Neue Wege im Verkehr

Ruanda bewegt sich: Die Menschen sind mehrheitlich zu Fuß unterwegs- oder auf dem Zweirad. Innerstädtische Fahrradwege wurden angelegt. Auf asphaltierten Überlandstraßen in bestem Zustand finden sich breite Randstreifen für Fußgänger- und Radler_innen.

 

 

 

 

Erstaunlich, was einem Fahrrad aufgebürdet werden kann- und auch den Männern, die Lastenräder bergan durch die Hügellandschaft schieben, zuweilen unterstützt durch zupackende Helfer und freundliche Anfeuerungsrufe.

Viele junge Männer arbeiten als Fahrradtaxifahrer. Möglicherweise ziehen sie einen Job als Dienstleistler der Feldarbeit und dem Handwerk vor. Die registrierten Fahrradtaxis verfügen über Nummernschilder, bequeme Gepäckträgersitzkissen und separate Fußstützen für Mitfahrende. Die Low-Budget- Taxis scheinen bei der Kundschaft beliebt. Nebenbei- Radsport ist sehr populär.

Ganz Ruanda, nein halb Ruanda zeigt sich im Fahrradfieber. Frauen treten bisher höchst selten in die Pedale. Das irritiert angesichts der Gender Balance im Land mit der weltweit der höchsten Zahl weiblicher Parlamentsabgeordneter (61%) sowie der weiblichen Erwerbsarbeit in Männerdomänen wie dem Straßenbau.

Geordnet halten sich die Motorradtaxifahrer zumeist an die Helmpflicht für die Passagiere. Sie müssen sich bis zum Jahresende 2019 auf bargeldlosen Zahlungsverkehr umstellen. Einnahmen sind kontrollierbar, die Preise sollen für die Fahrgäste transparenter werden. In vielen Ländern könnten derartige staatliche Regularien zu Protesten führen. In Ruanda ticken die Uhren anders. Die strenge Regierungspolitik scheint von den Menschen als gerecht empfunden und akzeptiert.

Individualreisende erfreut das Minibussystem. Die Abfahrtszeiten sind verlässlich. Der Ticketverkauf an zentralen Busbahnhöfen garantiert einen Sitzplatz. Überbelegung ist verboten. Temposündern drohen hohe Bußgelder. Der Verkehr fließt auch überland stressfrei und ohne Kamikaze- Fahrer am Steuer. Zudem müssen sich alle Fahrzeuge einmal jährlich einem „TÜV“ unterziehen.

Ruandas fortschrittliche Verkehrs- und Umweltpolitik drängt auf die Reduktion des Individualverkehrs. In der Metropole Kigali mit ca. 1,2 Millionen Menschen werden der öffentliche Nahverkehr ausgebaut, Carsharingkonzepte erprobt und die Fahrradmobilität wird gefördert.

Verträge mit dem Unternehmen Bosch bereiten den Einsatz von Elektrobussen vor. Noch stoßen zuweilen  vor allem  Lastwagen schwarze Rußwolken aus.

Während des monatlichen „Car free day“ in Kigali sind zentrale Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Radler und Läufer toben sich aus. Nebenbei werden Gesundheitschecks angeboten, von der Blutdruckmessung bis zum freiwilligen HIV-Test. Der von vielen verehrte Staatspräsident Paul Kagame beteiligt sich in Laufschuhen und bewirbt den Umstieg aktiv.

Künftig soll ausschließlich der Import von Neuwagen möglich sein. Denn die Einfuhr alter Gebrauchtwagen erweist sich aufgrund technischer Mängel und der hohen Schadstoffbelastung als stetes Ärgernis. Um es mit Präsident Kagame zu formulieren „Afrika darf keine Resterampe für Gebrauchtwagen aus aller Welt sein.“

Im Sommer 2018 eröffnete die Volkswagen AG ein Montagewerk für den Polo in Kigali. Jährlich sollen zwischen 5000 und 10 000 Autos an Firmen und Privatkunden verkauft werden. Ein Win-Win- Projekt? VW sucht einen Zugang zum afrikanischen Markt und zeigt sich als Transportunternehmen mit eigener Flotte. 150 Taxen für die Regierung sowie 250 App-unterstützte bargeldlose Carsharing -Fahrzeuge gehen an den Start.

Ruandische Wertarbeit In: taz 30.06.2018
http://www.taz.de/!5513939/  (aufgerufen am 20.04.2019)

Das ehrgeizige Ziel: Ein Agrarland entwickelt stetig seinen Dienstleistungssektors. Die konstant hohen Wachstumsraten der letzten Jahre mit über 7% stimmen optimistisch. Ausländische Investoren lockt die Steuerbefreiung, z. B. in Ruandas Sonderwirtschaftszonen.

Ein Land mit vielen Gesichtern- die Dynamik ist unverkennbar. Die   Umweltpolitik scheint vorbildlich, angefangen vom Verbot der Plastiktüte. Trotz der Stadt-Land- Gegensätze und der herausfordernden Armutsbekämpfung gelingt es, ökologische Ziele konsequent umzusetzen.

Kulturpunkte in Kigali

Beim ersten Rundgang durch Kigali stoßen wir binnen einer Stunde auf eine vitale Kulturszene. In kurzer Distanz befinden sich Galerien mit experimenteller Kunst, teil mit Objekten aus Recyclingmaterial.

Die Niyo Arts Gallery macht mit einer grellbunten Außenfassade auf sich aufmerksam.

Die Galerie bietet jungen Künstler_innen Ausstellungsräume, die aktuell von 11 Künstler_innen genutzt werden. Farbenfreude durchzieht alle Bilder.

Emanuelle führt uns durch die Galerie.
Das Besondere unserer Initiative ist, dass 40 % der Erlöse Kindern aus armen Familien zukommen. Finanziert werden z. B. Schulmaterialien für Straßenkinder. Zudem erhalten die Kinder kulturelle Angebote, u.a.Tanz- und Trommelworkshops.

Ich trainiere z. B. ehrenamtlich eine Fußballmannschaft von Kindern aus einem ärmeren Stadtviertel. Fußball ist in Ruanda sehr populär.
Mittlerweile ist unsere Stiftung durch unsere Homepage und die zentrale Lage in Kigali bekannt. Wir bekommen viel Zuspruch von Besucher_innen aus dem In- und Ausland, aber auch von offizieller Seite.
Schade, ich hätte Sie gerne heute Abend zu einem Trommelkurs eingeladen. Aufgrund der Gedenkfeiern zum Genozid finden diese Woche keine Aktivitäten für die Kinder statt. Kommen Sie vorbei, wenn Sie das nächste Mal in Kigali sind.“

 

 

 

 

Schon zweihundert Meter weiter stehen wir vor der Kigali Public Library, der vor wenigen Jahren eröffneten öffentlichen Stadtbibliothek.

Die futuristische Architektur und lichtdurchflutete Räume laden zur Lektüre der umfangreichen Büchersammlung ein. Wissenschaftler_innen, Student_innen und Schüler_innen nutzen die Räumlichkeiten sowie die Computerarbeitsplätze häufig.
Wir sinken in das gemütliche Sofa und studieren, was die ausliegenden englischsprachigen Tageszeitungen berichten.

Weiterlesen?

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ruandas-junge-kunstszene-leuchtende-landschaften-und-viel.979.de.html?dram:art
(aufgerufen am 16.04.2019)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ruandas-junge-kunstszene-leuchtende-landschaften-und-viel.979.de.html?dram:article_id=297171
(aufgerufen am 16.04.2019)

http://verein-ruehrwerk.ch/2017/07/26/kuenstler-aus-kigali-artists-from-kigali/
(aufgerufen am 16.04.2019)

http://www.niyofoundation.org

Kivu-See mit Wanderschuh

Entlang des Kivu-Sees im Westen Ruandas verläuft über 227 km ein gut ausgebauter und landschaftlich beeindruckender Wander- und Radweg, der Kongo- Nil- Trail. Wanderer benötigen  mindestens 10 Tage von Nord nach Süd. Flexible Aus- und Einstiege sind jederzeit möglich. Herbergen bieten unterwegs Übernachtungsmöglichkeiten an.

Kurz vor unserer Abreise aus Ruanda bleibt uns Zeit für eine Tageswanderung. Wir starten am Nordostufer in Gisenyi.

Der Kivu-See, fünfmal größer als der Bodensee breitet sich wie ein glitzernder Ozean vor uns aus.

Die Idylle mag trügen. Aufgrund seines hohen Methan- und Kohlendioxidgehaltes gilt der See als hochexplosiv. Um dem gefährlichen Austritt der Gase während eines Erdbebens oder Vulkanausbruchs zuvorzukommen, schöpft das Land mittlerweile Methan ab, um es in elektrische Energie umzuwandeln.
Vision 2020– landesweit ist die Stromversorgung zu sichern. Erste Gasplattformen sind bereits in Betrieb, weitere geplant. Ruanda betritt mit dem weltweit einmaligen Projekt technologisches und wissenschaftliches Neuland. Einher geht die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das Gas bietet zudem eine Alternative zur waldzerstörerischen Holzkohle, die aus ökonomischen Gründen wie aus Gewohnheit in den Haushalten allzuoft zum Einsatz kommt.

Am Seeufer herrscht am 16. April reges Markttreiben.

Fährschiffe aus dem Nachbarstaat Kongo haben angelegt. Bauern bieten ihre Überschussprodukte an. Kleider können erworben, Schuhe repariert, Handys aufgeladen und kleine Tauschgeschäfte abgeschlossen werden. Textilien, Schuhe und Sprit seien im Kongo günstiger, hören wir. Die Ware liegt in kleinen Buden, zumeist aber auf dem Boden aus.

Der achtzehnjährige Felix schließt sich uns an. Er besucht eine Fachschule für Wirtschaft und möchte mit uns seine bereits guten Englischkenntnisse verbessern. Er habe schulfrei. Seine Mutter sei an Krebs gestorben. Von daher kümmere sich die 94-jährige Großmutter um die kleinen Geschwister.
Wie viele Großmütter Afrikas erziehen die  übernächste Generation.. Hoffentlich lernen wir Felix´ Großmutter persönlich kennen.
Felix übt mit uns Kinayruanda, zugleich erfahren wir, was Menschen in Gisenyi nahe der Grenze zum Kongo bewegt, z. B. der Zuzug der Geflüchteten aus Kongo und Burundi, landesweit ca. 100.000. Sie haben Zugang zum Arbeitsmarkt und erhalten eine medizinische Grundversorgung. Zugleich befürchten manche Ruander  Konkurrenz um  die Erwerbsmöglichkeiten. „Hört ihr, die Frauen dort drüben sprechen das Swahili aus dem Kongo, die Grenze ist offen. Viele kommen tagsüber, um Handel zu treiben.“

Ruanda ist ein durch Landwirtschaft geprägtes Land. 75 % der Menschen leben von der Subsistenzwirtschaft. Im Durchschnitt können sie weniger als 1 Hektar Land bearbeiten. Terrassierte grüne Hänge und stark parzellierte Anbauflächen fallen auf. Die Menschen nutzen einfachste Werkzeuge. Auch arbeiten sie teils mit bloßen Händen in stark gebeugter Haltung. Für den Ausbau der Tierzucht fehlt ausreichendes Terrain im Ruanda mit 13 Millionen Einwohner_innen.

Zwar fällt im Nordwesten Ruandas ausreichend Regen. Nahe der Vulkanregion sind die Böden fruchtbar, dennoch durch die dichte Besiedlung sehr knapp bemessen. Die Menschen nutzen jeden Quadratmeter zum Anbau von Mais, Bohnen, Kartoffeln, Tomaten, Karotten, Grünkohl, Weißkohl, Zwiebeln, Kaffee oder Kassawa. Wichtiges Anbauprodukt für den inländischen Konsum sind Bananen, die uns auf überladenen Fahrrädern entgegenrollen.

Neben dem Einsatz von Motorradtaxis, seltenen Kleinlastern und gehäuft Fahrrädern transportieren die Menschen vieles auf dem Kopf: Wasserkanister, Nähmaschinen, Baumaterialien, Brennholz, Tierfutter, kiloweise Früchte.

Viele Kinder Ruandas arbeiten hart, sie schleppen und hacken, mal mit und mal ohne Flipflops an den Füßen. Wenn nach Ostern die Schule beginnt, mag sich das Straßenbild ändern. Trotz allem ökonomischen Aufwind Ruandas mit 7 Prozent Wachstum, einer Krankenversicherung für alle und
Sozialprogrammen- die Armutsbekämpfung hat einen langen – weiteren- Weg vor sich. Noch beträgt die Kindersterblichkeit  37  von 1000 (2017) in den ersten 5 Lebensjahren. Sie hat sich in den letzten 10 Jahren immerhin halbiert!  Die dramatische Quote der HIV- Infizierten von 10 Prozent (2004)  der Bevölkerung  als Spätfolge der Vergewaltigungen während des Genozids sank aufgrund intensiver Aufklärungs- und Beratungsangebote und medizinischer Maßnahmen auf 2,9 Prozent (2018).

Unterwegs winken uns überall Menschen freundlich zu. Begrüßungsformeln auf Kinyaruanda helfen bei der Kontaktaufnahme. Insbesondere die Kinder sind neugierig auf die „Mzungus“ und umschwirren uns kichernd. Den bescheidenen Lebensverhältnissen zum Trotz wird viel gelacht.

Der Weg führt an einer Landwirtschaftsschule vorbei. Während der Ferien kann uns der Lehrer nur die Räumlichkeiten zeigen. „Die rund 60 Schüler kommen aus der Region. Wer lesen und schreiben kann, darf die Schule besuchen. Die Ausbildung dauert sechs Monate. Wir fördern Kenntnisse im Bereich der Landwirtschaft. Alle suchen Arbeit. Unsere Schüler sollen in der Lage sein, einen eigenen Betrieb zu eröffnen, z. B. Hühner zu züchten.“ Gelegentlich erhält die Schule finanzielle Unterstützung durch eine belgische Nichtregierungsorganisation. 4 Computer stehen im Klassenraum, der ansonsten schlicht mit einer Tafel und Stühlen ausgestattet  ist. Angrenzend befinden sich ein sorgfältig gepflegter Nutzgarten und kleine Ställe.
In Holzbooten entdecken wir Fischer mit einfachsten Angeln und Netzen.

Wichtige Abnehmer sind die Hotels und Restaurants, die wie Pilze aus dem Boden sprießen und zugleich in mühsamer Arbeit errichtet werden. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die monoton Steine zerklopfen, um Baumaterialien zu produzieren.

Ruanda setzt auf Tourismus, um sich neben den Nachbarstaaten Uganda und Tansania zu positionieren. Ob diese ehrgeizige Strategie angesichts der begrenzten Fläche und Naturparks mittelfristig aufgeht?

Von den wunderschönen Landschaften, den freundlichen Menschen, den hervorragenden Sänger_innen und einem spannenden Entwicklungsmodell konnten wir uns überzeugen. Ausländische Tourist_innen fühlen sich vollkommen sicher im Land.
Gerne kommen wir wieder- auch um außerhalb der großen Regenzeit den Kongo-Nil- Trail zu erwandern.
Gerade braut sich das alltägliche Nachmittagsgewitter zusammen. Das Tablet schalten wir aus und flüchten in unser bislang regensicheres Zelt. Murabeho! 

Engagierte Schwestern

Eine Messerklinge blitzt in der blendend grellen Morgensonne auf. Die khakifarbene Kleidung entpuppt sich auf den zweiten Blick als Ordenstracht. Sister Anastasi kommt uns am Hang oberhalb des Kivusees entgegen. „Makoro“ winkt sie uns freundlich zu und wedelt mit einem Grasbüschel. Auf dem Rückweg von der Feldarbeit nimmt sie sich Zeit für uns Muzungus.

Vögel zwitschern, aus dem Tal dringt vielstimmige Chormusik aus einer Gedenkmesse unter freiem Himmel. Kinder huschen kichernd vorbei. Nahtlos schmiegen sich die Hügel des Kongo an Ruanda an. Unglaublich, dass die friedvolle Landschaft vor Kurzem noch Schauplatz eines Völkermordes und der Kongokriege war.

Sister Anastasi gehört dem belgischen Frauenorden Ste Marie an, der seit 1959 in Ruanda tätig ist. In Karongi leben derzeit 7 Ordensschwestern. Sie unterhalten ein Internat mit 400 Sekundarschülerinnen und eine kleine Gesundheitsstation. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Sozialarbeit für Arme und die Begleitung der Genozidopfer.

Schnell kommt Anastasi auf ihre Reise nach Rheinland-Pfalz zu sprechen. Das Bistums lud sie 2004 ein. „Für mich war es eine wunderbare Erfahrung mit wunderbaren Menschen.“ Insbesondere blieb der Aufenthalt in der Hasslocher Gastfamilie haften. So pflegt sie eine intensive Freundschaft mit evangelischen Christen, die das caritative Engagement des Ordens unterstützen.

Anastasi ist Opfer des Genozides, der nahe des Kivu-See besonders heftig wütete. Innerhalb von 3 Monaten wurden 1994 ca. 90 % der in der Region lebenden 200.000 Tutsi ermordet. „Ich habe alle meine 12 Geschwister verloren. Ich habe noch ganz tief in meinem Herzen Hass, aber ich lasse ihn nicht zu. Zu vergeben und alles dafür zu tun, dass es sich nicht wiederholt, sehe ich als meine Aufgabe. Wäre ich nicht damals bereits Ordensschwester gewesen, hätte mich nichts zum Beitritt einer christlichen Organisation bewogen“, verweist sie auf die unrühmliche Rolle der Kirchen während des Völkermordes.

Für ist mich ist das Versagen der Kirchen ein äußerst schmerzhaftes Kapitel. Pastoren unterstützten den Völkermord aktiv. Hier in Karongi gab es einen Pfarrer der 7-Tage-Adventisten. Später wurde er vor dem Völkermordtribunal in Arusha (Tansania) zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es gab  Geistliche und Hutu, die sich hinter die  Verfolgten gestellt haben und ebenfalls umgebracht wurden.“

Für alle Glaubensgemeinschaften sei die Versöhnung in Ruanda eine zentrale Aufgabe. „Sehen Sie sich um. Wir sind ein ganz kleines, sehr dicht bevölkertes Land. Jeder kennt hier jeden. Wir brauchen die Versöhnung, weil die Menschen Tür an Tür leben.“

Ich freue mich, dass Sie nach Ruanda gekommen sind und an den Gedenkfeierlichkeiten zum Genozid teilnehmen. Es ist wichtig zu sehen, was hier vor 25 Jahren passiert ist. Verstehen kann man es nicht. Auch mir fällt es bis heute schwer zu verstehen, was damals geschah. Wir haben zuvor mit den Mördern eng zusammengelebt und aus dem gleichen Brunnen das Wasser geschöpft. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich wieder Messer in Menschenhand sehen konnte, ohne mich bedroht zu fühlen. Die Zeit heilt Wunden. Und mein Engagement für die Armen hilft mir zu leben.“

Anastasi verweist auf die nahegelegene Memorialgedenkstätte der katholischen Kirche St. Jean, in der viele Tutsi umgebracht wurden. Die Gebeine der Ermordeten werden öffentlich ausgestellt. Die zentrale Inschrift der Gedenkstätte lautet „Never again“.


Beim Besuch der Kirche stoßen wir auf eine Chorprobe. Der Gesang berührt uns an diesem historischen Ort tief.

Zudem treffen wir vor der Kirche auf einen großen Trauergedenkmarsch.

Anastasi lädt uns mit einem herzlichen Lachen zum Besuch ihres Ordens ein. „Sie werden sich wundern. Wir betreiben ein kleines Hotel und ein Restaurant. Karibu- Sie sind herzlich willkommen“.

So empfängt uns am Tag darauf Sister Josephine, die mehr als 15 Jahre in Armenvierteln Brasiliens arbeitete. Spontan erzählt Josephine, dass auch ihre Familie im Genozid getötet wurde. „Nur meine kleine Schwester überlebte, weil man sie unter den Leichenbergen für tot hielt. Sie ist für mich ein Gottesgeschenk.

Bei einem Rundgang zeigen uns Josephine und Anastasi die Örtlichkeiten: Die Schule, das Wohnheim, eine Sportanlage, das Hotel mit 5 Gästezimmern, einen großen Nutzgarten, einen kleinen Stall. „Für uns ist wichtig, dass die Schülerinnen selbst  Hand anlegen. Ihre Eltern leben zumeist auch von der Landwirtschaft. Zudem sind kulturelle Angebote und Sport wichtig. Der Staat stellt die Lehrkräfte und das Curriculum. Bei den landesweiten zentralen Abschlussprüfungen schneiden wir gut ab. Übrigens, die Mädchen stammen aus allen Glaubensgemeinschaften. Wir sind für alle da.“

Die Zukunft? Für Josephine „ist wichtig, dass unser Hotel mit Restaurant wächst. Die Einnahmen benötigen wir für unsere soziale Arbeit.“ Und Anastasi, bald Ruheständlerin wünscht „ein Kloster für ältere Schwestern, die alt und pflegebedürftig sind.“

Die Frauen haben wir ins Herz geschlossen. Beim Abschied weiht uns Anastasi augenzwinkernd in ein kleines Geheimnis ein. „Wir haben ein männliches Wesen in der Ordensgemeinschaft. Einen Kater.“ „Kommt wieder“, ruft sie uns zu.

Weiterlesen?
Zur Rolle der Kirchen im Genozid und im Versöhnungsprozess

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32341/serie-mission-ist-das-christentum-ruanda-gescheitert  
(aufgerufen am 14.04.2019)

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2004/mein-freund-der-moerder-569 (aufgerufen am 14.04.2019)

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32182/empathie-und-vergebung-lernen-ruanda-den-moerdern-die-hand-geben
(aufgerufen am 14.04.2019)

http://www.accueilstemariekarongi.jimdo.com

 

Ein besonderer Tag

Auffällig ist die plötzliche Stille. Die Hauptverkehrsstraße durch Rwamagana scheint am Sonntagmorgen des 7. Aprils leergefegt. Weder Autos noch Fahrradtaxifahrer sind unterwegs und nur wenige Passanten. Schon unser Hotel wirkte ausgestorben. Aus dem Lautsprecher im liebevoll angelegten Hotelgarten erklang besinnliche Musik. Im Frühstücksraum saßen wir allein unter dem großen Flachbildschirm. Ein  Moderator kündigte die Ansprache des Präsidenten Paul Kagame an.

Der 25. Jahrestag des entsetzlichen Gemetzels nimmt in besonderem Maße Ruandas Jugend und ihr Wissen um die Geschichte in den Blick. Die erste Generation „danach“ ist erwachsen, sie gründet eigene Familien. Bildung soll schützen vor dumpfem Rassismus. Große Hoffnung steckt das Land u.a. in digitale Kommunikationsmedien, um die Menschen zu erreichen.

Der Völkermord an den Tutsi war kein spontaner Blutrausch, sondern geplant. Junge Männer wurden ausgebildet, gezielt zu töten. Ein erstes großes Massaker gegen die Tutsi-Minderheit fand bereits 1959 statt. Immer wieder waren sie Bedrohungen ausgesetzt, zur Flucht in die Nachbarländer gezwungen. In nur 100 Tagen wurden 1994 mehr als 800 000 Menschen ermordet, sowohl Tutsi als auch oppositionelle Hutu, die versuchten, ihre Familienangehörigen oder Nachbarn vor den Macheten und Äxten zu schützen. Die internationale Staatengemeinschaft versagte, die UN- Blauhelme zogen ab. Mit dem militärischen Einzug Paul Kagames in der Hauptstadt Kigali wurde der Wahnsinn beendet. Das junge Ruanda lernte miteinander leben: „Remember-unite-renew.“

Auf dem Weg zur Gedenkstätte kaufen wir Blumen und graue Schleifchen als Anstecker. 2 Muzungu, Nachfahren der ehemaligen Kolonialmacht. Zuhause erinnern Stolpersteine an den Holocaust. Im 21. Jahrhundert lebt Deutschland im Land selbst friedlich, während der viertgrößte Rüstungsexporteur unrühmlich Waffen in Konfliktregionen exportiert.

Das wirtschaftlich dynamische Ruanda gehört wie andere ehemalige deutsche Kolonien zu den Schwerpunktländern deutscher Entwicklungszusammenarbeit. Die Rolle Deutschlands vor und während des Genozids ist weiterhin ungenügend aufgearbeitet. Bündnis90/DIEGRÜNEN  fordern die Einrichtung einer Historikerkommission.

Das Portal der katholischen Kirche ist geöffnet, der Innenraum leer. Die Sonntagsmesse hätten wir verpasst, erklärt uns ein junger Mann. Alban, Jahrgang 1994 wuchs im Kongo als Sohn ruandischer Flüchtlinge auf. „Ich lebe zurzeit in Nairobi, um mein Masterstudium der Kriminologie abzuschließen. Gerade besuche ich meine Verwandtschaft in Rwamagana wegen des Gedenktages. Die Familien und Nachbarn in den Stadtteilen sitzen heute zusammen und erinnern sich. Dabei wird viel geweint. Oft kamen die Mörder von außerhalb, junge Männer wurden in Bussen bewusst in Orte gefahren, wo es keine Angehörigen gab.“

Hat die Stadt Rwamagana eine besondere Geschichte?“, wollen wir wissen. Albans Blick schweift durch die großräumige Kirche. „Auch hier suchten viele Batutsi im April Schutz und fanden den Tod.  Meine Tante war dabei. Sie überlebte.

Protestantische wie katholische Geistliche beteiligten sich am Genozid.  Alban fährt fort: „Pastoren und Pfarrer ließen sich vom Rassenwahn anstecken. Sie verstanden sich selbst als Bahutu oder Batutsi. Manche töteten mit oder lockten die Batutsi in die Falle. Man gab den Mördern den Schlüssel zur Kirche. Einige Pastoren versteckten Menschen.“

Alban, wirst du nach Abschluss des Studiums in Kenia bleiben?
Unser Gesprächspartner zuckt mit den Schultern. „In Kenia leben viele Ruander. Ich sage nicht, dass ich aus Ruanda komme, weil ich Angst vor Aggressionen habe. Ruander sind dort nicht unbedingt willkommen. Außerdem ist es in Kenia hot, dirty, dangerous. Das Klima ist deutlich heißer. Und es kann sein, du wachst auf, im Haus nebenan liegt dein Nachbar tot im Bett. Für wenig Geld wird in Nairobi getötet. In den Kongo möchte ich auch nicht zurück.
Viele Täter flohen z. B. in den Kongo vor den Strafgerichten. Dort leben sie in der Nachbarschaft zu den Opfern, die die Bedrohung fühlen.“

Mit Alban verabreden wir uns zur zentralen Veranstaltung  der Stadt am Nachmittag.  Eine Gedenkmesse findet in der katholischen Kirche statt, die dem Denkmal gegenüber liegt.

Auf dem Vorplatz der katholischen Kirche versammeln sich auffällig viele ältere Menschen, darunter Menschen auf Krücken, die Narben sind sichtbar.

Für die Jugend gab es bereits vormittags eigene Gedenkveranstaltungen.

An eine Schweigeminute schließen sich lange Vorträge an. Die Vizebürgermeisterin wie Überlebende haben das Wort. Den Übersetzungen Albans können wir aufgrund der lauten Mikrofonstimmen der Redner_innen kaum folgen.

Nach nahezu 4 Stunden verlassen wir vorzeitig das Geschehen und laufen in der Dunkelheit zurück.

Ein großes Familientreffen im Hotel  lockt uns mit wunderschöner Acapella- Musik.
Kaum stecken wir die Nase neugierig in den Saal, ermuntert man uns zum Bleiben. „Only God knows“, wie die Großmutter starb, wo sie begraben liegt. Das Porträt der Ermordeten wird gezeigt. Der älteste Bruder, in Frankreich im Exil, lud die große Familie zum 25-jährigen Gedenktag ein. Die Nachfahren und Freund_innen der Familie erinnern sich gemeinsam in kleinen Vorträgen und Gedichten. Sie singen und lachen.
Die Lebensfreude liegt im Jetzt.

 

Weiterlesen?

Kommentar zur Rolle Deutschlands angesichts des Völkermordes 
https://www.gppi.net/2019/04/04/25-jahre-nach-dem-voelkermord-in-ruanda-deutschland-hat-beim-genozid-nur-zugeschaut
(aufgerufen am 08.04.2019)

Eine Studie  zur Rolle Deutschlands während des Genozids
https://www.boell.de/de/2014/04/07/deutschland-und-der-voelkermord-ruanda (aufgerufen am 08.04.2019)

Reportage  zum düstere Kapitel der französischen Ruandapolitik- Macrons blinder Fleck
http://www.taz.de/!5583160/ (aufgerufen am 08.04.2019)

Reportage auf tagesschau.de von Sabine Bohland zum 25. Jahrestag- Es war wie das Ende der Welt
https://www.tagesschau.de/ausland/ruanda-139.html
(aufgerufen am 07.04.2019)

Eine nette Familie

 


6 prachtvolle Exemplare zeigt uns Jean-Marie. Die Tochter Rose beleuchtet mit dem Smartphone den Weg zum Hühnerstall. Wir balancieren an Schlammpfützen vorbei durch den Hof. Vor einer Stunde entlud sich der letzte Wolkenbruch.
Graue, braune gepunktete Hennen brüten. Küken gehen in den Verkauf. Unser Gastgeber drückt uns eine große Schale mit Hühnereiern in die Hand. „Sagt morgen Früh dem Koch im Hotel, dass er euch daraus Omelette zubereitet.“ Der 54-jährige spricht fließend Französisch, er wuchs im Kongo auf. Die Familie kehrte vor 20 Jahren wie viele andere nach dem Genozid aus dem Exil zurück.

Die Hühnerzucht dient Jean-Marie als Nebenerwerb wie auch das große Gartenstück. In einem Stadtviertel Rwamaganas bauen ca. 400 Anwohner großflächig gemeinsam Gemüse an. In der Fruchtfolge wechseln sich Mais und Bohnen ab. Der Mais wird in der nahegelegenen Mühle zu Mehl verarbeitet.
Weil Jean- Marie neben der Vollzeittätigkeit in einem gehobenen Mittelklassehotel keine Zeit zur Bewirtschaftung bleibt, unterstützt ein Nachbar die Familie tatkräftig gegen Entlohnung.

Fruchtbar ist die Erde nur mancherorts im grünen Hügelland Ruanda mit 12 Millionen Einwohnern. Um ein Drittel größer als Rheinland- Pfalz wird die Fläche geschätzt. Nährstoffarme, saure Böden und der Klimawandel erschweren die Versorgung. Die regionalen Unterschiede sind groß. Dennoch exportiert das rohstoffarme Ruanda neben Wolfram und Coltan auch landwirtschaftliche Produkte, Blumen, Kaffee und ausgezeichneten Tee, den wir auf dem Sofa genießen. An unserem ersten Tag in Ruanda lud uns Jean-Marie spontan zu sich nach Hause ein.

Eine trilinguale Teestunde, mit den 4 Kindern gelingt die Kommunikation auf Englisch, das bereits in der Grundschule ab der vierten Klasse in einzelnen Fächern als Unterrichtssprache fungiert. Für Mama Chantal werden die neugierigen Fragen der Muzungu auf Kinyaruanda übersetzt, als sie sich nach der Rückkehr vom Fischmarkt spätabends dazusetzt.

Was bedeutet der Gedenktag am 7. April für die Jugend Ruandas nach 25 Jahren, wollen wir wissen. Die große Tochter referiert atemlos mit uns über die  Vorgeschichte des Völkermordes, von der Besiedlung Ruandas vor Jahrhunderten an.
Während der deutschen und belgischen Kolonialpolitik bis 1962 wurden Gegensätze geschürt. Die Unterscheidung in angebliche Ethnien Bahutu und Batutsi, eine koloniale Erfindung.
Wichtiger als über die geplanten offiziellen Gedenkfeiern und unsere Beteiligungsmöglichkeiten mit uns zu sprechen, scheint für Rose die Regierungspolitik Paul Kagamas im Friedensprozess zu würdigen. Gacaca- Gerichte, Versöhnungsdörfer, die Entschädigung der Opfer wie die Rehabilitation der entlassenen Täter konnten den Frieden im Land wiederherstellen. „Wir setzen uns mit unserer Geschichte auseinander und schauen nach vorn.“

Die Gespräche oszillieren zwischen dem Jahr 1994 und den gegenwärtigen Plänen der Familie. Noch steht die Schüssel mit den Eiern auf dem Tisch. Wir sind verunsichert, ob wir die Gabe ablehnen können, ohne zu verletzten. Sensibel für unser Zögern baut Rose die Brücke.

Eine Einladung zum Abendessen am kommenden Abend folgt, Omelette wird versprochen. So finden wir bereits am zweiten Tag in Ruanda herzlichen Familienanschluss. „Nein, am 5. Mai sind wir schon außer Landes“, nicht imstande, den 90zigsten der vitalen Großmutter mitzufeiern. Eine sympathische Familie. Der Mann stellt uns seine Frau als „exceptionnelle“ vor. Das große Ziel der Eltern: „Die Kinder sollen eine sehr gute Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben, bevor sie selbst eine Familie gründen.“

Unter dem afrikanischen Sternenhimmel spazieren wir zurück ins Hotel, von der Familie gastfreundlich von Tür zu Tür eskortiert. „Ruanda ist sicher, als Frau kann ich mich 24 Stunden täglich allein auf der Straße bewegen“, versichert uns Rose. Trotz alledem zucken wir merklich. Denn zahlreiche Lastwagen donnern vorbei. Die Straße verbindet Ruanda mit Tansanias Häfen, eine Rennbahn für Import- und Exportgeschäfte. Sicher war es gut, dass vor dem Verlassen des gastlichen Hauses Vater, Mutter und Kinder beim Abschied ein Gebet für uns sprachen.

Ein bewegtes Land

Rwamagana, die Provinzstadt im Osten Ruandas: Überall wird gebaut und gewerkelt, Straßen werden gepflastert oder asphaltiert, das Drainagesystem wird erweitert. Hinweisschilder informieren über zahlreiche Projekte, die anvisierten Bauphasen, die heimischen und auch teils ausländischen Geldgeber für Schulen, Gesundheitsstationen, Rehabilitationszentren. Ruanda nziza, Ruanda neu.

 

Obwohl Schulferien sind, ist die Schule der protestantischen Kirche geöffnet. Im Schulhof weiden Rinder. Lehrer Jean-Paul betreut gemeinsam mit Kolleg_innen ehrenamtlich Ferienkurse für arme Kinder aus dem Stadtviertel, unabhängig von ihrer Konfession. Unterricht findet von 7.00 Uhr bis 14:00 Uhr statt. Die Kinder erhalten ein Frühstück.
Mein christliches Selbstverständnis bringt mich zum Engagement. Wir wollen Ruanda voranbringen, und zwar durch gute Schulen. Aktuell fehlen qualifizierte Lehrer. Die Bevölkerung ist jung und wächst schnell. Mein persönliches Ziel? Ich möchte eine eigene Schule aufbauen. Dort könnte ich die Lehrkräfte selbst aussuchen und ausbilden. Schon jetzt bin ich in der Lehrerausbildung tätig. Jedes Kind in Ruanda soll Zugang zu Bildung haben.“

Kinder und Erwachsene holen kanisterweise Wasser von der Zapfstelle, junge Männer transportieren Ananas und schwere Säcke. Unter Bananenstauden drohen die Fahrräder beim Weg zum Markt zusammenzubrechen.

Frauen balancieren Henkelmänner, Brennholz, Früchte auf dem Kopf stadteinwärts. Vor den Häusern sitzen Männer und Frauen, um Orangen, Bananen, Papaya oder gebrauchte Schuhe zu verkaufen. Altkleider? Der weitere Import von Secondhandkleidung ist seit 2019 verboten, um die ruandische Wirtschaft nicht länger zu schädigen.

Fahrräder werden vom Schlamm befreit. In den kleinen Gärten rund um die Häuser bearbeiten auch Kinder das Terrain mit Haken und Macheten. Die Kleinen winken mal scheu, mal verschmitzt mit „Muraho! How are you?“, voller Freude, wenn wir antworten. Sie spielen mit Ziegeln, Schlamm und ausgedienten Fahrradreifen. In einer Regenpfütze sucht ein Mann ohne Schuhe nach dem Loch im Schlauch.

Chormusik erklingt aus einer Kirche der Adventisten, ein Muezzin ertönt, in der Pfingstkirche fand der Gottesdienst bereits am frühen Morgen statt. Auch an der katholischen und anglikanischen Kirche sowie bei den Zeugen Jehovas laufen wir vorbei. Die christliche Missionierung soll nirgends in Afrika so „erfolgreich“ gewesen sein wie hier in Ruanda. Zicklein blöken erbärmlich, als man sie auf dem Tiermarkt von den Muttertieren trennt.

Eine Stadt läuft, rollt, hämmert, putzt- und wir auf unserem Spaziergang in der prallen Morgensonne mit.

Auf einer Decke entdecken wir Kassawa, das in der Sonne trocknet.

John Bosco erklärt uns in gutem Englisch, das Gemüse werde gestampft und gemahlen. Es dürfe keinesfalls gekocht werden. Er stellt uns die schwangere Frau und den zweijährigen Sohn vor. Im Hof steht das Motorrad des Taxifahrers. „Ich habe einen Schulabschluss und eine Ausbildung zum Mechaniker. Zuletzt habe ich einen Englischkurs besucht. Hoffentlich kann ich umziehen. Im Stadtzentrum möchte ich eine eigene Werkstatt aufbauen. Dann kann meine Frau mitarbeiten. Sie ist zurzeit arbeitslos“.
Auch John hat Pläne und zeigt Eigeninitiative wie viele Ruander, die wir kennenlernen. Auf unsere Frage hin, wie er den Genozidgedenktag am nächsten Tag begeht, sagt er: „Ich bin Opfer. Ich bin 35 Jahre alt. Meine Mutter wurde getötet, als ich 10 Jahre alt war.“

Nach 4-stündigem Marsch kehren wir müde und verschwitzt ins Hotel zurück. Die siebzehnjährige Rose erwartet uns. Als angehende Studentin für Hotel- und Tourismusmanagement jobbt sie in einem Restaurant, um die Eltern finanziell zu entlasten. Heute will sie uns helfen, Ruanda zu verstehen, den Aufbau des Landes nach dem Genozid. „Schrecklich. Wir haben unsere eigenen Nachbarn getötet. Das darf nie wieder geschehen.“

Auf ihrem Smartphone zeigt Rose uns ein Porträt Kagames, der für den Frieden und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes Großes geleistet habe. „One child, one laptop“ sei ein aktuelles Regierungsprogramm. Rose zeigt sich stolz auf die Regierung. Sie zählt die vielfältigen Hilfen für die Opfer, die  Rehabilitation für die Täter, die Strategie der industriellen und technologischen Entwicklung, die gezielte Förderung von Frauen , eine fortschrittliche Familienpolitik, die strenge Umweltgesetzgebung und die Sicherheit im Land auf.

Fühlen sich junge Männer in Ruanda vielleicht als Verlierer angesichts der emanzipierten und erfolgreichen neuen Frauengeneration?“, wollen wir wissen aufgrund unseres eigenen Backgrounds. Die junge Frau scheint unsere Fragen manchmal  nicht nachzuvollziehen. „Jeder Schulabgänger kann staatliche Unterstützung erhalten, um im Handwerk tätig zu werden. Wer will, kann Arbeit finden. In Ruanda haben wir jetzt Gender Balance, Männer und Frauen haben gleiche Chancen.

Über einen Generationskonflikt erfahren wir nichts. Streit mit den Eltern gebe es vor allem schonmal im „Stupid Age“ während der Pubertät. „Kagame hat eingeführt, dass minderjährige Mütter die Schule beenden können. Früher wurden sie von den Familien verstoßen. Das ist vorbei.“

Rose fasziniert uns mit ihrem fast unerschütterlichen Selbstbewusstsein, aber auch ihrer Neugierde uns ausländischen Gästen und Deutschland gegenüber. „Wie seid ihr in Deutschland mit den Folgen des Genozids an den Juden umgegangen? Was ist mit den Tätern passiert? Wie ist Deutschland wirtschaftlich so erfolgreich geworden? Was tun die Bauern in Deutschland konkret gegen den Klimawandel?“

Im Gespräch bleibt kein Raum, über Kehrseiten der gelenkten Demokratie zu sprechen. Wir halten uns mit diesen Fragen zurück und wollen sie bei anderer Gelegenheit formulieren.