Teil 2: Ausgezeichnete Bananen

„Biobananen? Nur in in ariden, trockenen Gebieten wie z. B. an der Küste von Peru lassen sich Bananen ohne Pestizide züchten. Ein Wahnsinn, vergleichbar mit der Avocadoproduktion. Weltweit sind Bananen in tropisch-feuchten Regionen beheimatet. Und da gehören sie hin ! Und nicht in die Wüste . Klar, in den feuchten Tropen sind sie extrem anfällig für Pilzerkrankungen. Kein Anbauer kann auf chemische Substanzen verzichten, oder aber er nimmt andere Sorten“, irritiert uns Don Volker.

Kaum erschien unser Blogartikel „Ausgezeichnete Bananen“ , lud uns der Besitzer der Platanera Rio Sixaola erneut auf die Finca ein, um Fragen rund um das komplexe krumme Ding zu klären. Wir freuen uns, Volker persönlich kennenzulernen, tief beeindruckt vom ersten Besuch auf der Farm am 2. Januar. Die Weiterreise nach Panama verschieben wir.

„Bio muss nicht unbedingt nachhaltig bedeuten. Wir von der Platanera Rio Sixaola sind wohl eine sehr nachhaltige Bananenfarm in der Welt, aber dennoch liefern wir u.a. auch konventionelle Bananen “, ergänzt Volker und erzwingt unser Stirnrunzeln. Haben wir unter dem Lärm etwas missverstanden? Über unsere Köpfe hinweg nimmt ein Sprühflugzeug Kurs auf Felder von Del Monte und Chiquita. Hoffentlich arbeitet am Sonntagnachmittag dort niemand.

Wenig später naschen wir unbekümmert auf der Platanera Rio Sixaola köstliche Waldbananen. Sie gedeihen ohne chemische Keulen im Sekundärregenwald. Gleichfalls haben Volkers rote Bananen ein echtes Biosiegel.

Tragisch – die vom Handel oktroyierte Normvorstellung von 21 cm erfüllen sie nicht. Der Anbau konzentriert sich notgedrungen auf die Cavendish- Banane. Wann darf endlich auch mal eine Frucht mit Insektenstichen und einem kleinen braunen Fleck auf der Ladentheke landen? Wann endlich versteht der Kunde, dass er die Schale nicht mitisst ? Aber er nimmt sie als Qualitätskriterium . „Der liebe Gott hat die Banane mit der Schale gemacht . Zum Abpellen“, ergänzt der 70ig jährige.

Das Bananengeschäft bereitet den Beschäftigten Stress. Halbgefüllte Container rechnen sich nicht. Momentan verlässt täglich ein Container die Finca Platanera Rio Sixaola, um anschließend in Puerto Limon verschifft zu werden. Die Produzenten sind auf Großabnehmer angewiesen. Und das beschämende Preisdiktat der Konzerne ist hart, wenn es um den Gegenwert für die Banenenkisten geht.

Beim zweiten Rundgang durch die Plantage packt uns erneut die Faszination für Volkers Lebenswerk. Ähnlich erging es den Einkäufern des Lebensmittelkonzerns REWE, der seit dem 1. Januar 2019 seine Bananen als REWE 1. Wahl im Norden Deutschlands anbietet. „REWE scheint es mit der Nachhaltigkeit ernst zu meinen und umzusteuern. Wir wurden als Leuchturmprojekt auserkoren“, bemerkt unser Gastgeber hoffnungsvoll. „Die Nachfrage kann unsere Finca nicht bedienen. REWE braucht weitere Betriebe mit vergleichbarem nachhaltigem Anbau.“

Seit 28 Jahren betreibt der Westfale die Bananenfarm, die als Biosphärenparadies wirkt. „130 Vogelarten, 35 verschiedene Spezies Fledermäuse leben hier, 34 Fischarten tummeln sich in unserem Fluss“. Ein internationales Monotoring bestätigt der Farm regelmäßig ihre einzigartige biologische Vielfalt. 42 000 Bäume von geplanten 80 000 Bäumen für den 11 Kilometer langen Biokorridor wurden bereits inmitten der Bananenplantage gepflanzt, um der Monokultur entgegenzuwirken.

Saftige Blattpflanzen durchziehen die Kanäle.

Unkraut wird geschnitten. Es wurden noch nie Herbizide eingesetzt, um so das Bodenleben und den Boden selbst zu schützen. Die Kosten dafür betragen das Siebenfache gegenüber dem Herbizideinsatz. Allein dieser Verzicht kostet jährlich ca. 100 000 Dollar. Unterstützung findet Don Volker bei quirligen Gesellen, den Regenwürmern. Sie tummeln sich auf einer 240 qm umfassenden Zuchtfläche.Kein Tier wird getötet, wenn der Humus fertig ist.

Unter und neben den Bananenbäumen entwickelt sich ein Garten Eden.

Viele andere Farmen setzen Herbizide und Nematizide ein. Da wächst kein Blatt, kein Unkraut. Der Boden ist schutzlos. Nackt.

Ist die blaue Murmel jenseits von Volkers Insel zu retten? Volker fordert die Politik zum Handeln auf. „Warum gibt es keine Bodensteuer? Wer Land erwirbt, sollte nach 10 Jahren einen Nachweis über die Bodenqualität erbringen , falls sich die Bodenqualität nicht verbessert oder wie zumeist sogar verschlechtert hat, sollte es Strafmassnahmen geben.“

Die Platanera schreibt Autarkie groß. Die Mitarbeitenden bewirtschaften z. B. nachhaltig ein 40ha umfassendes Waldstück, das Holz liefert. In der Schreinerei des Betriebes fertigen sie Paletten gemäß allen technischen Auflagen selbst an. Die Wasserversorgung erfolgt über Regenauffangbecken. Solarpanelen liefern die Elektrizität und gackernde freilaufende Hühner Eier für die Cafeteria.

Weitere Herzstücke der autonomen Bananeninsel bilden ein betriebseigenes Forschungslabor sowie die Produktionsstätte für biologische Dünger und organische Schädlingsbekämpfungsmittel.

Seit 1998 ist Henry Lopez bei der Platanera angestellt. 18-jährig stapelte er anfangs Bananenkisten, später zog er mit der Machete durchs Gelände, lernte die unterschiedlichsten Abläufe aus eigener Arbeit kennen. Zum Laborleiter aufgestiegen legt er u.a. seit einem Jahr Pilze an, um dem schwarzen Rüsselkäfer auf der Plantage den Garaus zu machen. Andere Pilz- und Bakterienkulturexperimente zielen auf die Bodenverbesserung. Cocktails sind gesucht, um den 100-prozentigen Einsatz biologischer Düngung zu ermöglichen. Im Agrarexportland Costa Rica befassen sich ansonsten nur die staatliche Universität in San José und der nationale Bananenverband Corbana mit der Forschung nach Alternativen.

Henrys Berufsweg vom Lastenträger zum Laborleiter verdankt er dem Gespür seines Chefs, der den Fähigkeiten der Mitarbeitenden vertraut. Im November 2019 wird Henry nach Barcelona zum Weltkongress des Biodüngers reisen. Volkers Intuition und langjährige Erfahrungen in Costa Ricas Lebens- und Arbeitswelten helfen, Schlüsselstellen mit fähigen Mitarbeitenden zu besetzen. Parallel bieten sich berufsbegleitende Aus-, Fort-und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Arbeitskräfte. Gut zu wissen, dass im Bananensektor viele Menschen arbeiten, die eine eher geringe Vorbildung haben.

Es braucht Zutrauen und Geduld für kleine Schritte. Viele Mitarbeitende arbeiten bereits seit vielen Jahren auf der Platanera „mit ihren Freunden, auf einem sicheren Arbeitsplatz“, wie sie sagen.

Ähnlich denkt Mario, Mitarbeiter in der Biofabrik mit vergleichbarer Berufskarriere. Er taucht hinter großen Kanistern auf. Mit dem Fassungsvermögen von 180 000 Litern weist sich die Platanera Rio Sixaola als größte Biofabrik Costa Ricas aus. Zur Herstellung von Pflanzenschutzpräparaten und Düngemitteln nutzt man die Mikroorganismen der Finca selbst und erreicht über den Kreislauf große Wirksamkeit. Aufgefangenes Regenwasser wird mit den Mikroorganismen, Melasse und Gras angesetzt. Die regelmäßige Reinigung der Tanks ist aufwändig.

Die Mitarbeiter müssen ihren Betrieb selbst am Laufen halten, das sage ich ihnen immer wieder. Ich bin für die Vision und das Marketing zuständig “, verdeutlicht Volker als Anhänger flacher Hierarchien. „Seine Entscheidungen sind transparent, wir wissen, was passiert“, teilt uns der Verwalter Victor mit.

Ein Chef, der kein Auto braucht, ein Chef, der sich liebevoll um die Hühner und Katzen vor seinem Haus kümmert .

Was die Finka abwirft, wird zu großen Teilen in die Sache und die Menschen investiert, z. B. in eine umfassende Gesundheitsvorsorge. Nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit erhält der Mitarbeitende 1000 Dollar als Anerkennung.
Der Betrieb gewährt zinslose Kredite, um private Schuldenfallen aufzufangen. Freies Wlan steht zur Verfügung. Jeder darf das Auto benutzen. Wer Pausen braucht, kann sie sich nehmen. Am Ende sollten die Ergebnisse stimmen. Nur auch: Wer dreimal in einem Monat unentschuldigt fehlt, muss gehen.

Die privaten Lebensverhältnisse der Mitarbeitenden gestalten sich oftmals schwierig. Drogenkriminalität und instabile Famlienverhältnisse belasten.

Volker ist als Seelentröster, Ratgeber und Streitschlichter gefragt. Er lebt Respekt und Warmherzigkeit vor.

In der Platanera begrüßt man sich an jedem Morgen mit Handschlag am Eingangstor. Wer die Zustände auf anderen Plantagen kennt, weiß das umso mehr zu schätzen. Alle Mitarbeiter nennen sich beim Namen. Auch die Liebe zur Natur haben die Arbeitskräfte über die Jahre hinweg entwickelt. Heute filmen sie den Skorpion mit dem Handy, den sie vormals totschlugen.

Nachtrag: Montag, 7. Januar, um 5:00 Uhr Früh

Die neue Arbeitswoche beginnt wie immer mit einer Betriebsversammlung. Ein Mitarbeiter spricht ein kurzes Gebet auf eigenen Wunsch. Mario spielt mit der Gitarre ein Volkslied.

Alle klatschen im Rhythmus mit.

Auch die blaue Murmel erhält freundlichen Applaus, als wir uns kurz präsentieren und schildern, warum uns schon in aller Frühe die Banane umtreibt.

Die Versammlung schließt mit einer kurzen Ansprache- die Mitarbeitenden sollen verstehen, was es bedeutet, eine ausgezeichnete Banane zu bleiben.

Über dem Betrieb schweben ungezählte verdiente Zertifikate.

Im Wind flattert die Diversity- Flagge.

Zum Weiterlesen: 

Wie Ecuador die Banane vor dem Aussterben rettet
https://www.nzz.ch/wissenschaft/biologie/bananen-apokalypse-ld.1296036

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

2 Kommentare zu „Teil 2: Ausgezeichnete Bananen“

  1. Tolle Plantage. Wenn ich das nächste mal nach Norden komme, werde ich diese Bananen bei REWE suchen……Warum eigentlich der Norden????
    LG Ingrid

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s