Hello Muzungu, Muraho! Ca va?

3. April 2019
Frühmorgens landet der Airbus von RwandAir weich auf dem Internationalen Flughafen der Hauptstadt Kigali. Beim Ausstieg fällt uns der Slogan der Fluggesellschaft ins Auge. „Fly the Dream of Afrika.“ Ein freundlicher Beamte setzt uns bunte Visastempel in den Pass. Übernächtigt steigen wir in einen Kleinbus.
Die Fahrt führt vorbei an grünen Hügel, durchgehend breiten Fahrradwegen und Reisfeldern nach Rwamagana, eine Provinzhauptstadt mit 50.000 Einwohnern im Osten. Unterwegs und beim ersten Spaziergang treffen wir auf Menschen, die uns neugierig mustern, ein fröhliches Muraho! Hello! Bon Jour! oder Karibu! zuwerfen.

Kinder spielen oder tragen Lasten. Die Schulferien haben bereits begonnen. An Fahrradtaxis oder Motorrädern warten ihre großen Brüder auf die wenige Kundschaft.

Betriebsam geht es auf dem Markt wie beim örtlichen Handwerk zu. Schneiderinnen, Schuhmacher und Friseur_innen arbeiten vor den Lädchen bei geöffneten Türen. Flugs sind Ebis Sandalen repariert, die Jacke wird gekürzt.

Die Kommunikation erfolgt oft mit Händen und Füßen.
Wir sprechen weder Kinyarwanda noch Swahili.
Murakozedanke heißt die erste Vokabel, die wir üben.

Gespräche entspinnen sich, sobald wir uns auf Französisch oder Englisch begegnen können. Überraschend schnell wird der Genozid von den Ruander selbst angesprochen- die Sehnsucht nach „Nie Wieder“. Der Alltag, mit Tätern Tür an Tür zu wohnen. Und was die Menschen in „Rwanda nziza“, dem neuen Ruanda gegenwärtig bewegt.

Assumpta, Wissenschaftlerin  aus Kigali 
Die Biologin absolvierte in Belgien ein Masterstudium. Sie arbeitet in einem Forschungslabor der staatlichen Universität. Als Mutter von 4 Kindern teilt sie sich mit ihrem Mann die häuslichen Aufgaben und Pflichten.
„Früher war es undenkbar, dass Frauen studieren. Heute besetzen wir entscheidende Stellen, z. B. im Parlament und in öffentlichen Behörden. Wir brauchen Wissenschaft und Forschung, um das Land voranzubringen. Ich bin stolz, Ruanderin zu sein. Nach dem Genozid haben wir in den letzten 25 Jahren so viel im Land erreicht. Mein persönliches Ziel ist es, zu promovieren. Mein Forschungsgebiet sind die Pilze.

Amani, 26 Jahre, IT- Ingenieur und Kellner
Ich habe ein Studium abgeschlossen. Ohne Beziehungen ist es sehr schwer, eine gut bezahlte Arbeit z. B. in einer Regierungsbehörde oder der Privatwirtschaft zu finden. Einige Jahre habe ich in den Golfstaaten gearbeitet. Ich habe dort gut verdient. Aber die Araber haben uns schlecht behandelt. Viele haben sich den Schwarzafrikanern gegenüber rassistisch und ignorant verhalten. Jetzt bin ich froh, in einem Hotel einen Arbeitsplatz zu haben. Ja, ich bin Ingenieur und arbeite als Kellner. Ich verdiene deutlich weniger. Aber ich habe meinen Seelenfrieden. Rassismus ist für mich nicht aushaltbar. Mein Land hat dazu eine eigene Geschichte. Ich wuchs in Uganda auf. Ein großes Problem für Ruanda hat  aus meiner Sicht der Arbeitsmarkt. Junge Menschen haben sogar nach einem Studium Probleme, eine Arbeit zu finden.“

Gisele, 18 Jahre, Abiturientin
Sie hilft in dem kleinen Lebensmittelladen ihrer Eltern aus. Gisele wartet auf einen Studienplatz mit Schwerpunkt Maschinenbau. „Damit kann ich meinem Land helfen.“  In der Freizeit tanzt Gisele in einer Folkloregruppe.
Sie erinnert sich an Besucher aus Deutschland in Rwamagana und zwar aus der Partnerstadt Kaiserslautern.


Theofil, katholischer Priester
In diesem Jahr feiern wir das 100-jährige Jubiläum der Kirchengemeinde. Die Kirche wurde schon Anfang des 19.Jahrhunderts gebaut. Bei der Sanierung helfen die Gemeindemitglieder aktiv mit und sammeln Spenden. Der überwiegende Teil der Menschen hier ist katholisch. Aber es gibt es auch evangelische Christen, z. B. immer mehr Frei- und Pfingstkirchen sowie die muslimische Gemeinde. Zwischen den Religionsgemeinschaften herrscht Friede und wechselseitiger Respekt.

Die größte Herausforderung? Das ist für mich als Pastor der Versöhnungsprozess nach dem Genozid 1994. Immer noch werden Täter aus den Gefängnissen entlassen. Die Kirche bietet jede Woche Gespräche an, damit sich die Menschen versöhnen. Die Menschen leben Tür and Tür. Viele sind traumatisiert. Das Wichtigste ist, dass die Opfer vergeben und die Täter Reue zeigen. Aber dies ist nicht einfach, I forgive you zu sagen.“

Diana, 24 Jahre, Hotelservicekraft
Ich möchte Politik studieren, weil mich die Geschichte besonders interessiert. Nie mehr sollen wir uns auseinander dividieren lassen in Batutsi und Bahuto. Wir alle sind Ruander. Mein Wunsch? Ich möchte genügend Geld zu sparen, damit ich studieren kann. Außerdem möchte ich dazu beitragen, dass alle Kinder in Ruanda zur Schule gehen können.“

 

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

3 Kommentare zu „Hello Muzungu, Muraho! Ca va?“

  1. Danke liebe Isipot, lieber Ebi für die Einblicke in das Leben der Menschen in Ruanda heute. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit des Genozids und unsere Fassungslosigkeit angesichts der Tragweite der Kolonialgeschichte.
    Ohne Kenntnis wie eure Reise im Lande verläuft, wurde ich gerade auf ein landwirtschaftliches Projekt aufmerksam. Der Familiengarten von Ubumwe, Nyamabuya District. Soviel ich weiß ist dies einer der 10.000 Gärten der gemeinnützigen Stiftung Slowfood.
    In Tansania heißt er Gemeinschaftsgarten Ngurdoto Kiboko in Arusha. Wir beziehen immer wal wieder Produkte von einem italienischen Weingut und Bio- Bauernhof die auch von dort ihre Produkte bekommen und den fairen Handel fördern.
    Vielleicht liegt ja einer dieser Gärten zufällig auf eurem Weg.
    Kwaheri und ich freue mich weiter mit euch in Afrika reisen zu dürfen.
    Herzliche Grüße von Mzungu Ingrid

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  2. War es auch euer Plan zum 25. Jahrestag des Genozids in Ruanda zu sein oder hat es sich so ergeben. Jedenfalls ist der Jahrestag und das Motto „Kwibuka“ auch hier in den Medien.
    Nochmals liebe Grüße, Ingrid

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