Lidia lädt uns in ihre Siedlung ein, die zur Reserva der Bri Bri-Indigenen gehört. Als Treffpunkt vereinbaren wir die gleichnamige Kleinstadt am Fuße des Talamanca-Gebirges. Im vollbesetzten Bus finden wir die letzten Sitzplätze. Der kostengünstige öffentliche Transport scheint für die Einheimischen erschwinglich.

Im Straßenbild von Bri Bri entdecken wir weder Afrokariben noch Tourist_innen. Ob Reiseunternehmen aus dem nur 10 km entfernten Puerto Viejo Ausflüge nach Bri Bri anbieten, wissen wir nicht. 
Indigene bestimmen das Straßenbild. Während an der Küste kreolisches Patois gesprochen wird, hören wir hier die Sprache BriBri. Lidia empfängt uns an der Busstation mit einem Schnellkurs und begrüßt uns mit „Wai Wai“.
Die Kleinstadt dient als regionales Handels-, Verwaltungs- und Einkaufszentrum. Seit den 50er Jahren erkennt die Zentralregierung die autonomen Territorien der BriBri offiziell an. Die BriBri, größte Gruppe unter den 8 indigenen Kulturen Costa Ricas, leben mehrheitlich in abgeschiedenen Dörfern des Regenwaldes. Die Stadt bietet weiterführende Schulen, Geschäfte, eine Bank, die Kommunalverwaltung, eine Polizeistation, eine Tankstelle. Busse nach Puerto Limon sowie nach Panama halten an der zentralen Busstation.


Lidia lernten wir durch ihren Mann José kennen, der in der Plantera Rio Sixaola arbeitet. Eine Einladung zum Abendessen wenige Tage zuvor in Puerto Viejo brach den Bann. Lidia merkte, dass wir uns für ihre indigene Kultur interessieren. Sie bot uns spontan an, ihr Haus zu zeigen und uns in Gebräuche der indigenen Gemeinschaft einführen.
Lidia lebt in der kleinen Siedlung Campo del Diabolo, übersetzt Teufelsfeld. Auf unsere Frage nach dem sonderbaren Namen, erklärt sie uns, dass Erdöl gefunden wurde. Die widerständigen BriBbri hätten die Förderung erfolgreich verhindert.
Wir haben Glück, Lidia hat Zeit. Die Kinder, die sie als Tagesmutter versorgt, verbringen die Schulferien mit ihren Eltern. Als ihr 21-jähriger Sohn aus erster Ehe in die Nähe der Hauptstadt zog, nahm sie die Stelle bei einem Lehrerehepaar an. „Für uns Bribri ist es wichtig, dass wir zusammenbleiben. Aber es gibt zu wenig gut bezahlte Arbeit. Klar, junge Leute verlassen oft ihr Dorf. Mir tut es weh, aber ich respektiere die Entscheidung meines Sohns. In Alajuela arbeitet er in einer Geflügelschlächterei als Packer.“
Zunächst klettern wir in den Bus nach Shiroles. Lidia begleitet uns zur Frauenkooperative der BriBri ins Talamanca- Gebirge. Mit jedem Kilometer tauchen wir tiefer in die phantastische tropische Landschaft ein und erreichen einen Fluss. An der faktisch offenen Grenze zu Panama herrscht reger Verkehr. Menschen laden Bananen vom Lastwagen auf Boote um.


Anschließend laufen wir über eine Schotterstraße in Lidias Dorf. Unterwegs erzählt Lidia von den ca. 10.000 Indigenen der BriBri, die in drei Gebieten leben, 2 Gruppen im Talamanca- Gebirge, eine kleine Gruppe mit wenigen Hundert auf der anderen Seite der Grenze in Panama.
Lidias Haus befindet sich in einer kleinen Siedlung. Durch ein staatliches Bauprogramm für Indigene konnte sie es erwerben. „Ich bin die Besitzerin, da in unserer Kultur die Parzellen den Frauen vermacht werden. Meine Eltern leben ganz in der Nähe. Jede BriBri-Familie verfügt über ein kleines Stück Land. Es darf grundsätzlich nur an Indigene verkauft werden. So bleiben wir zusammen, um unsere Kultur zu pflegen. Mein Mann aus Nicaragua darf kein Land erwerben. Überhaupt hat er es wie viele Nicaraguaner nicht leicht, akzeptiert zu werden. Meine Schwester ist nicht begeistert, dass ich einen Nicaraguaner geheiratet habe.“
Obwohl es Strom- und Wasseranschlüsse gibt, wäscht Lidia die Wäsche im nahen Fluss. Der Holzofen bleibt trotz des Gasherdes in Gebrauch.
Lidia sieht den Erhalt der Sprache bedroht. Ältere sprechen BriBri. In der Schule im Alltag, im Fernsehen dominiert Spanisch als Verkehrssprache. Nur ein Radiosender in Talamanca pflegt das BriBri.
Beim Rundgang erfahren wir, dass die BriBri Bananen und Kakao pflanzen. Viehwirtschaft und Gemüseanbau haben keine Tradition.



„Wir versorgen uns selbst mit dem Nötigsten und verkaufen die Überschüsse an heimische Produzenten. Das müsste reichen. Leider sind Lebensmittel, Strom, Benzin und die Lebenshaltungskosten in Costa Rica sehr teuer. Deshalb sind Indigene auf staatliche Unterstützungsprogramme im Bereich Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen angewiesen. Das gefällt nicht jedem hier im Land. Aber dies steht uns gesetzlich zu.“
Lidia stellt uns den Schwager sowie ihren Schwiegervater vor, die vor wenigen Monaten vor den politischen Unruhen und der wirtschaftlichen Misere aus Nicaragua geflohen sind. „Ich weiß, dass es hier bei uns viele Vorbehalte gegenüber den Nicas gibt. Für mich sind alle Menschen gleich. Mein Mann José ist in unserer Bribri-Familie akzeptiert. Allerdings darf er hier kein Land erwerben. Aber er ist in meinem Haus geduldet und darf seine geliebten Bohnen züchten und Viehzeug halten“, sagt sie augenzwinkernd.
Auf den ersten Blick wirkt Lidias Zuhause in der üppigen Natur idyllisch. Sie gibt zu bedenken, dass es „in vielen Gemeinden oben in den Bergen an Strom, Wasser und einer nahen Gesundheitsstation“ fehlt. „Wir hier sind allerdings in Küstennähe durch den Bus gut angeschlossen.“
In unmittelbarer Nachbarschaft wohnen die Eltern und 12 Geschwister mit ihren Familien. Als Lidia uns ihre alleinerziehende Schwester vorstellt, werden Armutsfolgen konkret. 14jährig wurde die Nichte zur Mutter. Das Gesetz verpflichtet die Großmutter, das Kind der Minderjährigen großzuziehen.

Während des Mittagessens will kein rechtes Gespräch in Gang kommen. Die seichte Fernsehshow auf dem großen Flachbildschirm scheint attraktiver als das Gespräch mit ausländischen Gästen.

Lidia flüstert uns zu: „Hier gibt es viele junge Mütter. Obwohl die jungen Frauen kostenfreien Zugang zu Verhütungsmitteln wie z. B. der Dreimonatsspritze haben, macht sich die Jugend keine Gedanken. Gesetzlich sind die Väter später zu Unterhaltungszahlen verpflichtet.“
Befragt nach ihren Zukunftsplänen antwortet Lidia „Ende des Jahres möchte ich zum ersten Mal mit meinem Mann an den Rio San Juan nach Nicaragua reisen, um dort meine Schwiegermutter und das Land meines Mannes kennenzulernen. Gerade hole ich einen Schulabschluss nach, das Abitur.“
Nach dem sehr herzlichen Abschied von Lidia fahren wir mit vielen Eindrücken und Fragen an die Küste zurück.
Nachtrag
Wenig später lernen wir die Sozialarbeiterin Lisa kennen. Sie begleitet die BriBri im Auftrag des Sozialministeriums. Zu ihrem Betreuungsteam gehören eine Vorschul- und Sonderpädagogin, eine Ernährungsberaterin und eine Psychologin.
Lisa bestätigt „Oft verhalten sich Costa Ricaner den Indigenen gegenüber ignorant. Sie wissen nur wenig über die Kulturen. Der Staat finanziert viele Sozialleistungen, Infrastrukturprojekte, Wohnungsbau, Schulen, die Gesundheitsversorgung in den indigenen Reservaten. Unter den rund 20% Armen finden sich überproportional viele Indigene. Das Gleiche trifft auf die schwarze karibische Bevölkerung zu.“

„Die Themen, die uns Sorge machen, sind die Fehl- und Unterernährung der Kinder, familiäre Gewalt, steigende Suizidraten sowie der Drogenkonsum bei Jugendlichen. Hinzu kommt, dass in den letzten 10 Jahren evangelikale Gruppen wie die Zeugen Jehovas Zulauf haben. Ihr extrem wertkonservatives Weltbild passt nicht zur Realität der jungen Leute mit Whatsapp und Facebook.“
Bei der Frage der Nachhaltigkeit der staatlichen Wohlfahrtsprogramm zeigt sich Lisa zwiegespalten. „Die Programme werden, unabhängig von der Ausrichtung der jeweiligen Regierung, grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Doch die Alimentierung ohne eine langfristige Strategie greift zu kurz. Indigenen und ihre Anliegen müssen ernst genommen werden. Die Schulbildung muss verbessert werden.“

„Problematisch und konfliktiv wird es, wenn die gesetzlich garantierte Autonomie der Reservate durch das Eindringen von Konzernen oder Siedlern unterlaufen wird. Leider kommt dies immer wieder vor“.
Lisa wünschen wir einen langen Atem für ihre engagierte Arbeit.
(aufgerufen am 16. Januar 2018)



Ein junger Mann am Nachbartisch fällt uns auf. Philosophiestudent Julian liest Siddartha von Hermann Hesse in deutscher Sprache. Er möchte „die großen Philosophen in der Originalsprache lesen können“.










„Unsere größten Probleme? Der steigende Meeresspiegel, der die Uferlandschaft abträgt. Und die Verschmutzung der Flüsse mit Pestiziden, die so ins Meer gelangen.









Am Sylvesterabend zieht uns Gospelmusik in eine kleine Kirche. Wir lernen Marta als engagiertes Mitglied der Baptistengemeinde kennen. Der klangvolle Gottesdienst findet auf Englisch, Spanisch und Patois statt. Unter den Besuchern überwiegen Menschen afrokaribischer Herkunft.
Marta unterrichtet Englisch an einer staatlichen Landschule, die von vielen Indigenen besucht wird. „BriBri ist die Erstsprache der Kinder, in der Schule wird Spanisch gesprochen. Jetzt sollen sie dazu Englisch lernen.“




.Jessica arbeitet täglich rund 12 Stunden, 7 Tage die Woche. „Mir macht die Arbeit im Reisebüro Freude, weil mein Chef mir Freiheiten lässt. Außerdem: Aqui en el Caribe manda la mujer, die Frau bestimmt. Auch von nervigen Kunden lasse ich mir nichts gefallen. Seit meinem 5. Lebensjahr muss ich arbeiten, weil ich aus einer sehr armen Familie stamme.“











Die Kosten dafür betragen das Siebenfache gegenüber dem Herbizideinsatz. Allein dieser Verzicht kostet jährlich ca. 100 000 Dollar. Unterstützung findet Don Volker bei quirligen Gesellen, den Regenwürmern. Sie tummeln sich auf einer 240 qm umfassenden Zuchtfläche.Kein Tier wird getötet, wenn der Humus fertig ist.










investiert, z. B. in eine umfassende Gesundheitsvorsorge. Nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit erhält der Mitarbeitende 1000 Dollar als Anerkennung.








Viele Ticos der Region, die wir kennenlernen, nennen Volker achtungsvoll „Volker, el Aleman.“ Weder auf der Homepage noch auf der Finca entdecken wir den Nachnamen oder eine Fotografie. Stattdessen trägt das Gelände die Handschrift eines sozial engagierten Umweltschützers, der konsequent beweist, eine andere Welt ist möglich, auch in Anbau und Export der in Europa ach so begehrten Frucht.








Vor dem Ausgang durchstreifen wir Sozialräume, die mit Kicker und nettem Mobiliar ausgestattet sind.

Zum Abschied begrüßt uns der stärkste Mitarbeiter der Farm, ein mächtiger Büffel, der Lasten durch unwegsames Gelände zieht. José genießt sichtlich den Umgang mit dem Tier, das uns etwas misstrauisch beäugt. „Auch er gehört zu unserer Belegschaft und wird gut behandelt“, versichert er uns lachend.





































Nur in 6 von 32 Bundesstaaten hinterließen wir Fußspuren. Chiapas, Oaxaca, Yucatán, Quintana Roo, Campeche und Ciudad de México heißen die lieb gewonnenen Puzzleteile. Die Karte zerfiel, stetig ausgeklappt, gewendet, im Dezemberwind flatternd, als Mückenklatsche missbraucht. So zerbröselte die kartographische Ordnung binnen unseres zweimonatigen Aufenthaltes.
Geschätzt 30 Millionen Menschen in den USA haben mexikanische Wurzeln und Pässe, viele ohne legalen Status. Eltern und Kinder kommunizieren über Messenger-Dienste, solange die Bande hält.
Von den Ruinen und Schätzen der einstigen Hochkulturen wurde bislang nur ein Bruchteil unter den Regenwäldern ausgegraben, verschüttet durch die gewalttätige spanische Eroberung und den allgegenwärtigen Rassismus.






































