27. April 2019– der letzte Tag in Ostafrika. Kwaheri Kenia- heute Nacht soll uns ein Jumbo weitertragen. Noch stehen wir knietief im Müll, tief beeindruckt von der Initiative eines jungen Philosophen. Philip Paffenholz gründete 2011 das Sozialunternehmen Taka Taka Solution Ltd, um den Kampf mit Nairobis drängendem Umweltproblem aufzunehmen.

„Wie baut man eine städtische Müllentsorgung auf ohne die Stadt?“, formuliert der Unternehmer zugespitzt die Herausforderung. Bislang mangele es an kommunalen Konzepten für die Abfallwirtschaft in der 4 Millionen Stadt. Im Großraum Nairobi fallen geschätzt 4000 t Müll täglich an, der auf Swahili Taka Taka heißt.

Seit China Ende 2017 die Entsorgung des Mülls aus anderen Ländern stoppte, ist weltweit eine rege Debatte über das zum Himmel stinkende Thema entbrannt. Auch in Kenias Presse wird öffentlich diskutiert: Warum schafft es das Land bislang nur, 5% des anfallenden Mülls fachgerecht zu entsorgen? Hat das konsequente Verbot von Plastiktüten seit 2018 lediglich Symbolfunktion?
75 Mitarbeiter_innen sind zurzeit bei Taka Taka Solution beschäftigt. Im Rahmen einer 48 Stunden Woche wird der angelieferte Müll per Hand sortiert. 1 bis 2 Monate dauert die Einarbeitung der Mitarbeiter_innen, die nach 40 Kategorien trennen.

Phillip räumt, ein, dass die händische Vorsortierung schmutzbelastet, zeitaufwendig und fehleranfällig ist. Er zeigt uns ein erstes Sortierband, das in der kommenden Woche in Betrieb genommen werden soll. „Maschinen bestelle ich häufig in China, sie kosten in Deutschland ein Vielfaches mehr. Zudem ließen mich die Behörden acht Monate auf einen Stromanschluss warten, zuvor hätte ich die Sortieranlage nicht anschließen können.“

Während der Betriebsführung absolviert die blaue Murmel einen Crashkurs zum Müllgeschäft. „In Nairobi wird nur etwa 50 % des Mülls abgeholt. Die ausschließlich privaten Unternehmen fahren Wohnviertel der Mittel- und Oberschicht an. In Nairobi gibt es keine Mülldeponien, sondern ausschließlich Müllhalden nahe den Armenvierteln an der Peripherie. Die Stadt wächst rasant, die Transportwege verlängern sich. Umweltbewusstsein fehlt. Oft wissen die Menschen sich nicht anders zu helfen. Sie verbrennen oder verbuddeln ihren Abfall.“
Phillip weiß, dass Taka Taka Solution mittelfristig effektiver Müll entsorgen und weiterverarbeiten muss, um gravierende Umweltschäden zu minimieren und betriebswirtschaftlich zu bestehen. Eine Recyclinganlage für Kunststoff wird in Kürze installiert.
„Schon jetzt kaufen wir Abfall an städtischen Müllhalden auf. Mit einigen Hotels und öffentlichen Behörden schlossen wir bereits Verträge, damit sie den Müll vor der Abholung trennen. Der organische Müll beträgt um 65 Prozent in Kenia. Das erschwert das Recycling aufgrund der hohen Verschmutzung.
“
Hinter der Fabrikhalle wird Kompost gelagert, ein Endprodukt aus dem organischen Abfall. Der Verkauf der hochwertigen Erde erwies sich bislang als schwierig. „Viele Kleinbauern glaubten, es handele sich um Dünger. Sie hatten überzogene Erwartungen. Jetzt bewerben wir unser Produkt in größeren landwirtschaftlichen Betrieben.“

Neben dem Kompost produziert Taka Taka Solution mittlerweile Bau- und Dämmstoffe, indem Leichtplastik, Styropor, Tetrapak und Textilien gepresst werden. Altglas wird zu Sand zerrieben.

Aktuell diskutiert das Parlament ein Kreislaufwirtschaftsgesetz. Die Befürchtung: Trotz vieler fortschrittlicher Gesetze im demokratischen Land Kenia verhindert die Korruption deren konsequente Umsetzung. Dabei stinkt das Thema Müll aufgrund der Massen, die anfallen und nicht entsorgt werden, zu sehr zum Himmel, als dass es weiter unter den Teppich bzw. unter der Erde entsorgt werden könnte.
Weiterlesen?
https://www.myclimate.org/de/informieren/klimaschutzprojekte/detail-klimaschutzprojekte/kenya-abfallmanagement-7190-1/
(aufgerufen am 04.05.2019)
Was das Plastiktütenverbot in Kenia bewiirkt, Tagesschau 28.05.2018
https://www.tagesschau.de/ausland/kenia-muell-101.html
(aufgerufen am 04.04.2019)
Der Müll in Kenias Slum Kibera soll weg tagesschau 05.06.2018
https://www.tagesschau.de/ausland/umwelt-muell-kenia-101.html (aufgerufen am 04.05.2019)
http://takatakasolutions.com/ (aufgerufen am 05.05.2019)
https://www.siemens-stiftung.org/de/projekte/takataka-solutions/ (aufgerufen am 04.05.2019)



In der Glasschneidewerkstatt stellen kenianische Mitarbeiter_innen z. B. gläserne Fassaden für Hotels, Kirchen und, Institute und private Auftraggeber_innen her. Im Ausstellungsraum lassen bunte Schalen, Gläser, Lampen, Perlen, Bilder und Skulpturen über das schillernde Kunsthandwerk staunen.


Nani Croce ist Tochter des berühmten Künstlers HAP Grieshaber. Als Biologin und ehemalige Mitarbeiterin des Verhaltensforschers Konrad Lorenz kam sie vor 40 Jahren nach Kenia. Während unseres Besuches in Nairobi lassen die Gänse kaum von Nanis Rockzipfel. Trotzdem schafft sie es, neben 2 Kamelen, Ziegen, Schweinen, Affen, Vögeln, einem Papagei, Gänsen und einem friedlichen Rudel Hunde ihrer künstlerischen Fantasie freien Lauf zu lassen.
Beglückend, wenn Menschen querdenken und sich engagiert der Kunst und nachhaltiger Stadtteilentwicklung widmen.
Ein Figurentheater sensibilisiert für die HIV- Prävention. Eine anthroposophische Grundschule für 300 Kinder wurde in unmittelbarer Nachbarschaft gegründet. Die Kinder zahlen kein Schulgeld- die meisten kommen aus ärmeren Familien. „Wollt Ihr nicht eine Patenschaft übernehmen?“- fragt Nani uns direkt.








































„Immer wieder fasziniert die Universalität in den bildenden Künsten, die Vergleichbarkeit der Motive, Stile und Themen. Feststellbar ist, dass afrikanische Künstler_innen ohne jedwede Berührung mit europäischen Kunstrichtungen ähnliche Werke hervorbringen, aus eigner Intuition heraus“, urteilt Hellmuth Rössler, der seit mehr als 3 Dekaden intensive Kontakte zur Kunstszene auf dem afrikanischen Kontinent unterhält. Gemeinsam mit seiner Partnerin Erica Musch wurde die Galerie als Non-Profit- Betrieb gegründet. Die Einnahmen werden zur Kulturförderung reinvestiert.
Ein Winkelbungalow im weitläufigen Gartengelände lädt Kunstbeflissene ein. In der Ferne bleibt die Skyline Nairobis erkennbar. Kecke Webervögel nutzen die Gebrauchskunst im Areal als Vogeltränke. Die Red Hill Art Gallery entwickelte sich zu einem sozialen und kulturellen Begegnungsort auf dem Land.
Ostersonntag 2019. Souad Abdelrasoul, eine Malerin aus Kairo klopft an. Ob sie demnächst ihre Bilder unter dem Leitmotiv Virtual Garden präsentieren könne? Souad wird begleitet von ihrem Mann Salah Elmur und einem Freund. Beide sind gleichfalls Maler mit Wurzeln in Sudan. Zwischen farbenfrohen Bildern debattitert die morgendliche Runde aufgeregt über den arabischen Frühling, der auferstanden scheint.
Mitte April wurde 


„Simon, he is a good teacher. He has a lot of patience and he likes kids“, sagt ein Junge.
„Bleiben die Kinder sich selbst überlassen, geraten sie schnell in den Strudel. Der Konsum von Marihuana und Alkohol ist verbreitet ebenso wie kriminelles Bandentum“, flüstern uns die pädagogische Betreuer Noor und Francis im Nebengespräch zu.
Die Red Hill Galerie genießt sichtlich den Besuch der jungen Träumer_innen. „Culture is a basic need“, – eine Grundphilosophie von Hellmuth und Erica, die eben nicht nur betuchte Käufer_innen, Kunstkritiker_innen, Journalist_innen und viele beeindruckende Künstler_innen des Kontinents empfangen.


In Nairobi besuchen wir einen alten Freund. Hellmuth lernten wir vor 30 Jahren als Mitarbeiter des UNHCR in Mogadishu kennen. Vom Flughafen braucht es eine Stunde in den nordwestlichen County Kiambu. Die Smogglocke über der Megacity verschwindet im Rückspiegel, je näher wir den Red Hills kommen.
Bypass heißen teils noch im Bau befindliche Umgehungsstraßen, angelegt als zweispurige Stadtautobahnen. Dem totalen Kollaps wird in der 4 -Millionen- Stadt wenig vorgebeugt. Stadtaus- und einwärts rollen überwiegend PKWs und Lastkraftwagen durch den Linksverkehr.
Überfüllte Kleinbusse, Matatus genannt zwängen sich wagemutig auf die unbefestigten Seitenstreifen, Eselskarren und die wenigen Fahrräder umschlingernd. Zwar ist der überfällige Ausbau eigener Bustrassen in der Planung, doch aufgrund enger Straßen schwierig zu bewerkstelligen. Die Korruption im Land gilt als weiteres Nadelöhr einer nachhaltigen Stadtplanung.

Jährlich drängen 800.000 Jugendliche auf den kenianischen Arbeitsmarkt, teils ohne ausreichende Qualifikationen, teils mit Universitätsabschlüssen, die von der Wirtschaft nicht anerkannt sind. Offiziell zählt man eine Jugendarbeitslosigkeit von 20 Prozent, die Dunkelziffer liegt in der stärksten Volkswirtschaft Ostafrikas gewiss höher.
Und ach- Kenia hat sich dramatisch verschuldet. Für Bildung- und Gesundheit fehlen Gelder, die in gigantische Großprojekte gesteckt wurden, z. B. in den Bau eines Kohlekraftwerks auf Lamu, Hafenanlagen, die im Bau befindliche Eisenbahnlinie zwischen Mombasa und Kampala, die Millionen verschlang und droht, als halbe Bauruine zu enden und für den Warenverkehr zwischen dem Indischen Ozean und Ostafrika nicht ausgelastet zu werden.
In direkter Nachbarschaft treffen Bretterbuden auf luxuriöse Shoppingmalls und halbfertige Neubausiedlungen für Kenias aufstrebende Mittelklasse aufeinander. Durch Schranken gesicherte Gated Communities mit eigenem Wachpersonal sollen den Bürger_innen besserer Viertel ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.
Provisorische Marktstände zeugen vom alltäglichen Kampf um Einkünfte.
Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde das Wahlergebnis 2017 annulliert. Bei der erneuten Wiederwahl bestätigte sich der amtierende Kenyatta. Für viele Luo schien Odinka der Bessere.



Weite Teefelder erstrecken sich über die Hügel. Die britischen Kolonialherren brachten die Pflanze aus Indien mit. Kenia ist heute der weltweit größte Teeexporteur. Ein grüner Pelz auf roter Erde- bitter schmecken die Berichte über Pestizideinsätze, Atemwegs-und Hauterkrankungen.
Pro Kilo erhalten die Pflücker_innen 20 Cent, die die Arbeitsplätze mangels Alternativen annehmen.

Für die großen Farmen wird Wasser umgeleitet. Das Fischsterben im Lake Naivasha soll nachgelassen haben, seitdem deutsche Entwicklungsexpert_innen der GiZ den Einsatz von Pestiziden verringerten. Während uns das Weltwissen über die Blumenzüchtung im globalen Süden deprimiert und welk aussehen lässt, kommen uns am Abzweig der Limuru Road fröhliche junge Frauen singend entgegen. „Habari Muzungu“, winken sie uns lachend zu. Möglicherweise reguliert sich am Red Hill das Wasserproblem, indem die privaten Betreiber der Blumenfarmen lediglich Setzlinge für den Export züchten.
Ein kunstvoll verziertes Tor öffnet sich, als der Fahrer am Red Hill hupt. Drei große Hunde springen uns bellend entgegen. Karibu willkommen. Hellmuth und Erica schenken uns alle Zeit für landeskundliche Einblicke ins Kenia heute. Zwei Unruheständler_innen, die sich mit 67 plus als Kunstförderer in Kenia niederließen. Vorausging ein langes Arbeitsleben an Brennpunkten der Entwicklungszusammenarbeit.

Ruanda bewegt sich: Die Menschen sind mehrheitlich zu Fuß unterwegs- oder auf dem Zweirad. Innerstädtische Fahrradwege wurden angelegt. Auf asphaltierten Überlandstraßen in bestem Zustand finden sich breite Randstreifen für Fußgänger- und Radler_innen.
Viele junge Männer arbeiten als Fahrradtaxifahrer. Möglicherweise ziehen sie einen Job als Dienstleistler der Feldarbeit und dem Handwerk vor. Die registrierten Fahrradtaxis verfügen über Nummernschilder, bequeme Gepäckträgersitzkissen und separate Fußstützen für Mitfahrende. Die Low-Budget- Taxis scheinen bei der Kundschaft beliebt. Nebenbei- Radsport ist sehr populär.
Ganz Ruanda, nein halb Ruanda zeigt sich im Fahrradfieber. Frauen treten bisher höchst selten in die Pedale. Das irritiert angesichts der Gender Balance im Land mit der weltweit der höchsten Zahl weiblicher Parlamentsabgeordneter (61%) sowie der weiblichen Erwerbsarbeit in Männerdomänen wie dem Straßenbau.
Geordnet halten sich die Motorradtaxifahrer zumeist an die Helmpflicht für die Passagiere. Sie müssen sich bis zum Jahresende 2019 auf bargeldlosen Zahlungsverkehr umstellen. Einnahmen sind kontrollierbar, die Preise sollen für die Fahrgäste transparenter werden. In vielen Ländern könnten derartige staatliche Regularien zu Protesten führen. In Ruanda ticken die Uhren anders. Die strenge Regierungspolitik scheint von den Menschen als gerecht empfunden und akzeptiert.

Ruandas fortschrittliche Verkehrs- und Umweltpolitik drängt auf die Reduktion des Individualverkehrs. In der Metropole Kigali mit ca. 1,2 Millionen Menschen werden der öffentliche Nahverkehr ausgebaut, Carsharingkonzepte erprobt und die Fahrradmobilität wird gefördert.
Verträge mit dem Unternehmen Bosch bereiten den Einsatz von Elektrobussen vor. Noch stoßen zuweilen vor allem Lastwagen schwarze Rußwolken aus.
Im Sommer 2018 eröffnete die Volkswagen AG ein Montagewerk für den Polo in Kigali. Jährlich sollen zwischen 5000 und 10 000 Autos an Firmen und Privatkunden verkauft werden. Ein Win-Win- Projekt? VW sucht einen Zugang zum afrikanischen Markt und zeigt sich als Transportunternehmen mit eigener Flotte. 150 Taxen für die Regierung sowie 250 App-unterstützte bargeldlose Carsharing -Fahrzeuge gehen an den Start.

Beim ersten Rundgang durch Kigali stoßen wir binnen einer Stunde auf eine vitale Kulturszene. In kurzer Distanz befinden sich Galerien mit experimenteller Kunst, teil mit Objekten aus Recyclingmaterial.










Emanuelle führt uns durch die Galerie.
Ich trainiere z. B. ehrenamtlich eine Fußballmannschaft von Kindern aus einem ärmeren Stadtviertel. Fußball ist in Ruanda sehr populär. 
Aufgrund der Gedenkfeiern zum Genozid finden diese Woche keine Aktivitäten für die Kinder statt. Kommen Sie vorbei, wenn Sie das nächste Mal in Kigali sind.“




Vision 2020– landesweit ist die Stromversorgung zu sichern. Erste Gasplattformen sind bereits in Betrieb, weitere geplant. Ruanda betritt mit dem weltweit einmaligen Projekt technologisches und wissenschaftliches Neuland. Einher geht die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das Gas bietet zudem eine Alternative zur waldzerstörerischen Holzkohle, die aus ökonomischen Gründen wie aus Gewohnheit in den Haushalten allzuoft zum Einsatz kommt.
Fährschiffe aus dem Nachbarstaat Kongo haben angelegt. Bauern bieten ihre Überschussprodukte an. Kleider können erworben, Schuhe repariert, Handys aufgeladen und kleine Tauschgeschäfte abgeschlossen werden. Textilien, Schuhe und Sprit seien im Kongo günstiger, hören wir. Die Ware liegt in kleinen Buden, zumeist aber auf dem Boden aus.
Der achtzehnjährige Felix schließt sich uns an. Er besucht eine Fachschule für Wirtschaft und möchte mit uns seine bereits guten Englischkenntnisse verbessern. Er habe schulfrei. Seine Mutter sei an Krebs gestorben. Von daher kümmere sich die 94-jährige Großmutter um die kleinen Geschwister.




Der Weg führt an einer Landwirtschaftsschule vorbei. Während der Ferien kann uns der Lehrer nur die Räumlichkeiten zeigen. „Die rund 60 Schüler kommen aus der Region. Wer lesen und schreiben kann, darf die Schule besuchen. Die Ausbildung dauert sechs Monate. Wir fördern Kenntnisse im Bereich der Landwirtschaft. Alle suchen Arbeit. Unsere Schüler sollen in der Lage sein, einen eigenen Betrieb zu eröffnen, z. B. Hühner zu züchten.“ Gelegentlich erhält die Schule finanzielle Unterstützung durch eine belgische Nichtregierungsorganisation. 4 Computer stehen im Klassenraum, der ansonsten schlicht mit einer Tafel und Stühlen ausgestattet ist. Angrenzend befinden sich ein sorgfältig gepflegter Nutzgarten und kleine Ställe.

Ruanda setzt auf Tourismus, um sich neben den Nachbarstaaten Uganda und Tansania zu positionieren. Ob diese ehrgeizige Strategie angesichts der begrenzten Fläche und Naturparks mittelfristig aufgeht?

Vögel zwitschern, aus dem Tal dringt vielstimmige Chormusik aus einer Gedenkmesse unter freiem Himmel. Kinder huschen kichernd vorbei. Nahtlos schmiegen sich die Hügel des Kongo an Ruanda an. Unglaublich, dass die friedvolle Landschaft vor Kurzem noch Schauplatz eines Völkermordes und der Kongokriege war.

Schnell kommt Anastasi auf ihre Reise nach Rheinland-Pfalz zu sprechen. Das Bistums lud sie 2004 ein. „Für mich war es eine wunderbare Erfahrung mit wunderbaren Menschen.“ Insbesondere blieb der Aufenthalt in der Hasslocher Gastfamilie haften. So pflegt sie eine intensive Freundschaft mit evangelischen Christen, die das caritative Engagement des Ordens unterstützen.
Anastasi ist Opfer des Genozides, der nahe des Kivu-See besonders heftig wütete. Innerhalb von 3 Monaten wurden 1994 ca. 90 % der in der Region lebenden 200.000 Tutsi ermordet. „Ich habe alle meine 12 Geschwister verloren. Ich habe noch ganz tief in meinem Herzen Hass, aber ich lasse ihn nicht zu. Zu vergeben und alles dafür zu tun, dass es sich nicht wiederholt, sehe ich als meine Aufgabe. Wäre ich nicht damals bereits Ordensschwester gewesen, hätte mich nichts zum Beitritt einer christlichen Organisation bewogen“, verweist sie auf die unrühmliche Rolle der Kirchen während des Völkermordes.


Anastasi verweist auf die nahegelegene Memorialgedenkstätte der katholischen Kirche St. Jean, in der viele Tutsi umgebracht wurden. Die Gebeine der Ermordeten werden öffentlich ausgestellt. Die zentrale Inschrift der Gedenkstätte lautet „Never again“.

So empfängt uns am Tag darauf Sister Josephine, die mehr als 15 Jahre in Armenvierteln Brasiliens arbeitete. Spontan erzählt Josephine, dass auch ihre Familie im Genozid getötet wurde. „Nur meine kleine Schwester überlebte, weil man sie unter den Leichenbergen für tot hielt. Sie ist für mich ein Gottesgeschenk.“

Der 25. Jahrestag des entsetzlichen Gemetzels nimmt in besonderem Maße Ruandas Jugend und ihr Wissen um die Geschichte in den Blick. Die erste Generation „danach“ ist erwachsen, sie gründet eigene Familien. Bildung soll schützen vor dumpfem Rassismus. Große Hoffnung steckt das Land u.a. in digitale Kommunikationsmedien, um die Menschen zu erreichen.
Auf dem Weg zur Gedenkstätte kaufen wir Blumen und graue Schleifchen als Anstecker. 2 Muzungu, Nachfahren der ehemaligen Kolonialmacht. Zuhause erinnern Stolpersteine an den Holocaust. Im 21. Jahrhundert lebt Deutschland im Land selbst friedlich, während der viertgrößte Rüstungsexporteur unrühmlich Waffen in Konfliktregionen exportiert.
Das Portal der katholischen Kirche ist geöffnet, der Innenraum leer. Die Sonntagsmesse hätten wir verpasst, erklärt uns ein junger Mann. Alban, Jahrgang 1994 wuchs im Kongo als Sohn ruandischer Flüchtlinge auf. „Ich lebe zurzeit in Nairobi, um mein Masterstudium der Kriminologie abzuschließen. Gerade besuche ich meine Verwandtschaft in Rwamagana wegen des Gedenktages. Die Familien und Nachbarn in den Stadtteilen sitzen heute zusammen und erinnern sich. Dabei wird viel geweint. Oft kamen die Mörder von außerhalb, junge Männer wurden in Bussen bewusst in Orte gefahren, wo es keine Angehörigen gab.“
Protestantische wie katholische Geistliche beteiligten sich am Genozid. Alban fährt fort: „Pastoren und Pfarrer ließen sich vom Rassenwahn anstecken. Sie verstanden sich selbst als Bahutu oder Batutsi. Manche töteten mit oder lockten die Batutsi in die Falle. Man gab den Mördern den Schlüssel zur Kirche. Einige Pastoren versteckten Menschen.“
„Alban, wirst du nach Abschluss des Studiums in Kenia bleiben?“
Auf dem Vorplatz der katholischen Kirche versammeln sich auffällig viele ältere Menschen, darunter Menschen auf Krücken, die Narben sind sichtbar.


Ein großes Familientreffen im Hotel lockt uns mit wunderschöner Acapella- Musik.
Die Nachfahren und Freund_innen der Familie erinnern sich gemeinsam in kleinen Vorträgen und Gedichten. Sie singen und lachen.
Graue, braune gepunktete Hennen brüten. Küken gehen in den Verkauf. Unser Gastgeber drückt uns eine große Schale mit Hühnereiern in die Hand. „Sagt morgen Früh dem Koch im Hotel, dass er euch daraus Omelette zubereitet.“ Der 54-jährige spricht fließend Französisch, er wuchs im Kongo auf. Die Familie kehrte vor 20 Jahren wie viele andere nach dem Genozid aus dem Exil zurück.

Eine trilinguale Teestunde, mit den 4 Kindern gelingt die Kommunikation auf Englisch, das bereits in der Grundschule ab der vierten Klasse in einzelnen Fächern als Unterrichtssprache fungiert. Für Mama Chantal werden die neugierigen Fragen der Muzungu auf Kinyaruanda übersetzt, als sie sich nach der Rückkehr vom Fischmarkt spätabends dazusetzt.
Was bedeutet der Gedenktag am 7. April für die Jugend Ruandas nach 25 Jahren, wollen wir wissen. Die große Tochter referiert atemlos mit uns über die Vorgeschichte des Völkermordes, von der Besiedlung Ruandas vor Jahrhunderten an.
Die Gespräche oszillieren zwischen dem Jahr 1994 und den gegenwärtigen Plänen der Familie. Noch steht die Schüssel mit den Eiern auf dem Tisch. Wir sind verunsichert, ob wir die Gabe ablehnen können, ohne zu verletzten. Sensibel für unser Zögern baut Rose die Brücke.
Unter dem afrikanischen Sternenhimmel spazieren wir zurück ins Hotel, von der Familie gastfreundlich von Tür zu Tür eskortiert. „Ruanda ist sicher, als Frau kann ich mich 24 Stunden täglich allein auf der Straße bewegen“, versichert uns Rose. Trotz alledem zucken wir merklich. Denn zahlreiche Lastwagen donnern vorbei. Die Straße verbindet Ruanda mit Tansanias Häfen, eine Rennbahn für Import- und Exportgeschäfte. Sicher war es gut, dass vor dem Verlassen des gastlichen Hauses Vater, Mutter und Kinder beim Abschied ein Gebet für uns sprachen.