Grüne Wunder, bittere Wahrheit

„Genieße das Paradies Costa Rica“ steht großflächig auf einem Plakat in der Hauptstadt. Es ist etwas dran am grünen Image der „Schweiz Mittelamerikas“ mit seinen knapp 4,9 Millionen Einwohnern auf einer Fläche so groß wie Bayern.

Seit den 80er Jahren hat das Land systematisch sein ökologisches Potenzial erkannt. Aktuell verfügt Costa Rica über 182 geschützte Gebiete. Dazu zählen 32 Nationalparks, 8 Bioreservate sowie zusätzlich 13 Waldgebiete unter besonderem Schutz. Fand bis Anfang der 80er Jahre die dramatische Entwaldung des tropischen Regenwaldes statt, schützt Costa Rica seit 40 Jahren seine Biosphäre, mittlerweile über 27 % der gesamten Landesfläche. Beeindruckt von der Biodiversität bestaunten 2017 rund 3 Millionen Touristen paradiesische Landschaften, Tier- und Pflanzenwelt.

In der Energie- und Umweltpolitik weist Costa Rica im internationalen Vergleich gleichfalls herausragende Entwicklungen auf. Frühzeitig (1992) wurde eine fortschrittliche Umweltgesetzgebung verabschiedet. Eine konsequente Wiederaufforstung fand großflächig statt. Wasserkraftanlagen und geothermische Anlagen wurden aufgebaut. Bis zum Jahr 2021 will das Land CO2 neutral sein. Bereits heute werden mehr als 80% des Energiebedarfs und sogar 99 % des benötigten Stroms aus erneuerbaren Energien, vor allem durch Wasserkraftwerke erzeugt.

Lokale Lösungen mit Solarzellen und Biogasanlagen werden beliebter, weil China den zentralamerikanischen Markt mit günstigen Produkten bedient. Als größtes Problem erweist sich weiterhin die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen im Bereich des Güter- und Personenverkehrs. Erste Experimente hin zur Elektromobilität stehen im Startloch.

Nach massivem Widerstand von Umweltgruppen verzichtet Costa Rica auf die Suche nach Erdöl und Erdgas. Auch die geplante Bauxitförderung konnte erfolgreich verhindert werden. Seit 2010 ist der Metallbergbau unter freiem Himmel verboten.

Bis 2021 will das Land frei von Einwegplastik sein. Öffentliche staatliche Einrichtungen gehen bereits voran.

Ökotouristische Angebote und zögerlich auch Anbauflächen für eine nachhaltige Landwirtschaft werden ausgeweitet.

Costa Rica – ein grüner Vorzeigestaat?

Bei genauer Recherche fallen tiefe Schatten auf das Land.

In San José treffen wir uns mit Jefferey Lopéz und Mariana Gutièrrez der Nichtregierungsorganisation Ditsö.

https://www.facebook.com/ditsoCR/

Mariana und Jeffrey berichten über ihre Lobby- und Bildungsarbeit des in Zentralamerika vernetzten Büros. Ditsö initiiert und begleitet Projekte der kommunalen Entwicklung, u.a. in den Schwerpunkten Umweltschutz, Partizipation, Frauen, Menschenrechte und Migration.

Ausweitung der Agrarexportwirtschaft

Seit im Jahre 2014 der CHIP-Hersteller Intel seine Produktion von Costa Rica nach Südostasien verlagerte, gingen nicht nur 1500 Arbeitsplätze verloren, sondern auch ein Fünftel der Deviseneinnahmen.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Anbaufläche für Ananas verdoppelt. Multinationale Unternehmen exportieren jährlich allein rund 180.000 Tonnen Ananas, zu einem großen Teil in die EU und insbesondere nach Deutschland.

https://netzfrauen.org/2016/08/19/ananas-suedfrucht-mit-schlimmen-nebenwirkungen/

https://www.youtube.com/watch?v=k7ZKcyGgffQ

Der Trend zur Agroindustrie ist ungebrochen. Insbesondere in die ärmeren Grenzgebieten zu Nicaragua und Panama sowie an die  Karibikküste drängen multinationale Agrarunternehmen wie Chiquita, Dole oder Del Monte.

Jefferey: „Entweder werden die Kleinbauern vertrieben. Oder sie müssen ihr Land verkaufen, weil sie verschuldet sind. Besonders durch das 2003 abgeschlossene Freihandelsabkommen mit den USA und Zentralamerika hat die Förderung der landwirtschaftlichen Exportwirtschaft durch Agrokonzerne einen Riesenschub bekommen. Subventionen für die kleinbäuerliche Nahrungsmittelproduktion wurden abgeschafft, Agrokonzerne mit Steuerbefreiungen und günstigen Rahmenbedingungen in das Land gelockt. In Folge roden die Konzerne, sie schaffen Platz für den großflächigen Anbau von Ananas, Bananen oder Palmöl.“

Ehemalige Kleinbauern arbeiten als Tagelöhner auf Agrarfarmen oder wandern in den Großraum San José ab. Zumeist sind auf den Feldern nicaraguanische Wanderarbeiter anzutreffen, die billiger und aufgrund ihres illegalen Status erpressbar sind.

Jefferey: „Die Ananas dient dem Staat als Devisenquelle und zugleich Drogenkartellen zur Geldwäsche. Auf dem Weg in die USA und Kanada verstecken Händler die Drogen in der Ananasfrucht.“

Wenn eine Ananas in Deutschland für weniger als 1,50 € verkauft werden, geht dies nur über skandalöse Arbeitsbedingungen. Die Zustände auf den Farmen sind oft „gruselig“, stellt eine Studie von Oxfam im Mai 2016 fest.

https://www.oxfam.de/ueber-uns/publikationen/suesse-fruechte-bittere-wahrheit

Aggressiver Pestizideinsatz

Bedrohlich gestaltet zudem sich der exzessive Einsatz von Chemikalien. Das in der EU verbotene Pestizid Glyphosat führt bei den Feldarbeiten unmittelbar zu Hautproblemen, Juckreiz, Kopfschmerzen und gravierenden Folgeerkrankungen. Frauen erkranken, weil sie die besprühte Kleidung waschen. Das Pestizid Bromacil verseucht langfristig das Grund- und Trinkwasser. Das braune Fell der Kongoaffen verfärbt sich sichtbar ins Gelbe, wenn die Tiere nahe den kontaminierten Plantagen sulfithaltige Blätter fressen. Costa Rica ist trauriger Spitzenreiter: Weltweit verglichen setzt das Land mit geschätzten 52 Kilo je Hektar die meisten Pestiziden ein.

Genmanipulation

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hielt die Gentechnik bei der Forschung und Züchtung neuer Obstsorten in Costa Rica Einzug. Del Monte sicherte sich 2011 das Patent für eine transgene Ananas in rosa Färbung.

Bananen- und Ananasrepublik Costa Rica?

Jeffery: „Bei der Ananasproduktion tritt eine besonders aggressive, blutsaugende Fliege „chupa sangre“ auf. Sie gefährdet den Viehbestand der Kleinbauern dramatisch. Zahlreiche Klagen der Viehzüchter liegen dem Ombudsmann des Parlaments vor. Wir haben Kenntnis, dass im Moment allein 200 Klagen nicht bearbeitet werden. Was ist der Grund dafür ist? Die großen Agrarkonzerne bilden einen Staat im Staate und verfügen über eine beträchtliche Lobby. Die Gesetzgebung weist Schlupflöcher auf. Genehmigungsbehörden verhalten sich oftmals korrupt und die Regierung zeigt keine erkennbare Distanz zu starken Lobbygruppen.“

Immerhin zeigen Proteste Wirkung. Nach zahlreichen Skandalen hat das Parlament 2017 eine Nachhaltigkeitsinitiative für die Ananasproduktion beschlossen.

Blauemurmel: „Wie kann der agroindustrielle Trend gestoppt werden?“

Mariana: „In den Landgemeinden braucht es Organisation. Im November hat Ditsö für Frauen im Norden Costa Ricas eine Tagung durchgeführt, um Frauen zur Partizipation ermutigen.“

Jefferey: Mittlerweile zeigt sich die Ananasproduktion leicht rückläufig. Die Ananas zieht weiter. Momentan scheinen Nicaragua, Honduras und Kolumbien lukrativer. Leider muss ich sagen, dass vieles von dem, was ich geschildert habe, fast analog für die Bananen- und Palmölproduktion gilt. Wir unterstützen als Organisation die Gewerkschaft der Landarbeiter_innen und machen skandalöse Arbeitsbedingungen und Verstöße gegen Normen des nationalen und internationalen Arbeitsrechts öffentlich.“

Die erfolgreiche Klage von 1.700 nicaraguanischen Bananenarbeitern gegen den Del Monte-Konzern im Jahre 2015 ermutigt. Der Konzern leistet jetzt Entschädigungszahlungen für die von Pestiziden provozierten Erkrankungen.

http://www.taz.de/!5024774/

Mariana:Paradoxerweise behindert das Corporate Social Responsibility, die soziale Unternehmensverantwortung manchmal eine Gegenwehr. Baut der Konzern eine Schule, sind die Landarbeiter_innen schnell zufrieden mit dem Tropfen auf dem heißen Stein und weniger bereit, sich für ihre Forderungen zu organisieren.

Jeffery: „Dank der NGOs und der Landarbeitergewerkschaften verzeichnen wir durchaus Erfolge, wie z. B. das Moratorium gegen gentechnikverändertes Saatgut und die Kennzeichnungspflicht für gentechnikveränderte Lebensmittel. Diese Verordnungen machen jedoch nur Sinn, wenn Gesetze eingehalten werden. Das Bewusstsein der Konsumenten für ökologisch hergestellte und fair gehandelte Produkte muss sich hier wie in Europa radikal verändern.“

Der tropische Fruchtcocktail brennt der blauen Murmel auf der Zunge.

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

3 Kommentare zu „Grüne Wunder, bittere Wahrheit“

  1. Hallo ihr Weltreisenden,
    zuallererst wünsche ich euch ein wunderbares Jahr 2019!
    Euren Beitrag zu Nicaragua musste ich zunächst verdauen, obwohl mich all das nicht mehr überrascht, aber dennoch traurig und wütend zugleich macht.
    Und nun Costa Rica….da fange ich an zu lesen und denke ’so viele gute Nachrichten auf einmal, wie wunderbar ist das denn?‘ Und schon kommt die Realität um die Ecke. Natürlich kann nicht alles so schön sein, wie wir es uns wünschen, die Macht der Mächtigen in Wirtschaft und Politik ist einfach zu groß.
    Aufgeben ist dennoch keine Alternative, mit vielen kleinen Schritten, Geduld und Realismus lässt sich doch ein bisschen was bewegen.
    In diesem Sinn habt weiter eine gute Reise, das eine oder andere Glückserlebnis, Gespräche mit interessanten, liebenswerten Menschen….
    Ich freue mich auf euren nächsten Bericht!
    Liebe Grüße
    Christel

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  2. Hallo Ihr beiden,
    sehr interessant Eure Berichte. Lena war 2013 in Costa Rica und bekam großen Ärger, weil sie keinen nur positiven, sondern einen kritischen Bericht zum Thema Ökologie in C.R. abgeliefert hatte.
    Wohin geht es als nächstes? Alles Gute und viele interessante Erfahrungen auf Eurer Reise weiterhin!
    Anna

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