Insel der Hoffnung

Zu den 27 Inseln des Nationalparks Islas del Rosario gehört die Isla Grande. In Cartagena besteigen wir skeptisch das Boot. Vor uns liegen 45 km Geschaukel. Die Überfahrt dauert wie versprochen eine Stunde.

Vor 200 Jahren wurde Isla Grande von freigelassenen afrikanischen Sklaven besiedelt. Bis heute leben dort überwiegend Menschen, die sich als „Afrodescendientes“ bezeichnen. Aufgrund des Korallenriffs und der Mangrovenwälder wurde der Archipel 1977 zum Nationalpark erklärt.

In der Morgenkühle streifen wir durch das friedliche Dorf Orika. Erste Mücken treiben ihr munteres Spiel. „Rauch hält sie fern “, ruft uns eine Frau zu, die an der Feuerstelle vor dem Haus sitzt und uns auf einen Kaffee einlädt. Die 63-jährige Urgroßmutter Nena war Mitbegründerin des Dorfes und dessen erste Präsidentin. Die Stechmücken sind in der spannenden Geschichtsstunde vergessen.

Anfangs lebten die Menschen von Fisch, Kokospalmen und Limonen, im Landesinneren über die Insel verstreut. Reiche Investoren vom Festland hatten bereits Grundstücke unmittelbar an der Küste besetzt. Wir arbeiteten für sie. Manchmal beschenkten sie uns, z. B. mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser, das auf der Insel fehlt.“

1977 veränderte die Ausweisung des Naturschutzreservates alles. Um die strengen Umweltschutzauflagen einzuhalten, ist Fischfang nur noch eingeschränkt möglich.

Nena fährt fort: „Was tun? Ich hatte mit anderen die Idee, ein Dorf zu gründen. Wir haben uns organisiert. Wir mussten unser Land im Inneren der Insel vor dem Zugriff der Hotelbesitzer schützen. Ich erinnere mich, wie wir mit Macheten und viel Musik gemeinsam das Terrain rodeten. Alle packten an. Wir haben ein Schulheft gekauft, um gleichgroße Parzellen einzuzeichnen. Die Grundstücke wurden ausgelost, das vermied Streit. Niemand hatte einen Vorteil. Erst vor 5 Jahren hat uns die Regierung die Landtitel übergeben. Jetzt gehört das Land wirklich uns.“

Die Familien versuchen, von den großen Hoteliers als Arbeitgeber unabhängig zu werden. Externe Berater_innen, u.a. von der Universität in Bogotá unterstützten die erfolgreichen Ökotourismusprojekte.

Auch Nena betreibt mit der Familie ein kleines Hotel. „Nach und nach öffneten wir kleine Unterkünfte, Campingplätze, Restaurants. In unserem Verbund haben wir heute 11 kleine Hotels und Touristenführer. Sie lernen Englisch. Sie fahren die Touristen durch die Mangroven und zum Schnorcheln. So sind wir am Geschäft beteiligt, nicht nur die Hotels an der Küste. Die Entscheidungen fallen in unserem Inselrat. In den ersten Jahren war ich die Vorsitzende.

Wir sind stolz darauf, dass wir als erste Afro-Gemeinde Kolumbiens offiziell anerkannt sind. Niemand soll uns unser kommunales Eigentum streitig machen!“

In der Uniform eines privaten Sicherheitsdiensts schlendert Alfonso vorbei. In der Schule gegenüber hat der Unterricht begonnen, er trinkt seinen Morgenkaffee bei seiner Tante Nena. Der kolumbianische Staat stelle die Wachleute ein. In Cartagena brächten Schüler Waffen und Drogen in die Schule mit. Auf der Isla Grande zeige er sich am Schultor präsent, ohne eingreifen zu müssen. So wie es auf der Insel kaum Delinquenz gebe. Einen Dieb verbanne man als Strafe für 2 Jahre aufs Festland.
Wir haben gegenüber den staatlichen Behörden durchgesetzt, dass wir eigene Ordnungshüter stellen. Vieles kann und soll intern gelöst werden. Nur bei gravierenden Fällen schalten wir den Inspector legal, den Amtsrichter aus Cartagena ein.“

Auf unsere Frage, ob das Beispiel der Insel Schule macht, leuchten Alfonsos Augen: „Wir bieten Workshops für die anderen Inselkommunen an. Wir lassen sie an unseren Erfahrungen teilhaben.“ Als gewähltes Mitglied des Inselrates hat Alfonso einen guten Überblick. Er hat das Amt des Kassierers inne.

Beim Abschied gibt uns Nena mit auf den Weg „Wir lassen uns nicht mehr herumschubsen. Aber wir müssen kämpfen. Es fehlt z. B. der Strom. Und es gibt so viel Korruption in Kolumbien. Vielleicht versucht eines Tages jemand, uns das Land abzunehmen.

Während unseres mehrtägigen Aufenthaltes nimmt Nenas Traum von der starken, autonomen Dorfgemeinschaft Konturen an. Der Touristenstrom boomt seit rund 3 Jahren, seit es durch das Friedensabkommen sichere Korridore für Touristen gibt. Überall wird gebaut. Arbeit zu finden, ist aus Sicht der Inselbewohner_innen für die, die arbeiten wollen, kein Problem. Außerdem bieten die Hotels Arbeitsplätze. Reiche Ferienhausbesitzer suchen Hausmeister und Hausangestellte.

Vogelgezwitscher untermalt die Spaziergänge durch den schattigen Trockenwald. Bunte Wegweiser und zahlreiche Mülltrennungskörbe mahnen, den Umweltschutz einzuhalten. Die in der Entsorgung tätigen Gemeindearbeiterinnen sehen gewisse Fortschritte. „Allerdings ist die Bereitschaft zur Müllvermeidung nicht ausreichend. Hier müssen wir bei unseren Kindern ansetzten. Dass demnächst Plastiktüten verboten sind, erleichtert die Arbeit.

Vom Festland aus buchten wir das Öko-Hotel Arte y Aventura. Der Maler Carlos lebt seit 28 Jahren auf Isla Grande.

Wie seine Frau Viviana entfloh er dem Großstadtdschungel Calis. Das Paar betreibt das Hotel und vermittelt, wie nachhaltiger Tourismus unter schwierigen Bedingungen gelingt. „Von Beruf bin ich Psychologin. Das hilft mir,  kleine und große Probleme
zu verstehen und bei Konflikten zu vermitteln“, schmunzelt Viviana.

Wir vermissen weder Handyempfang noch fließendes Wasser. Rund 90 % sind ausländische Gäste, die den sanften Tourismus schätzen.
„Junge Männer und Frauen aus dem Dorf werden ausgebildet. Viviana organisiert Englischkurse und die Ausbildung für naturkundliche Führungen. Auch darum sind wir gut in die Inselkommune integriert„,
sagt Carlos und seufzt. „Leider habe ich noch niemanden für die Malerei begeistern können. Zwei-, dreimal kommen sie zu meinen Malkursen, dann bleiben sie weg.

Carlos macht uns auf die Herausforderungen der Insel aufmerksam. Das Nebeneinander zwischen privaten eher hochpreisigen Hotels und den ökotouristischen Angeboten der Einheimischen verlaufe zurzeit ohne größere Reibungspunkte. Doch es gebe kein Trinkwasser für die ca. 750 Anwohner und bis zu 4000 (Tages)Touristen monatlich in der Hochsaison.

In den Regenzeiten wird Wasser aufgefangen. Ein Wasserschiff aus Cartagena fährt die Insel regelmäßig an. Salziges Brunnenwasser lässt sich immerhin zum Wäschewaschen aufbereiten. Solarpanele sind für die wenigstens erschwinglich. Viele Dorfbewohner leben ohne Strom.

Es mangelt an der medizinischen Versorgung. „Hier stirbt niemand auf der Insel“, sagt ein Nachbar  lakonisch. „Der letzte Arzt war zwar Alkoholiker, aber er war immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Ein Ersatz ist nicht in Sicht. Schwerkranke lassen sich auf dem Festland pflegen.

Freizeitangebote reduzieren sich auf Fiestas an Wochenenden mit reichlich Alkohol und lauter Musik sowie gelegentlichen Hahnenkämpfen. Einen Sportplatz gibt es zumindest.

Frauen klagen über die vagabundierenden Männer und ihren Mangel an Verantwortung gegenüber der Familie.

Verklausuliert kommen instabile Familienverhältnisse zur Sprache, Kinder müssten oft umziehen, weil auch die Frauen nicht selten einen anderen Partner wählten.

Trotzalledem. Die Bewohner_innen der Isla Grande schafften den Weg aus der Armut und Fremdbestimmung. Obgleich die Insel nur 2,5 km lang und 1,7 km breit ist, hat sie große Ausstrahlungskraft auf benachbarte Kommunen.

Über die raue See tuckern wir uns wehmütig zum Festland zurück. Gerne kämen wieder auf die schöne Insel, um den Gesprächsfaden mit den freundlichen und geschichtsbewussten Menschen wiederaufzunehmen.

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

Ein Gedanke zu „Insel der Hoffnung“

  1. Danke an euch für die Möglichkeit, eine gedankliche Reisebegleitung in Lateinamerika zu erleben. So ganz ohne Reisestress, mit kompetenten „Landeskundlern“, euch achtsamen Zeitbeobachtern. KLasse. Ich bin erstaunt, wieviele Kunstobjekte euch so begegnen…
    Ganz lieben Gruß!

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