In Minca zuhause

Inmitten des wuseligen Marktes fanden wir die Bushaltestelle. Der Kleinbus schlängelte sich zügig durch asphaltierte Serpentinen. Die Sierra Nevada de Santa Marta ist das höchste Küstengebirge der Welt. Bis zu 5700 Meter hohe Berge grenzen an die Karibik.

Angenehme Kühle schlug uns entgegen, als wir nach einer Stunde das Casa El Recuerdo erreichten. Das Hostal liegt auf 1000 Meter Höhe, 4 km außerhalb des Dorfes Minca.

 

Vor etwa 15 Jahren  zogen sich die Guerilla und die Paramilitärs aus der Sierra Nevada zurück. Seit dem hoffnungsfrohen Friedensabkommen 2016 erlebt Minca einen Besucheransturm. Zumeist jüngere Menschen suchen Naturerlebnisse und nutzen vielfältige Gelegenheiten zum Wandern, Rafting, Mountainbiking und Schwimmen.

Schon am ersten Tag lernen wir Landarbeiter José Luis kennen. Er hütet die Finca einer wohlhabenden Familie, die das Anwesen als Wochenendhaus nutzt. Seine Frau und drei erwachsene Kinder leben in einem der ärmsten Viertel von Santa Marta, 45 km entfernt.

Hier wurde früher viel Kaffee angebaut, aber jetzt nicht mehr. Viele Großgrundbesitzer lassen das Land lieber brach liegen als es an Kleinbauern zu verpachten. Sie haben höllische Angst, dass die Bauern das Land besetzen. Ich würde hier gerne Mais, Bohnen und Yucca für den Eigenkonsum anbauen. Das ist gefährlich. Sie bringen dich um, einfach so, wenn du das Land für den Gemüseanbau nutzt.

In der Sierra Nevada gab es bis 2003 Guerilla und Paramilitärs. Sie haben „Vacuna“ erpresst, Schutzgeld und vom Anbau des Kokains gelebt. Als die Kokafelder vom kolumbianischen Militär zerstört wurden, zogen die bewaffneten Kräfte ab. Es gab hier nichts mehr zu holen. Bodenschätze oder seltene Metalle gibt es hier nicht. Jetzt ist es sicher. Mich haben sie in Ruhe gelassen, aber es gab auch Rekrutierungsversuche.“

In Minca herrscht Aufbruchstimmung.  Kleine Hotels, Campingplätze und Restaurants sprießen aus dem Boden. Die Kooperative der Motoradtaxifahrer sichert den Transport zu den Unterkünften, die verstreut an Berghängen liegen.

In La Victoria bietet die Brauerei La Nevada Führungen mit einer Verköstigung an.

Eine kleine Bäckerei mit französischem Brot und Schokocroissants versüßt den Alltag. Kioskläden sorgen für das Nötigste.

Bambushaine, dichter Nebelwald, Gebirgsbäche und Wasserfälle begeistern. Schweißtreibende Wanderungen werden mit dem Ausblick auf den Küstenstreifen und die schneebedeckte Bergkette belohnt. Aufkommender Nebel und Kälte zwangen uns, die achtstündige Wanderung nach San Lorenzo abzukürzen.

Wir schwammen und genossen die Ruhe. Nur ein Brüllaffe weckte uns morgens mit respekteinflößenden Lauten.

Das Hostal El Recuerdo erwies sich als magnetischer Anziehungspunkt. Interessante  Menschen aus Kolumbien und aller Welt begegneten uns am Frühstückstisch: Schauspieler_innen, Musiker, Biohoffarmer_innen, die Anfang 30 sichere „Brotberufe“ kündigten, um andere Wege zu wagen, ein Radiojurnalist aus Santa Marta, eine kolumbianische Familie, Arbeitsmigranten aus Venezuela,
französische Wandertouristen.

Auch zwei weltoffene junge Reisende aus Hamburg, die  soeben erst die Schule abgeschlossen haben, waren vor Ort. „Dass ihr euch noch traut, mit dem Rucksack zu reisen! Mein Opa von 78 Jahren macht das nicht mehr“, entfuhr es Justin spontan.

Im Casa El Recuerdo lebte es sich wie in einer bunten Großfamilie, nicht zuletzt dank der achtsamen Inhaber.

 

Vor 4 Monaten eröffnete der dreißigjährige Betriebswirt Oliver das Hostal mit Campingplatz und Naturschwimmbad.

Die Guerrilla hatte in Kriegszeiten das Anwesen konfisziert. Strategisch wichtig war der Blick in die Täler. Später stand die Anlage viele Jahre leer. Ich nutze meine Erfahrungen. 4 Jahre habe ich bereits im Tayrona- Nationalpark gearbeitet. Mit meiner Lebensgefährtin will ich mir eine selbständige Existenz aufbauen. Ich habe viele Ideen.
Bitte sagt mir, wenn euch etwas auffällt, was ich besser machen kann
.“

Olivers Partnerin Geraldine lässt sich auf das Hostal- Projekt ein. Dabei hatte die erst 24-Jährige nach dem Studium der Filmwissenschaften andere eigene Wege eingeschlagen.

Geraldines siebenteilige Dokumentation über das Leben und Wirken des Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez entstand vor 3 Jahren.
Teil 1: Macondo: Magdalena
https://www.youtube.com/watch?v=uq_Yk8fhz7s
(aufgerufen am 20.02.2019)

Den Lebensunterhalt bestreitet Geraldine seit einigen Jahren mit Upcycling gebrauchter Kleidung. Aus us-amerikanischen Altkleiderspenden schneidert sie modische Unikate, die sie kunstvoll bemalt. Über Instagram erreicht sie ihre Kundinnen.

Obwohl Geraldine als Hostalbetreiberin soeben ein betriebswirtschaftliches Fernstudium aufgenommen hat, handelt sie weiterhin mit den Textilien.
„Eine gute Ausbildung und finanzielle Eigenständigkeit, das brauchen die Frauen in Kolumbien, um sich zu emanzipieren. Die Religion nimmt so viel Einfluss. Frauen sollen ihr Leben den Kindern opfern. Oft bekommen die Frauen früh schon Kinder. Damit endet die Berufstätigkeit. Sie bleiben zuhause. Wichtig wäre eine gute Sexualaufklärung. Davon habe ich in der Schule nichts mitbekommen. Unsere Gesellschaft ist leider noch immer sehr wertkonservativ.“

Mit Geraldine lernen wir, die Lebenssituation von Frauen in Kolumbien besser zu verstehen. Ich werde ständig gefragt, warum ich nicht verheiratet bin, warum ich keine Kinder habe, auch von meiner Familie. So, als ob man ohne Kinder keine richtige Frau sei. Ich möchte einen anderen Lebensentwurf wagen. Und Spuren hinterlassen. Das Leben geht schnell vorbei, man soll sich an mich erinnern und von mir erzählen. Gut, dass mein Vater mein unabhängiges Leben immer unterstützt hat. Schon mit 15 durfte ich im Wohnheim der Universität allein wohnen. In der Nonnenschule habe ich gelernt, zu kochen, meine Wäsche zu waschen, zu nähen, mich selbst zu versorgen. Ja, eine meine Lehrerinnen, eine Nonne hat mir Mut gemacht, als Frau unabhängig zu leben. Manche feministischen Frauengruppen in Kolumbien sind sehr extrem. Mir geht es darum, die gleichen Rechte zu haben wie die Männer. Mich macht es wütend, wenn Frauen sich weiterhin den Männern unterordnen und nicht für ihre Rechte einstehen.“

Auch auf den Wanderungen durch die Berglandschaft trafen wir stets freundliche, hilfsbereite und viel Gelassenheit ausstrahlende Menschen, die im Frieden aufatmen. Passé sind Schutzgelderpressung, Zwangsrekrutierungen und Drogenanbau.

 

Ein neues „El Dorado“ wird erträumt. Lässt sich mit dem Ökotourismus schnell und unkompliziert Geld verdienen?

Uvar, Kaffeebauer mit einer kleinen Finca verwickelt uns in ein Gespräch. Er lebt seit 28 Jahren in der Region. Neben dem Kaffee baut er für den lokalen Markt Bananen und Avocados an.

Frischdufteten Kaffee für den Eigenkonsum malt er in einer kleinen Kaffeemühle.

Die Kaffeefelder sind seit Ende Januar abgeerntet. „Die Qualität und der Ertrag des Kaffees sind gut. Wir bauen hier ausschließlich organischen Kaffee an. Pestizide sind verboten. Das ist hier eine Naturschutzzone. Leider geben viele auf, weil der Kaffeepreis so niedrig ist. Und der Staat hilft den Bauern nicht.

Seine  vier Kinder hätten die Schule abgeschlossen und Arbeit gefunden. Wie viele im Dorf plant Uvar, in den Ökotourismus einzusteigen. Sein kleines Grundstück erstreckt sich über mehrere Terrassen am steilen Hang.

Vielleicht öffne ich ein Restaurant mit einer Terrasse. Oben ist Platz für Zelte. Der Blick in das Tal und auf die Sierra Nevada ist einmalig. Meine Tochter spricht englisch und mein Sohn arbeitet in Minca in der Kooperative der Motortaxifahrer. Also das könnte funktionieren. Meinem Projekt fehlen nur noch ein Name und das nötige Kapital“ sagt er lachend. „ Wollt Ihr hier Land kaufen?“

Uvar  wünschen wir viel Erfolg für sein Unterfangen. Bislang gehören die meisten Hostals und Restaurants Ausländern, der Kuchen scheint ungleich verteilt. Uvars Plan lässt sich nachvollziehen. Die körperlich harte Landwirtschaft als Hauteinnahmequelle bleibt mit zunehmenden Wetterrisiken verbunden.

Ob der Ökotourismus zukünftig „beglückt“, ist  abzuwarten. Verträgt ein kleines Dorf auf Dauer soviele Touristen_innen, ohne Schaden zu nehmen? Hält der lang ersehnte Frieden in der Region, während er in anderen Teilen Kolumbiens zunehmend brüchig ist?

Der Abschied aus dem Casa El Recuerdo fiel uns schwer. Eigentlich verrückt, weiterzuziehen.

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

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