Engagierte Schwestern

Eine Messerklinge blitzt in der blendend grellen Morgensonne auf. Die khakifarbene Kleidung entpuppt sich auf den zweiten Blick als Ordenstracht. Sister Anastasi kommt uns am Hang oberhalb des Kivusees entgegen. „Makoro“ winkt sie uns freundlich zu und wedelt mit einem Grasbüschel. Auf dem Rückweg von der Feldarbeit nimmt sie sich Zeit für uns Muzungus.

Vögel zwitschern, aus dem Tal dringt vielstimmige Chormusik aus einer Gedenkmesse unter freiem Himmel. Kinder huschen kichernd vorbei. Nahtlos schmiegen sich die Hügel des Kongo an Ruanda an. Unglaublich, dass die friedvolle Landschaft vor Kurzem noch Schauplatz eines Völkermordes und der Kongokriege war.

Sister Anastasi gehört dem belgischen Frauenorden Ste Marie an, der seit 1959 in Ruanda tätig ist. In Karongi leben derzeit 7 Ordensschwestern. Sie unterhalten ein Internat mit 400 Sekundarschülerinnen und eine kleine Gesundheitsstation. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Sozialarbeit für Arme und die Begleitung der Genozidopfer.

Schnell kommt Anastasi auf ihre Reise nach Rheinland-Pfalz zu sprechen. Das Bistums lud sie 2004 ein. „Für mich war es eine wunderbare Erfahrung mit wunderbaren Menschen.“ Insbesondere blieb der Aufenthalt in der Hasslocher Gastfamilie haften. So pflegt sie eine intensive Freundschaft mit evangelischen Christen, die das caritative Engagement des Ordens unterstützen.

Anastasi ist Opfer des Genozides, der nahe des Kivu-See besonders heftig wütete. Innerhalb von 3 Monaten wurden 1994 ca. 90 % der in der Region lebenden 200.000 Tutsi ermordet. „Ich habe alle meine 12 Geschwister verloren. Ich habe noch ganz tief in meinem Herzen Hass, aber ich lasse ihn nicht zu. Zu vergeben und alles dafür zu tun, dass es sich nicht wiederholt, sehe ich als meine Aufgabe. Wäre ich nicht damals bereits Ordensschwester gewesen, hätte mich nichts zum Beitritt einer christlichen Organisation bewogen“, verweist sie auf die unrühmliche Rolle der Kirchen während des Völkermordes.

Für ist mich ist das Versagen der Kirchen ein äußerst schmerzhaftes Kapitel. Pastoren unterstützten den Völkermord aktiv. Hier in Karongi gab es einen Pfarrer der 7-Tage-Adventisten. Später wurde er vor dem Völkermordtribunal in Arusha (Tansania) zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es gab  Geistliche und Hutu, die sich hinter die  Verfolgten gestellt haben und ebenfalls umgebracht wurden.“

Für alle Glaubensgemeinschaften sei die Versöhnung in Ruanda eine zentrale Aufgabe. „Sehen Sie sich um. Wir sind ein ganz kleines, sehr dicht bevölkertes Land. Jeder kennt hier jeden. Wir brauchen die Versöhnung, weil die Menschen Tür an Tür leben.“

Ich freue mich, dass Sie nach Ruanda gekommen sind und an den Gedenkfeierlichkeiten zum Genozid teilnehmen. Es ist wichtig zu sehen, was hier vor 25 Jahren passiert ist. Verstehen kann man es nicht. Auch mir fällt es bis heute schwer zu verstehen, was damals geschah. Wir haben zuvor mit den Mördern eng zusammengelebt und aus dem gleichen Brunnen das Wasser geschöpft. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich wieder Messer in Menschenhand sehen konnte, ohne mich bedroht zu fühlen. Die Zeit heilt Wunden. Und mein Engagement für die Armen hilft mir zu leben.“

Anastasi verweist auf die nahegelegene Memorialgedenkstätte der katholischen Kirche St. Jean, in der viele Tutsi umgebracht wurden. Die Gebeine der Ermordeten werden öffentlich ausgestellt. Die zentrale Inschrift der Gedenkstätte lautet „Never again“.


Beim Besuch der Kirche stoßen wir auf eine Chorprobe. Der Gesang berührt uns an diesem historischen Ort tief.

Zudem treffen wir vor der Kirche auf einen großen Trauergedenkmarsch.

Anastasi lädt uns mit einem herzlichen Lachen zum Besuch ihres Ordens ein. „Sie werden sich wundern. Wir betreiben ein kleines Hotel und ein Restaurant. Karibu- Sie sind herzlich willkommen“.

So empfängt uns am Tag darauf Sister Josephine, die mehr als 15 Jahre in Armenvierteln Brasiliens arbeitete. Spontan erzählt Josephine, dass auch ihre Familie im Genozid getötet wurde. „Nur meine kleine Schwester überlebte, weil man sie unter den Leichenbergen für tot hielt. Sie ist für mich ein Gottesgeschenk.

Bei einem Rundgang zeigen uns Josephine und Anastasi die Örtlichkeiten: Die Schule, das Wohnheim, eine Sportanlage, das Hotel mit 5 Gästezimmern, einen großen Nutzgarten, einen kleinen Stall. „Für uns ist wichtig, dass die Schülerinnen selbst  Hand anlegen. Ihre Eltern leben zumeist auch von der Landwirtschaft. Zudem sind kulturelle Angebote und Sport wichtig. Der Staat stellt die Lehrkräfte und das Curriculum. Bei den landesweiten zentralen Abschlussprüfungen schneiden wir gut ab. Übrigens, die Mädchen stammen aus allen Glaubensgemeinschaften. Wir sind für alle da.“

Die Zukunft? Für Josephine „ist wichtig, dass unser Hotel mit Restaurant wächst. Die Einnahmen benötigen wir für unsere soziale Arbeit.“ Und Anastasi, bald Ruheständlerin wünscht „ein Kloster für ältere Schwestern, die alt und pflegebedürftig sind.“

Die Frauen haben wir ins Herz geschlossen. Beim Abschied weiht uns Anastasi augenzwinkernd in ein kleines Geheimnis ein. „Wir haben ein männliches Wesen in der Ordensgemeinschaft. Einen Kater.“ „Kommt wieder“, ruft sie uns zu.

Weiterlesen?
Zur Rolle der Kirchen im Genozid und im Versöhnungsprozess

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32341/serie-mission-ist-das-christentum-ruanda-gescheitert  
(aufgerufen am 14.04.2019)

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2004/mein-freund-der-moerder-569 (aufgerufen am 14.04.2019)

https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32182/empathie-und-vergebung-lernen-ruanda-den-moerdern-die-hand-geben
(aufgerufen am 14.04.2019)

http://www.accueilstemariekarongi.jimdo.com

 

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

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