Engagierte Schwestern

Eine Messerklinge blitzt in der blendend grellen Morgensonne auf. Die khakifarbene Kleidung entpuppt sich auf den zweiten Blick als Ordenstracht. Sister Anastasi kommt uns am Hang oberhalb des Kivusees entgegen. „Makoro“ winkt sie uns freundlich zu und wedelt mit einem Grasbüschel. Auf dem Rückweg von der Feldarbeit nimmt sie sich Zeit für uns Muzungus.

Vögel zwitschern, aus dem Tal dringt vielstimmige Chormusik aus einer Gedenkmesse unter freiem Himmel. Kinder huschen kichernd vorbei. Nahtlos schmiegen sich die Hügel des Kongo an Ruanda an. Unglaublich, dass die friedvolle Landschaft vor Kurzem noch Schauplatz eines Völkermordes und der Kongokriege war.

Sister Anastasi gehört dem belgischen Frauenorden Ste Marie an, der seit 1959 in Ruanda tätig ist. In Karongi leben derzeit 7 Ordensschwestern. Sie unterhalten ein Internat mit 400 Sekundarschülerinnen und eine kleine Gesundheitsstation. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Sozialarbeit für Arme und die Begleitung der Genozidopfer.

Schnell kommt Anastasi auf ihre Reise nach Rheinland-Pfalz zu sprechen. Das Bistums lud sie 2004 ein. „Für mich war es eine wunderbare Erfahrung mit wunderbaren Menschen.“ Insbesondere blieb der Aufenthalt in der Hasslocher Gastfamilie haften. So pflegt sie eine intensive Freundschaft mit evangelischen Christen, die das caritative Engagement des Ordens unterstützen.

Anastasi ist Opfer des Genozides, der nahe des Kivu-See besonders heftig wütete. Innerhalb von 3 Monaten wurden 1994 ca. 90 % der in der Region lebenden 200.000 Tutsi ermordet. „Ich habe alle meine 12 Geschwister verloren. Ich habe noch ganz tief in meinem Herzen Hass, aber ich lasse ihn nicht zu. Zu vergeben und alles dafür zu tun, dass es sich nicht wiederholt, sehe ich als meine Aufgabe. Wäre ich nicht damals bereits Ordensschwester gewesen, hätte mich nichts zum Beitritt einer christlichen Organisation bewogen“, verweist sie auf die unrühmliche Rolle der Kirchen während des Völkermordes.

Für ist mich ist das Versagen der Kirchen ein äußerst schmerzhaftes Kapitel. Pastoren unterstützten den Völkermord aktiv. Hier in Karongi gab es einen Pfarrer der 7-Tage-Adventisten. Später wurde er vor dem Völkermordtribunal in Arusha (Tansania) zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es gab  Geistliche und Hutu, die sich hinter die  Verfolgten gestellt haben und ebenfalls umgebracht wurden.“

Für alle Glaubensgemeinschaften sei die Versöhnung in Ruanda eine zentrale Aufgabe. „Sehen Sie sich um. Wir sind ein ganz kleines, sehr dicht bevölkertes Land. Jeder kennt hier jeden. Wir brauchen die Versöhnung, weil die Menschen Tür an Tür leben.“

Ich freue mich, dass Sie nach Ruanda gekommen sind und an den Gedenkfeierlichkeiten zum Genozid teilnehmen. Es ist wichtig zu sehen, was hier vor 25 Jahren passiert ist. Verstehen kann man es nicht. Auch mir fällt es bis heute schwer zu verstehen, was damals geschah. Wir haben zuvor mit den Mördern eng zusammengelebt und aus dem gleichen Brunnen das Wasser geschöpft. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich wieder Messer in Menschenhand sehen konnte, ohne mich bedroht zu fühlen. Die Zeit heilt Wunden. Und mein Engagement für die Armen hilft mir zu leben.“

Anastasi verweist auf die nahegelegene Memorialgedenkstätte der katholischen Kirche St. Jean, in der viele Tutsi umgebracht wurden. Die Gebeine der Ermordeten werden öffentlich ausgestellt. Die zentrale Inschrift der Gedenkstätte lautet „Never again“.


Beim Besuch der Kirche stoßen wir auf eine Chorprobe. Der Gesang berührt uns an diesem historischen Ort tief.

Zudem treffen wir vor der Kirche auf einen großen Trauergedenkmarsch.

Anastasi lädt uns mit einem herzlichen Lachen zum Besuch ihres Ordens ein. „Sie werden sich wundern. Wir betreiben ein kleines Hotel und ein Restaurant. Karibu- Sie sind herzlich willkommen“.

So empfängt uns am Tag darauf Sister Josephine, die mehr als 15 Jahre in Armenvierteln Brasiliens arbeitete. Spontan erzählt Josephine, dass auch ihre Familie im Genozid getötet wurde. „Nur meine kleine Schwester überlebte, weil man sie unter den Leichenbergen für tot hielt. Sie ist für mich ein Gottesgeschenk.

Bei einem Rundgang zeigen uns Josephine und Anastasi die Örtlichkeiten: Die Schule, das Wohnheim, eine Sportanlage, das Hotel mit 5 Gästezimmern, einen großen Nutzgarten, einen kleinen Stall. „Für uns ist wichtig, dass die Schülerinnen selbst  Hand anlegen. Ihre Eltern leben zumeist auch von der Landwirtschaft. Zudem sind kulturelle Angebote und Sport wichtig. Der Staat stellt die Lehrkräfte und das Curriculum. Bei den landesweiten zentralen Abschlussprüfungen schneiden wir gut ab. Übrigens, die Mädchen stammen aus allen Glaubensgemeinschaften. Wir sind für alle da.“

Die Zukunft? Für Josephine „ist wichtig, dass unser Hotel mit Restaurant wächst. Die Einnahmen benötigen wir für unsere soziale Arbeit.“ Und Anastasi, bald Ruheständlerin wünscht „ein Kloster für ältere Schwestern, die alt und pflegebedürftig sind.“

Die Frauen haben wir ins Herz geschlossen. Beim Abschied weiht uns Anastasi augenzwinkernd in ein kleines Geheimnis ein. „Wir haben ein männliches Wesen in der Ordensgemeinschaft. Einen Kater.“ „Kommt wieder“, ruft sie uns zu.

Weiterlesen?
Zur Rolle der Kirchen im Genozid und im Versöhnungsprozess

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32341/serie-mission-ist-das-christentum-ruanda-gescheitert  
(aufgerufen am 14.04.2019)

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2004/mein-freund-der-moerder-569 (aufgerufen am 14.04.2019)

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32182/empathie-und-vergebung-lernen-ruanda-den-moerdern-die-hand-geben
(aufgerufen am 14.04.2019)

http://www.accueilstemariekarongi.jimdo.com

 

Ein besonderer Tag

Auffällig ist die plötzliche Stille. Die Hauptverkehrsstraße durch Rwamagana scheint am Sonntagmorgen des 7. Aprils leergefegt. Weder Autos noch Fahrradtaxifahrer sind unterwegs und nur wenige Passanten. Schon unser Hotel wirkte ausgestorben. Aus dem Lautsprecher im liebevoll angelegten Hotelgarten erklang besinnliche Musik. Im Frühstücksraum saßen wir allein unter dem großen Flachbildschirm. Ein  Moderator kündigte die Ansprache des Präsidenten Paul Kagame an.

Der 25. Jahrestag des entsetzlichen Gemetzels nimmt in besonderem Maße Ruandas Jugend und ihr Wissen um die Geschichte in den Blick. Die erste Generation „danach“ ist erwachsen, sie gründet eigene Familien. Bildung soll schützen vor dumpfem Rassismus. Große Hoffnung steckt das Land u.a. in digitale Kommunikationsmedien, um die Menschen zu erreichen.

Der Völkermord an den Tutsi war kein spontaner Blutrausch, sondern geplant. Junge Männer wurden ausgebildet, gezielt zu töten. Ein erstes großes Massaker gegen die Tutsi-Minderheit fand bereits 1959 statt. Immer wieder waren sie Bedrohungen ausgesetzt, zur Flucht in die Nachbarländer gezwungen. In nur 100 Tagen wurden 1994 mehr als 800 000 Menschen ermordet, sowohl Tutsi als auch oppositionelle Hutu, die versuchten, ihre Familienangehörigen oder Nachbarn vor den Macheten und Äxten zu schützen. Die internationale Staatengemeinschaft versagte, die UN- Blauhelme zogen ab. Mit dem militärischen Einzug Paul Kagames in der Hauptstadt Kigali wurde der Wahnsinn beendet. Das junge Ruanda lernte miteinander leben: „Remember-unite-renew.“

Auf dem Weg zur Gedenkstätte kaufen wir Blumen und graue Schleifchen als Anstecker. 2 Muzungu, Nachfahren der ehemaligen Kolonialmacht. Zuhause erinnern Stolpersteine an den Holocaust. Im 21. Jahrhundert lebt Deutschland im Land selbst friedlich, während der viertgrößte Rüstungsexporteur unrühmlich Waffen in Konfliktregionen exportiert.

Das wirtschaftlich dynamische Ruanda gehört wie andere ehemalige deutsche Kolonien zu den Schwerpunktländern deutscher Entwicklungszusammenarbeit. Die Rolle Deutschlands vor und während des Genozids ist weiterhin ungenügend aufgearbeitet. Bündnis90/DIEGRÜNEN  fordern die Einrichtung einer Historikerkommission.

Das Portal der katholischen Kirche ist geöffnet, der Innenraum leer. Die Sonntagsmesse hätten wir verpasst, erklärt uns ein junger Mann. Alban, Jahrgang 1994 wuchs im Kongo als Sohn ruandischer Flüchtlinge auf. „Ich lebe zurzeit in Nairobi, um mein Masterstudium der Kriminologie abzuschließen. Gerade besuche ich meine Verwandtschaft in Rwamagana wegen des Gedenktages. Die Familien und Nachbarn in den Stadtteilen sitzen heute zusammen und erinnern sich. Dabei wird viel geweint. Oft kamen die Mörder von außerhalb, junge Männer wurden in Bussen bewusst in Orte gefahren, wo es keine Angehörigen gab.“

Hat die Stadt Rwamagana eine besondere Geschichte?“, wollen wir wissen. Albans Blick schweift durch die großräumige Kirche. „Auch hier suchten viele Batutsi im April Schutz und fanden den Tod.  Meine Tante war dabei. Sie überlebte.

Protestantische wie katholische Geistliche beteiligten sich am Genozid.  Alban fährt fort: „Pastoren und Pfarrer ließen sich vom Rassenwahn anstecken. Sie verstanden sich selbst als Bahutu oder Batutsi. Manche töteten mit oder lockten die Batutsi in die Falle. Man gab den Mördern den Schlüssel zur Kirche. Einige Pastoren versteckten Menschen.“

Alban, wirst du nach Abschluss des Studiums in Kenia bleiben?
Unser Gesprächspartner zuckt mit den Schultern. „In Kenia leben viele Ruander. Ich sage nicht, dass ich aus Ruanda komme, weil ich Angst vor Aggressionen habe. Ruander sind dort nicht unbedingt willkommen. Außerdem ist es in Kenia hot, dirty, dangerous. Das Klima ist deutlich heißer. Und es kann sein, du wachst auf, im Haus nebenan liegt dein Nachbar tot im Bett. Für wenig Geld wird in Nairobi getötet. In den Kongo möchte ich auch nicht zurück.
Viele Täter flohen z. B. in den Kongo vor den Strafgerichten. Dort leben sie in der Nachbarschaft zu den Opfern, die die Bedrohung fühlen.“

Mit Alban verabreden wir uns zur zentralen Veranstaltung  der Stadt am Nachmittag.  Eine Gedenkmesse findet in der katholischen Kirche statt, die dem Denkmal gegenüber liegt.

Auf dem Vorplatz der katholischen Kirche versammeln sich auffällig viele ältere Menschen, darunter Menschen auf Krücken, die Narben sind sichtbar.

Für die Jugend gab es bereits vormittags eigene Gedenkveranstaltungen.

An eine Schweigeminute schließen sich lange Vorträge an. Die Vizebürgermeisterin wie Überlebende haben das Wort. Den Übersetzungen Albans können wir aufgrund der lauten Mikrofonstimmen der Redner_innen kaum folgen.

Nach nahezu 4 Stunden verlassen wir vorzeitig das Geschehen und laufen in der Dunkelheit zurück.

Ein großes Familientreffen im Hotel  lockt uns mit wunderschöner Acapella- Musik.
Kaum stecken wir die Nase neugierig in den Saal, ermuntert man uns zum Bleiben. „Only God knows“, wie die Großmutter starb, wo sie begraben liegt. Das Porträt der Ermordeten wird gezeigt. Der älteste Bruder, in Frankreich im Exil, lud die große Familie zum 25-jährigen Gedenktag ein. Die Nachfahren und Freund_innen der Familie erinnern sich gemeinsam in kleinen Vorträgen und Gedichten. Sie singen und lachen.
Die Lebensfreude liegt im Jetzt.

 

Weiterlesen?

Kommentar zur Rolle Deutschlands angesichts des Völkermordes 
https://www.gppi.net/2019/04/04/25-jahre-nach-dem-voelkermord-in-ruanda-deutschland-hat-beim-genozid-nur-zugeschaut
(aufgerufen am 08.04.2019)

Eine Studie  zur Rolle Deutschlands während des Genozids
https://www.boell.de/de/2014/04/07/deutschland-und-der-voelkermord-ruanda (aufgerufen am 08.04.2019)

Reportage  zum düstere Kapitel der französischen Ruandapolitik- Macrons blinder Fleck
http://www.taz.de/!5583160/ (aufgerufen am 08.04.2019)

Reportage auf tagesschau.de von Sabine Bohland zum 25. Jahrestag- Es war wie das Ende der Welt
https://www.tagesschau.de/ausland/ruanda-139.html
(aufgerufen am 07.04.2019)

Eine nette Familie

 


6 prachtvolle Exemplare zeigt uns Jean-Marie. Die Tochter Rose beleuchtet mit dem Smartphone den Weg zum Hühnerstall. Wir balancieren an Schlammpfützen vorbei durch den Hof. Vor einer Stunde entlud sich der letzte Wolkenbruch.
Graue, braune gepunktete Hennen brüten. Küken gehen in den Verkauf. Unser Gastgeber drückt uns eine große Schale mit Hühnereiern in die Hand. „Sagt morgen Früh dem Koch im Hotel, dass er euch daraus Omelette zubereitet.“ Der 54-jährige spricht fließend Französisch, er wuchs im Kongo auf. Die Familie kehrte vor 20 Jahren wie viele andere nach dem Genozid aus dem Exil zurück.

Die Hühnerzucht dient Jean-Marie als Nebenerwerb wie auch das große Gartenstück. In einem Stadtviertel Rwamaganas bauen ca. 400 Anwohner großflächig gemeinsam Gemüse an. In der Fruchtfolge wechseln sich Mais und Bohnen ab. Der Mais wird in der nahegelegenen Mühle zu Mehl verarbeitet.
Weil Jean- Marie neben der Vollzeittätigkeit in einem gehobenen Mittelklassehotel keine Zeit zur Bewirtschaftung bleibt, unterstützt ein Nachbar die Familie tatkräftig gegen Entlohnung.

Fruchtbar ist die Erde nur mancherorts im grünen Hügelland Ruanda mit 12 Millionen Einwohnern. Um ein Drittel größer als Rheinland- Pfalz wird die Fläche geschätzt. Nährstoffarme, saure Böden und der Klimawandel erschweren die Versorgung. Die regionalen Unterschiede sind groß. Dennoch exportiert das rohstoffarme Ruanda neben Wolfram und Coltan auch landwirtschaftliche Produkte, Blumen, Kaffee und ausgezeichneten Tee, den wir auf dem Sofa genießen. An unserem ersten Tag in Ruanda lud uns Jean-Marie spontan zu sich nach Hause ein.

Eine trilinguale Teestunde, mit den 4 Kindern gelingt die Kommunikation auf Englisch, das bereits in der Grundschule ab der vierten Klasse in einzelnen Fächern als Unterrichtssprache fungiert. Für Mama Chantal werden die neugierigen Fragen der Muzungu auf Kinyaruanda übersetzt, als sie sich nach der Rückkehr vom Fischmarkt spätabends dazusetzt.

Was bedeutet der Gedenktag am 7. April für die Jugend Ruandas nach 25 Jahren, wollen wir wissen. Die große Tochter referiert atemlos mit uns über die  Vorgeschichte des Völkermordes, von der Besiedlung Ruandas vor Jahrhunderten an.
Während der deutschen und belgischen Kolonialpolitik bis 1962 wurden Gegensätze geschürt. Die Unterscheidung in angebliche Ethnien Bahutu und Batutsi, eine koloniale Erfindung.
Wichtiger als über die geplanten offiziellen Gedenkfeiern und unsere Beteiligungsmöglichkeiten mit uns zu sprechen, scheint für Rose die Regierungspolitik Paul Kagamas im Friedensprozess zu würdigen. Gacaca- Gerichte, Versöhnungsdörfer, die Entschädigung der Opfer wie die Rehabilitation der entlassenen Täter konnten den Frieden im Land wiederherstellen. „Wir setzen uns mit unserer Geschichte auseinander und schauen nach vorn.“

Die Gespräche oszillieren zwischen dem Jahr 1994 und den gegenwärtigen Plänen der Familie. Noch steht die Schüssel mit den Eiern auf dem Tisch. Wir sind verunsichert, ob wir die Gabe ablehnen können, ohne zu verletzten. Sensibel für unser Zögern baut Rose die Brücke.

Eine Einladung zum Abendessen am kommenden Abend folgt, Omelette wird versprochen. So finden wir bereits am zweiten Tag in Ruanda herzlichen Familienanschluss. „Nein, am 5. Mai sind wir schon außer Landes“, nicht imstande, den 90zigsten der vitalen Großmutter mitzufeiern. Eine sympathische Familie. Der Mann stellt uns seine Frau als „exceptionnelle“ vor. Das große Ziel der Eltern: „Die Kinder sollen eine sehr gute Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben, bevor sie selbst eine Familie gründen.“

Unter dem afrikanischen Sternenhimmel spazieren wir zurück ins Hotel, von der Familie gastfreundlich von Tür zu Tür eskortiert. „Ruanda ist sicher, als Frau kann ich mich 24 Stunden täglich allein auf der Straße bewegen“, versichert uns Rose. Trotz alledem zucken wir merklich. Denn zahlreiche Lastwagen donnern vorbei. Die Straße verbindet Ruanda mit Tansanias Häfen, eine Rennbahn für Import- und Exportgeschäfte. Sicher war es gut, dass vor dem Verlassen des gastlichen Hauses Vater, Mutter und Kinder beim Abschied ein Gebet für uns sprachen.

Ein bewegtes Land

Rwamagana, die Provinzstadt im Osten Ruandas: Überall wird gebaut und gewerkelt, Straßen werden gepflastert oder asphaltiert, das Drainagesystem wird erweitert. Hinweisschilder informieren über zahlreiche Projekte, die anvisierten Bauphasen, die heimischen und auch teils ausländischen Geldgeber für Schulen, Gesundheitsstationen, Rehabilitationszentren. Ruanda nziza, Ruanda neu.

 

Obwohl Schulferien sind, ist die Schule der protestantischen Kirche geöffnet. Im Schulhof weiden Rinder. Lehrer Jean-Paul betreut gemeinsam mit Kolleg_innen ehrenamtlich Ferienkurse für arme Kinder aus dem Stadtviertel, unabhängig von ihrer Konfession. Unterricht findet von 7.00 Uhr bis 14:00 Uhr statt. Die Kinder erhalten ein Frühstück.
Mein christliches Selbstverständnis bringt mich zum Engagement. Wir wollen Ruanda voranbringen, und zwar durch gute Schulen. Aktuell fehlen qualifizierte Lehrer. Die Bevölkerung ist jung und wächst schnell. Mein persönliches Ziel? Ich möchte eine eigene Schule aufbauen. Dort könnte ich die Lehrkräfte selbst aussuchen und ausbilden. Schon jetzt bin ich in der Lehrerausbildung tätig. Jedes Kind in Ruanda soll Zugang zu Bildung haben.“

Kinder und Erwachsene holen kanisterweise Wasser von der Zapfstelle, junge Männer transportieren Ananas und schwere Säcke. Unter Bananenstauden drohen die Fahrräder beim Weg zum Markt zusammenzubrechen.

Frauen balancieren Henkelmänner, Brennholz, Früchte auf dem Kopf stadteinwärts. Vor den Häusern sitzen Männer und Frauen, um Orangen, Bananen, Papaya oder gebrauchte Schuhe zu verkaufen. Altkleider? Der weitere Import von Secondhandkleidung ist seit 2019 verboten, um die ruandische Wirtschaft nicht länger zu schädigen.

Fahrräder werden vom Schlamm befreit. In den kleinen Gärten rund um die Häuser bearbeiten auch Kinder das Terrain mit Haken und Macheten. Die Kleinen winken mal scheu, mal verschmitzt mit „Muraho! How are you?“, voller Freude, wenn wir antworten. Sie spielen mit Ziegeln, Schlamm und ausgedienten Fahrradreifen. In einer Regenpfütze sucht ein Mann ohne Schuhe nach dem Loch im Schlauch.

Chormusik erklingt aus einer Kirche der Adventisten, ein Muezzin ertönt, in der Pfingstkirche fand der Gottesdienst bereits am frühen Morgen statt. Auch an der katholischen und anglikanischen Kirche sowie bei den Zeugen Jehovas laufen wir vorbei. Die christliche Missionierung soll nirgends in Afrika so „erfolgreich“ gewesen sein wie hier in Ruanda. Zicklein blöken erbärmlich, als man sie auf dem Tiermarkt von den Muttertieren trennt.

Eine Stadt läuft, rollt, hämmert, putzt- und wir auf unserem Spaziergang in der prallen Morgensonne mit.

Auf einer Decke entdecken wir Kassawa, das in der Sonne trocknet.

John Bosco erklärt uns in gutem Englisch, das Gemüse werde gestampft und gemahlen. Es dürfe keinesfalls gekocht werden. Er stellt uns die schwangere Frau und den zweijährigen Sohn vor. Im Hof steht das Motorrad des Taxifahrers. „Ich habe einen Schulabschluss und eine Ausbildung zum Mechaniker. Zuletzt habe ich einen Englischkurs besucht. Hoffentlich kann ich umziehen. Im Stadtzentrum möchte ich eine eigene Werkstatt aufbauen. Dann kann meine Frau mitarbeiten. Sie ist zurzeit arbeitslos“.
Auch John hat Pläne und zeigt Eigeninitiative wie viele Ruander, die wir kennenlernen. Auf unsere Frage hin, wie er den Genozidgedenktag am nächsten Tag begeht, sagt er: „Ich bin Opfer. Ich bin 35 Jahre alt. Meine Mutter wurde getötet, als ich 10 Jahre alt war.“

Nach 4-stündigem Marsch kehren wir müde und verschwitzt ins Hotel zurück. Die siebzehnjährige Rose erwartet uns. Als angehende Studentin für Hotel- und Tourismusmanagement jobbt sie in einem Restaurant, um die Eltern finanziell zu entlasten. Heute will sie uns helfen, Ruanda zu verstehen, den Aufbau des Landes nach dem Genozid. „Schrecklich. Wir haben unsere eigenen Nachbarn getötet. Das darf nie wieder geschehen.“

Auf ihrem Smartphone zeigt Rose uns ein Porträt Kagames, der für den Frieden und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes Großes geleistet habe. „One child, one laptop“ sei ein aktuelles Regierungsprogramm. Rose zeigt sich stolz auf die Regierung. Sie zählt die vielfältigen Hilfen für die Opfer, die  Rehabilitation für die Täter, die Strategie der industriellen und technologischen Entwicklung, die gezielte Förderung von Frauen , eine fortschrittliche Familienpolitik, die strenge Umweltgesetzgebung und die Sicherheit im Land auf.

Fühlen sich junge Männer in Ruanda vielleicht als Verlierer angesichts der emanzipierten und erfolgreichen neuen Frauengeneration?“, wollen wir wissen aufgrund unseres eigenen Backgrounds. Die junge Frau scheint unsere Fragen manchmal  nicht nachzuvollziehen. „Jeder Schulabgänger kann staatliche Unterstützung erhalten, um im Handwerk tätig zu werden. Wer will, kann Arbeit finden. In Ruanda haben wir jetzt Gender Balance, Männer und Frauen haben gleiche Chancen.

Über einen Generationskonflikt erfahren wir nichts. Streit mit den Eltern gebe es vor allem schonmal im „Stupid Age“ während der Pubertät. „Kagame hat eingeführt, dass minderjährige Mütter die Schule beenden können. Früher wurden sie von den Familien verstoßen. Das ist vorbei.“

Rose fasziniert uns mit ihrem fast unerschütterlichen Selbstbewusstsein, aber auch ihrer Neugierde uns ausländischen Gästen und Deutschland gegenüber. „Wie seid ihr in Deutschland mit den Folgen des Genozids an den Juden umgegangen? Was ist mit den Tätern passiert? Wie ist Deutschland wirtschaftlich so erfolgreich geworden? Was tun die Bauern in Deutschland konkret gegen den Klimawandel?“

Im Gespräch bleibt kein Raum, über Kehrseiten der gelenkten Demokratie zu sprechen. Wir halten uns mit diesen Fragen zurück und wollen sie bei anderer Gelegenheit formulieren.

Hello Muzungu, Muraho! Ca va?

3. April 2019
Frühmorgens landet der Airbus von RwandAir weich auf dem Internationalen Flughafen der Hauptstadt Kigali. Beim Ausstieg fällt uns der Slogan der Fluggesellschaft ins Auge. „Fly the Dream of Afrika.“ Ein freundlicher Beamte setzt uns bunte Visastempel in den Pass. Übernächtigt steigen wir in einen Kleinbus.
Die Fahrt führt vorbei an grünen Hügel, durchgehend breiten Fahrradwegen und Reisfeldern nach Rwamagana, eine Provinzhauptstadt mit 50.000 Einwohnern im Osten. Unterwegs und beim ersten Spaziergang treffen wir auf Menschen, die uns neugierig mustern, ein fröhliches Muraho! Hello! Bon Jour! oder Karibu! zuwerfen.

Kinder spielen oder tragen Lasten. Die Schulferien haben bereits begonnen. An Fahrradtaxis oder Motorrädern warten ihre großen Brüder auf die wenige Kundschaft.

Betriebsam geht es auf dem Markt wie beim örtlichen Handwerk zu. Schneiderinnen, Schuhmacher und Friseur_innen arbeiten vor den Lädchen bei geöffneten Türen. Flugs sind Ebis Sandalen repariert, die Jacke wird gekürzt.

Die Kommunikation erfolgt oft mit Händen und Füßen.
Wir sprechen weder Kinyarwanda noch Swahili.
Murakozedanke heißt die erste Vokabel, die wir üben.

Gespräche entspinnen sich, sobald wir uns auf Französisch oder Englisch begegnen können. Überraschend schnell wird der Genozid von den Ruander selbst angesprochen- die Sehnsucht nach „Nie Wieder“. Der Alltag, mit Tätern Tür an Tür zu wohnen. Und was die Menschen in „Rwanda nziza“, dem neuen Ruanda gegenwärtig bewegt.

Assumpta, Wissenschaftlerin  aus Kigali 
Die Biologin absolvierte in Belgien ein Masterstudium. Sie arbeitet in einem Forschungslabor der staatlichen Universität. Als Mutter von 4 Kindern teilt sie sich mit ihrem Mann die häuslichen Aufgaben und Pflichten.
„Früher war es undenkbar, dass Frauen studieren. Heute besetzen wir entscheidende Stellen, z. B. im Parlament und in öffentlichen Behörden. Wir brauchen Wissenschaft und Forschung, um das Land voranzubringen. Ich bin stolz, Ruanderin zu sein. Nach dem Genozid haben wir in den letzten 25 Jahren so viel im Land erreicht. Mein persönliches Ziel ist es, zu promovieren. Mein Forschungsgebiet sind die Pilze.

Amani, 26 Jahre, IT- Ingenieur und Kellner
Ich habe ein Studium abgeschlossen. Ohne Beziehungen ist es sehr schwer, eine gut bezahlte Arbeit z. B. in einer Regierungsbehörde oder der Privatwirtschaft zu finden. Einige Jahre habe ich in den Golfstaaten gearbeitet. Ich habe dort gut verdient. Aber die Araber haben uns schlecht behandelt. Viele haben sich den Schwarzafrikanern gegenüber rassistisch und ignorant verhalten. Jetzt bin ich froh, in einem Hotel einen Arbeitsplatz zu haben. Ja, ich bin Ingenieur und arbeite als Kellner. Ich verdiene deutlich weniger. Aber ich habe meinen Seelenfrieden. Rassismus ist für mich nicht aushaltbar. Mein Land hat dazu eine eigene Geschichte. Ich wuchs in Uganda auf. Ein großes Problem für Ruanda hat  aus meiner Sicht der Arbeitsmarkt. Junge Menschen haben sogar nach einem Studium Probleme, eine Arbeit zu finden.“

Gisele, 18 Jahre, Abiturientin
Sie hilft in dem kleinen Lebensmittelladen ihrer Eltern aus. Gisele wartet auf einen Studienplatz mit Schwerpunkt Maschinenbau. „Damit kann ich meinem Land helfen.“  In der Freizeit tanzt Gisele in einer Folkloregruppe.
Sie erinnert sich an Besucher aus Deutschland in Rwamagana und zwar aus der Partnerstadt Kaiserslautern.


Theofil, katholischer Priester
In diesem Jahr feiern wir das 100-jährige Jubiläum der Kirchengemeinde. Die Kirche wurde schon Anfang des 19.Jahrhunderts gebaut. Bei der Sanierung helfen die Gemeindemitglieder aktiv mit und sammeln Spenden. Der überwiegende Teil der Menschen hier ist katholisch. Aber es gibt es auch evangelische Christen, z. B. immer mehr Frei- und Pfingstkirchen sowie die muslimische Gemeinde. Zwischen den Religionsgemeinschaften herrscht Friede und wechselseitiger Respekt.

Die größte Herausforderung? Das ist für mich als Pastor der Versöhnungsprozess nach dem Genozid 1994. Immer noch werden Täter aus den Gefängnissen entlassen. Die Kirche bietet jede Woche Gespräche an, damit sich die Menschen versöhnen. Die Menschen leben Tür and Tür. Viele sind traumatisiert. Das Wichtigste ist, dass die Opfer vergeben und die Täter Reue zeigen. Aber dies ist nicht einfach, I forgive you zu sagen.“

Diana, 24 Jahre, Hotelservicekraft
Ich möchte Politik studieren, weil mich die Geschichte besonders interessiert. Nie mehr sollen wir uns auseinander dividieren lassen in Batutsi und Bahuto. Wir alle sind Ruander. Mein Wunsch? Ich möchte genügend Geld zu sparen, damit ich studieren kann. Außerdem möchte ich dazu beitragen, dass alle Kinder in Ruanda zur Schule gehen können.“

 

Erstversuch Marokko

Schwerbewaffnete Polizisten patrouillieren durch Tanger. Im bunten Markttreiben fehlen heute die ambulanten Händler_innen aus Senegal, Kamerun, Gambia und anderen Staaten südlich der Sahara.
Razzien finden in Wellen statt, um Migrant_innen ohne Aufenthaltsstatus aufzuspüren, ihre Wohnungen und Handys kurz vor dem Ziel der Hoffnung zu zerstören. Bei klaren Sichtverhältnissen zeigt sich Europa am Horizont. Die Grenzpolizei füllt jedoch Busse, um Menschen in der Wüste Südmarokkos auszusetzen, falls eine Abschiebung in die Heimatländer nicht möglich ist.
Im Januar 2019 gewährte die Europäische Union weitere 148 Millionen Euro für den Ausbau des Grenzschutzes und die Integration. Das Königreich Marokko wird verstärkt zum Türsteher Europas ausgebaut, seit sich mit dem Staatsverfall in Libyen und der Abschottungspolitik Italiens unter der Regierung Salvini die Fluchtrouten verschoben. Waffen, Zäune, Navigationsgeräte und biometrische Pässe bekämpfen keine Fluchtursachen. Vorerst erhalten tausende Gestrandete z. B. von Caritas International Überlebenshilfe. Einzelne schützt das Kirchenasyl.

Ausgestattet mit EU- Reisepässen darf blauemurmel.blog  ein gastfreundliches Reiseland kennenlernen. 

Die Kapuze habe ich fest über die Ohren gezogen. Der marokkanischen Mehrheitsgesellschaft mag die Geste gefallen. Ich schütze mich vor den Böen. Bei 80 km/h wurde der Fährverkehr über den Atlantik eingestellt. Die direkte Überfahrt vom südspanischen Tarifa nach Tanger hätte eine halbe Stunde gedauert. Seefeste Schiffe legen 45 km entfernt im modernen Seehafen Tanger-Med an, den Bauch gefüllt mit Sattelschleppern internationaler Logistikunternehmen.

Spanien ist für Marokko der wichtigste Handelspartner. Im Frühjahr queren grüner Spargel und Erdbeeren die Meerenge. Die traditionelle Textil- und Lederindustrie hat an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Eine Kfz-Fertigungsindustrie, die Küsten- und Hochseefischerei sowie die Korkproduktion bieten Erwerbsmöglichkeiten.

Als Devisenbringer dienen landwirtschaftliche Produkte, Familien im Ausland, der Tourismus und vereinzelt Bodenschätze. Marokko wirft 75 Prozent des weltweit geförderten Phosphats auf den Markt. Die Verarbeitung findet auch im Land selbst statt, die eigene Chemie- und Düngemittelindustrie wächst.

Rückwärts reisen Kohle, Öl und Gas gen Marokko ein. Fossile Brennstoffe werden importiert. Ambitioniert klingt Marokkos Klimaziel für 2030, wenn Wind-, Solar-und Wasserkraft 50 Prozent des Stroms erzeugen sollen. Noch brummt das große Kohlekraftwerk Jorf Lasfar in El Jadida an der Atlantikküste, verantwortlich für ein Drittel des Stroms. Ökologischer Hoffnungsträger ist Ouarzazate, Weltmeister unter den Solarparks angesichts 365 Sonnentagen jährlich, 250 km südlich von Marrakesch. Dass zugleich die arme Landbevölkerung profitiert und nicht nur Batterien der EU gegen Devisen aufgeladen werden, bleibt zu hoffen.

Der afrikanische Nordzipfel: Der Spaziergang durch die engen Gassen der Medina beamt Reisende in den Orient. Datteln, Nüsse, Mandeln, farbenfrohe Oliven, Gewürzpulver, Apfelsinen, Saisongemüse, duftendes Brot, gerupfte Hühner, Kaninchen und blaue Keramik lachen. Ein leises „non merci, peut-etre demain“ genügt. Die Händler ziehen sich höflich zurück.


Verschmitzt lächeln ältere Männer. Die Jungen wirken eher abweisend, erschöpft von der Untätigkeit. Das Warenangebot übersteigt die echten Interessenten, die an den kalten Märztagen vorbeischlendern.
Die wenigen Frauen an den Marktständen vermeiden den Blickkontakt. Berberfrauen aus dem Rifgebirge bieten Petersilie, Knoblauch und Kopfsalat auf dem Boden ausgebreitet feil. Ihre geflochtenen Hüte muten asiatisch an.

In den Straßencafes rühren ausschließlich Männer im The de Mente, Marokkos stark gezuckertes Nationalgetränk. Selten verirrt sich eine Touristin hinzu. Morgens, mittags, abends treffen wir auf die gleichen Gesichter in den Cafes als Wohnstatt. Der prekäre städtische Arbeitsmarkt erzwingt den Müßiggang.

Möwenpick, Hotel Kampinsky, Hotel Intercontinental, Kasinos, Parkhäuser, breite Alleen- – Ungleichzeitig lebt Marokko, als Schwellenland und Land der Nomaden in der Wüste.

Im wasserreichen Nordwesten leben 45 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Der Sektor steht für ca. 17 Prozent der Wirtschaftskraft.
Auf 250 000 ha im Rifgebirge wird illegal Cannabis angebaut, das zu 70 Prozent den europäischen Markt beliefert. Geschätzt 1 Million Menschen leben mangels Alternativen von der Droge.

Casablanca, Rabat seien die weltoffenen modernen Städte. Ins eher konservative Tanger verirrten sich eher nur Durchreisende nach Europa, glaubt ein Senegalese, der sich vor Kurzem niedergelassen hat. Im Internet sehnt sich der französisch- marokkanische Filmemacher Nabil Ayouch in die liberale Gesellschaft der 80-ziger Jahre zurück, vor der streng religiösen Wende. Soeben wurde auch sein preisgekrönter Film Razzia im Heimatland verboten.

Trotzalledem reiben wir uns erstaunt in Tanger die Augen, wenn junge Frauen in Tigerhosen durch die Stadt spazieren, auf großwandigen Plakaten westlich gekleidete Frauen für Konsumartikel werben, ein feministisches Frauenfilmfestival ins Programmkino zu Barbara Streisand und Maria Stuart einlädt. Fatima Mernisssis Analysen zu den Frauen im Islam liegen auf dem Büchertisch. Studentinnen lassen teils das Haar im Wind flattern, während sie untergehakt mit ihren kopfbetuchten Müttern am Stadtstrand flanieren.

Hatten wir die Rufe der Muezzins und prächtige Moscheen erwartet, so überraschen die vielen christlichen Kirchen und Klöster, die Synagoge, der große jüdische Friedhof Tangers als Zeichen eines jahrhundertealten Miteinanders der Religionen. Seit 1492 leben aus dem Spanien der Reconquista vertriebene Juden in Tanger. Bis zur Unabhängigkeit Marokkos 1956 gehörte die Stadt zum spanischen Protektorat unter katholischem Einfluss. Die sakrale Architektur belebt das Stadtbild. Freitag als Feiertag? Sabbat ein Ruhetag? Den Sonntag heiligen? Anything goes hat es den Anschein, als ob jeder den Tag seiner Facon heiligen könne. Ein Seufzen und Schmunzeln. Frühmorgens gegen 5:00 Uhr rüttelt uns der Muezzin wach. Unser Hotel am Petit Socco liegt gegenüber einer schönen Moschee in der Altstadt.

 

Nebenbei genießen wir, uns bestens zu verständigen. In Tanger dominiert weiterhin das Spanische als Kolonialsprache. Das Institut Cervantes, Schulen, ein spanisches Theater halten die Tradition im babylonischen Stimmengewirr wach. Französisch? Spanisch? Englisch? Arabisch? Tamazight als Sprache der Berber? Jeder Kontaktversuch ist ein Testlauf, das Spanische oft von Erfolg gekrönt.

Sauerkraut, choucroute“ sagt Sprachtalent Ebi aus Versehen im Versuch, sich mit einem arabischen Shokran beim Koch für den köstlichen Eintopf Tahine zu bedanken.

Der Spracherwerb als Bildungsfrage, Hundertausende brechen jährlich die Schule ab. In Klassenzimmern sollen bis zu 70 Kinder sitzen, qualifizierte Lehrkräfte fehlen. Unter den geschätzten 33 Prozent Analphabeten Marokkos ist der Frauenanteil hoch.

Tangers Jugend steht am Zaun mit Blick auf Europa. Ob Kinder in den Straßen aus Spiel oder Not um Essen betteln, lässt sich zuweilen nicht unterscheiden. Verlässlich wirkt die Studie des marokkanischen Rates für Wirtschaft und Soziales aus dem Jahr 2017. Landesweit hätten 1,4 Millionen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren weder einen Schulabschluss noch eine Beschäftigung. Die offizielle Jugendarbeitslosigkeitsquote von 10 liege in der Realität weit über 40 Prozent.

Wir sind Referendare und keine Terroristen“ schrieben Lehramtsanwärter auf ihre Transparente, als sie für bessere Arbeitsbedingungen streikten. Am 23. März trieben Wasserwerfer die Pädagogen auseinander. Berichtet wird von vielen Verletzten.

Obwohl wir nur wenige Tage  durch das nördliche Marokko rollten, bleibt viel Positives haften: Die süßen Kuchen, das köstliche Essen, die Freundlichkeit der Menschen gegenüber uns Touristen, weite grüne Frühlingslandschaften, das öffentliche Verkehrssystem, die orientalischen Märkte, die maurische Architektur …
Die politische und ökonomische Situation bietet jedoch Anlass zur Sorge und viel Bitterstoff. Nein. Auch Marokko kann nicht als sicheres Herkunftsland bezeichnet werden.

Weiterlesen?

Zeitschrift Matices über Menschenrechtsverletzungen an der EU Außengrenze bei Ceuta y Melilla
https://www.matices-magazin.de/archiv/90/spaniens-suedgrenze/
(aufgerufen am 01.04.2019)

Deutschlandfunk Reportage 04.01.2019 zur Situation der Jugend
https://www.deutschlandfunk.de/arbeitslosigkeit-und-bildungsnotstand-marokkos-jugend-sucht.724.de.html?dram:article_id=437481 (aufgerufen am 27.03.2019

Spiegel- online vom 01.11.2017 zu Fluchtursachen nach dem Aufstand in Al Hoceima
http://www.spiegel.de/politik/ausland/flucht-aus-marokko-armut-und-gewalt-treiben-die-menschen-in-die-boote-a-1175904.html
(aufgerufen am 27.03.2019)

Amnesty International 2017/2018 zur Lage der Menschenrechte https://www.amnesty.de/jahresbericht/2018/marokko-und-westsahara
(aufgerufen am 27.03.2019)

Zeit-online zur Debatte um Marokko als sicheres Herkunftsland 28.11.2018
https://www.zeit.de/2018/49/sichere-herkunftsstaaten-abschiebung-marokko-maghreb-staaten-asyl
(aufgerufen am 27.03.2019)

Spiegel-online zum aktuellen Lehrkräfte-Streik 24.03.2019
http://www.spiegel.de/politik/ausland/marokko-sicherheitskraefte-attackieren-lehrer-mit-wasserwerfern-a-1259387.html
(aufgerufen am 27.03.2019)

Neue Züricher Zeitung über den Filmemacher Nabil Ayouch 11.07.2018
https://www.nzz.ch/feuilleton/marokkaner-verstecken-ihre-frauen-zu-hause-ld.1401931
(aufgerufen am 30.03.2019)