Der Spielzeugmacher aus Tanger

Mein Wunsch? Ein Visum. Mit einem Koffer möchte ich durch Europa reisen. Meine Produkte packe ich ein, um Käufer zu werben. Später könnte ich die Ware vom Senegal aus exportieren“, erklärt Modou. Weggehen, um anzukommen, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Seine Empörung über das verwehrte Recht auf Freizügigkeit schwingt mit. „Niemand verlässt die Heimat freiwillig für immer. Ich kehre gern in den Senegal zurück.“

Vor 5 Jahren machte sich der Tischler auf den Weg. Denn von der Weltwirtschaftskrise 2009 hat sich der westafrikanische Staat bis heute nicht erholt. Überteuerte Energie- und Lebensmittelpreise sowie hohe Zinsen schränkten Modous Erwerbsmöglichkeiten ein. Ein beschwerlicher Weg liegt hinter ihm.

Über Mauretanien erreichte Modou Marokko, nicht aber die Europäische Union. Dank seiner handwerklichen Fähigkeiten kann er mittlerweile das Einkommen für seine Frau und das Baby Mariam sichern. Eine kleine Wohnung ist angemietet. Gleichzeitig unterstützt er die Familie im Senegal, soweit es geht.

Bunt lackiertes Holzspielzeug und didaktisches Material stapeln sich im Regal der Werkstatt. Auch ein Flyer präsentiert die Angebotspalette.

Für eine Ladenmiete in der nordmarokkanischen Stadt Tanger fehlt das Geld. Der glückliche Umstand dennoch: Eine katholische Gemeinde stellt Modou die geräumige Werkstatt zur Verfügung.

Die christlichen Kirchen, das Rote Kreuz und die Caritas leisten Ersthilfe und Begleitung für zahlreiche Migrant_innen, die in Tanger ankommen. Den Wenigsten gelingt die direkte Weiterreise in die EU. Der Seeweg über den Atlantik erweist sich als gefährlich und kostspielig. Der selbstorganisierte Massenansturm auf die Zäune von Ceuta und Meilla misslingt mehrheitlich. Aus dem Transit- wird ein Ankunftsland.

Modou, Frau und Kind haben mittlerweile eine Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Konflikte mit der Ausländerpolizei bestehen weiter. „Immer wieder hält die Polizei mich auf. Ich muss auf die Wache, um zu beweisen, dass ich der Mensch auf dem Ausweisdokument bin. Das bedeutet Stress. Nicht alle Polizisten verhalten sich korrekt.


Gegründet wurde eine Selbsthilfeorganisation der Menschen aus dem Senegal, in der sich Modou engagiert. Er berät Neuankommende und sammelt Geld.

Wer keine Wohnung hat, kann keinen Aufenthaltstitel beantragen. Aber eine Aufenthaltserlaubnis erhält nur, wer eine eigene Wohnung hat. Wir wollen eine Wohnung für Neuankommende mieten, sodass sie eine Adresse haben. Leider ist das sehr teuer. 3 Monatsmieten sind im Voraus zu bezahlen“, erläutert Modou das Köpenickprinzip.

Erfahrungen gibt Modou weiter.  „Als die Kirche zweimal in der Woche Spanischunterricht anbot, und zwar gebührenfrei, habe ich die Chance sofort wahrgenommen“, ergänzt er in fließendem Spanisch, eine lingua franca im ehemaligen Protektorat Spaniens, wichtig wie das Französische auch. „Ich helfe bei Übersetzungen, spreche außerdem Woloof, Französisch und Arabisch.“

Gleichfalls im interreligiösen Dialog wirkt  Modou als Brückenbauer. „Es gibt nur einen Gott, wenn auch unterschiedliche Propheten. Sufis haben keine Probleme, gemeinsam mit Christen in der Kathedrale zu beten.“

Kaum sind die Worte gefallen, klopft es an der Werkstatttür. Eine Mitarbeiterin der katholischen Gemeinde überreicht Modou ein Einladungsschreiben. „Sei am Samstag um 7:00 Uhr pünktlich am Bus.“ Modou freut sich auf den Besuch von Papst Franziskus am 30. März 2019 in der Hauptstadt Rabat, 200 km von Tanger entfernt. Wird der Papst sich verstärkt für die Migrant_innen in Marokko einsetzen?


Unlängst überreichte der Bischof dem Papst bereits ein von Modou gefertigtes Schiff.

Fröhlich und beschenkt verlassen wir die  Werkstatt, nicht ohne die Emailadressen zu tauschen, um in Kontakt zu bleiben, im gegenseitigen Austausch Kraft zu tanken, wir für
unser Engagement  in der Flüchtlingsinitiative Kulturbuntes Bodenheim.
www.kulturbuntes-bodenheim.de.

Für mich ist es so wichtig zu erleben, dass sich Menschen in Europa für Geflüchtete einsetzen“ , gibt uns Modou zum Abschied mit auf den Weg.

 

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

Ein Gedanke zu „Der Spielzeugmacher aus Tanger“

  1. Welch ein sympathischer und kreativer Typ. Wie habt ihr euch gefunden?
    Tatsächlich ist euch doch der Papst nachgereist…..
    Liebe Grüße an die Wanderer zwischen den Welten, Ingrid

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