichtsräume morgens von der Grundschule und nachmittags von der Sekundarschule genutzt.

Der erfolgreiche Abschluss der elften Klasse verleiht das Bachillerato, die Hochschulreife. „Immerhin 40 Prozent der Absolvent_innen beginnen anschließend auf dem Festland eine Ausbildung oder einige sogar ein Studium. Die anderen bleiben auf der Insel und jobben. Zu viele brechen die Schule vorzeitig ab. Gelegenheiten, Geld zu verdienen, bietet die Insel dank des Tourismus zur Genüge.“

Und: „Im letzten Schuljahr wurden wiederum 2 Minderjährige schwanger, trotz aller Präventionsarbeit externer Sozialpädagog_innen.“

 

Die Mittagshitze drückt. Nach Schulschluss sind  7 Kinder im Klassenraum verblieben. Laura lässt ihnen Zeit, die Aufgaben vom Whiteboard zu notieren und Verständnisfragen zu klären.

Die Nachbereitung des Spanischunterrichtes: Eine Fabel handelt von einer ambitionierten  Wasserschildkröte, die den Zugvögeln gleich in den Süden fliegen  will.

Trotz der schlechten Bezahlung habe sie sich für den Beruf entschieden, um Kinder zu fördern, Armutsfallen entgegenzuwirken, erzählt uns Laura.
Ich war 21 Jahre alt, als man mich für eine soziologische Studie in die Außenbezirke Cartagenas sandte. Was für ein Schock. Nie zuvor war ich so unmittelbar mit der extremen Armut konfrontiert. In den darauffolgenden Monaten habe ich dort eine Kleiderkammer aufgebaut. Heute will ich, dass Kinder Kolumbiens Bildung erfahren, um ihr Leben in die Hand nehmen.“

 


Schützt Lauras Lebenserfahrung vor dem Ausbrennen, ihr erst später beruflicher Einstieg in den Lehrberuf? Als Schulsekretärin und Mutter zweier Söhne ließ sich berufsbegleitend zur Grundschullehrerin ausbilden. „Zuvor arbeite ich über 17 Jahre im Sekretariat einer Militärschule. Dort herrschte ein ganz anderer Ton.“

Die blaue Murmel fragt Laura nach ihren Empfehlungen an das Erziehungsministerium. Sie gäbe den Lehrkräften stärkere pädagogische Freiräume.
Die ständigen Überprüfungen und Evaluationen rauben viel Energie. Außerdem braucht es für die Insel ein eigenes Curriculum, das an die Lebenswelt der Kinder angepasst ist. Bislang unterrichten wir nach einem einheitlichen Lehrplan für ganz Kolumbien.“

Statt mit dem Gong verlassen an diesem Vormittag die letzten Schulkinder den Raum mit herzlichen Umarmungen und Küsschen. Sie haben die Lehrerin gewiss sehr gern.

Laura ist im Boot – auch im übertragenen Sinne. Denn sie engagiert sich für die Zukunft der Dorfgemeinschaft auf der Isla Grande, einer ganz besonderen Insel.
Vor 5 Jahren übergab die Regierung endlich die Landtitel an die Afrodesciendientes, die Nachfahren der Sklaven, die seit 200 Jahren die kleine Insel bewohnen und ein ökologisches und nachhaltiges Tourismuskonzept auf den Weg brachten.

Freitags nimmt das Boot Laura zurück aufs Festland. Im kommenden Schuljahr darf  sie die Insel verlassen, versprach das Ministerium. Immerhin sind ihre Söhne gerade mal 11 und 15 Jahre alt.