Kivu-See mit Wanderschuh

Entlang des Kivu-Sees im Westen Ruandas verläuft über 227 km ein gut ausgebauter und landschaftlich beeindruckender Wander- und Radweg, der Kongo- Nil- Trail. Wanderer benötigen  mindestens 10 Tage von Nord nach Süd. Flexible Aus- und Einstiege sind jederzeit möglich. Herbergen bieten unterwegs Übernachtungsmöglichkeiten an.

Kurz vor unserer Abreise aus Ruanda bleibt uns Zeit für eine Tageswanderung. Wir starten am Nordostufer in Gisenyi.

Der Kivu-See, fünfmal größer als der Bodensee breitet sich wie ein glitzernder Ozean vor uns aus.

Die Idylle mag trügen. Aufgrund seines hohen Methan- und Kohlendioxidgehaltes gilt der See als hochexplosiv. Um dem gefährlichen Austritt der Gase während eines Erdbebens oder Vulkanausbruchs zuvorzukommen, schöpft das Land mittlerweile Methan ab, um es in elektrische Energie umzuwandeln.
Vision 2020– landesweit ist die Stromversorgung zu sichern. Erste Gasplattformen sind bereits in Betrieb, weitere geplant. Ruanda betritt mit dem weltweit einmaligen Projekt technologisches und wissenschaftliches Neuland. Einher geht die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das Gas bietet zudem eine Alternative zur waldzerstörerischen Holzkohle, die aus ökonomischen Gründen wie aus Gewohnheit in den Haushalten allzuoft zum Einsatz kommt.

Am Seeufer herrscht am 16. April reges Markttreiben.

Fährschiffe aus dem Nachbarstaat Kongo haben angelegt. Bauern bieten ihre Überschussprodukte an. Kleider können erworben, Schuhe repariert, Handys aufgeladen und kleine Tauschgeschäfte abgeschlossen werden. Textilien, Schuhe und Sprit seien im Kongo günstiger, hören wir. Die Ware liegt in kleinen Buden, zumeist aber auf dem Boden aus.

Der achtzehnjährige Felix schließt sich uns an. Er besucht eine Fachschule für Wirtschaft und möchte mit uns seine bereits guten Englischkenntnisse verbessern. Er habe schulfrei. Seine Mutter sei an Krebs gestorben. Von daher kümmere sich die 94-jährige Großmutter um die kleinen Geschwister.
Wie viele Großmütter Afrikas erziehen die  übernächste Generation.. Hoffentlich lernen wir Felix´ Großmutter persönlich kennen.
Felix übt mit uns Kinayruanda, zugleich erfahren wir, was Menschen in Gisenyi nahe der Grenze zum Kongo bewegt, z. B. der Zuzug der Geflüchteten aus Kongo und Burundi, landesweit ca. 100.000. Sie haben Zugang zum Arbeitsmarkt und erhalten eine medizinische Grundversorgung. Zugleich befürchten manche Ruander  Konkurrenz um  die Erwerbsmöglichkeiten. „Hört ihr, die Frauen dort drüben sprechen das Swahili aus dem Kongo, die Grenze ist offen. Viele kommen tagsüber, um Handel zu treiben.“

Ruanda ist ein durch Landwirtschaft geprägtes Land. 75 % der Menschen leben von der Subsistenzwirtschaft. Im Durchschnitt können sie weniger als 1 Hektar Land bearbeiten. Terrassierte grüne Hänge und stark parzellierte Anbauflächen fallen auf. Die Menschen nutzen einfachste Werkzeuge. Auch arbeiten sie teils mit bloßen Händen in stark gebeugter Haltung. Für den Ausbau der Tierzucht fehlt ausreichendes Terrain im Ruanda mit 13 Millionen Einwohner_innen.

Zwar fällt im Nordwesten Ruandas ausreichend Regen. Nahe der Vulkanregion sind die Böden fruchtbar, dennoch durch die dichte Besiedlung sehr knapp bemessen. Die Menschen nutzen jeden Quadratmeter zum Anbau von Mais, Bohnen, Kartoffeln, Tomaten, Karotten, Grünkohl, Weißkohl, Zwiebeln, Kaffee oder Kassawa. Wichtiges Anbauprodukt für den inländischen Konsum sind Bananen, die uns auf überladenen Fahrrädern entgegenrollen.

Neben dem Einsatz von Motorradtaxis, seltenen Kleinlastern und gehäuft Fahrrädern transportieren die Menschen vieles auf dem Kopf: Wasserkanister, Nähmaschinen, Baumaterialien, Brennholz, Tierfutter, kiloweise Früchte.

Viele Kinder Ruandas arbeiten hart, sie schleppen und hacken, mal mit und mal ohne Flipflops an den Füßen. Wenn nach Ostern die Schule beginnt, mag sich das Straßenbild ändern. Trotz allem ökonomischen Aufwind Ruandas mit 7 Prozent Wachstum, einer Krankenversicherung für alle und
Sozialprogrammen- die Armutsbekämpfung hat einen langen – weiteren- Weg vor sich. Noch beträgt die Kindersterblichkeit  37  von 1000 (2017) in den ersten 5 Lebensjahren. Sie hat sich in den letzten 10 Jahren immerhin halbiert!  Die dramatische Quote der HIV- Infizierten von 10 Prozent (2004)  der Bevölkerung  als Spätfolge der Vergewaltigungen während des Genozids sank aufgrund intensiver Aufklärungs- und Beratungsangebote und medizinischer Maßnahmen auf 2,9 Prozent (2018).

Unterwegs winken uns überall Menschen freundlich zu. Begrüßungsformeln auf Kinyaruanda helfen bei der Kontaktaufnahme. Insbesondere die Kinder sind neugierig auf die „Mzungus“ und umschwirren uns kichernd. Den bescheidenen Lebensverhältnissen zum Trotz wird viel gelacht.

Der Weg führt an einer Landwirtschaftsschule vorbei. Während der Ferien kann uns der Lehrer nur die Räumlichkeiten zeigen. „Die rund 60 Schüler kommen aus der Region. Wer lesen und schreiben kann, darf die Schule besuchen. Die Ausbildung dauert sechs Monate. Wir fördern Kenntnisse im Bereich der Landwirtschaft. Alle suchen Arbeit. Unsere Schüler sollen in der Lage sein, einen eigenen Betrieb zu eröffnen, z. B. Hühner zu züchten.“ Gelegentlich erhält die Schule finanzielle Unterstützung durch eine belgische Nichtregierungsorganisation. 4 Computer stehen im Klassenraum, der ansonsten schlicht mit einer Tafel und Stühlen ausgestattet  ist. Angrenzend befinden sich ein sorgfältig gepflegter Nutzgarten und kleine Ställe.
In Holzbooten entdecken wir Fischer mit einfachsten Angeln und Netzen.

Wichtige Abnehmer sind die Hotels und Restaurants, die wie Pilze aus dem Boden sprießen und zugleich in mühsamer Arbeit errichtet werden. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die monoton Steine zerklopfen, um Baumaterialien zu produzieren.

Ruanda setzt auf Tourismus, um sich neben den Nachbarstaaten Uganda und Tansania zu positionieren. Ob diese ehrgeizige Strategie angesichts der begrenzten Fläche und Naturparks mittelfristig aufgeht?

Von den wunderschönen Landschaften, den freundlichen Menschen, den hervorragenden Sänger_innen und einem spannenden Entwicklungsmodell konnten wir uns überzeugen. Ausländische Tourist_innen fühlen sich vollkommen sicher im Land.
Gerne kommen wir wieder- auch um außerhalb der großen Regenzeit den Kongo-Nil- Trail zu erwandern.
Gerade braut sich das alltägliche Nachmittagsgewitter zusammen. Das Tablet schalten wir aus und flüchten in unser bislang regensicheres Zelt. Murabeho! 

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

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