Auf den Inseln, in den Bergen

Die blaue Murmel rollt am 11. Januar südöstlich gen Panama, zufällig am Nationalfeiertag. Er erinnert an „Märtyrer_innen“. 1964 wurden 27 Menschen bei einer Demonstration von US- Soldaten erschossen, mehrere Hundert verletzt. Sie protestierten gegen die Besetzung der Kanalzone durch die USA.

Im Grenzgebiet überwiegen weite Bananenfelder mit künstlichen Siedlungen. Chiquitas Bananenrepublik baut für die Angestellten unmittelbar am Feldrand Unterkünfte. Noch befinden uns wir in Costa Rica.

In der Warteschlange für den Ausreisestempel lernen wir Mutter und Tochter aus Mendoza kennen.

Kurzweilig katapultieren sie uns nach Argentinien, wir spitzen die Ohren. Frauenmorde gehören ebenfalls am südlichsten Zipfel Lateinamerikas zur traurigen Wahrheit. In ihrem Land leisten die beiden Kinder- und Jugendpsychologinnen Präventionsarbeit und Traumabewältigung.

Über den breiten Grenzfluss führt eine Fußgängerbrücke. Junge Männer verladen das Gepäck der Reisenden auf Handkarren. Wir stapfen neugierig los.

Auf dem Zickzackweg im Niemandsland verlaufen wir uns. Schwer bewaffnete Grenzpolizisten weisen uns den Weg. Geduldig reihen wir uns zur Passkontrolle vor Panama ein. Das Gebäude ähnelt einem öden Bahnhof. Nach 2 Stunden geduldigen Wartens fragen wir uns, ob Tourismus erwünscht ist. Wir lieben offene Grenzen. Am einzigen Schalter misst der Beamte uns biometrisch Gesicht und Fingerabdrücke. Er kommandiert hinter der Glasscheibe in undeutlichem Englisch „face“, „thumb“.

Am Nachmittag erreichen wir den Hafen Altamirante an der Karibikküste. Mit einem Wassertaxi setzen wir zur Inselgruppe Bocas del Toro über. Konzentriert umklammern wir unser Hab und Gut, während das kleine Boot gegen die Wellen schlägt und die Rucksäcke mit Gischt pökelt.

Hektische Bootsleute verfrachten uns in Colon angekommen gleich in eine weitere Nussschale.

Die Nachbarinsel Bastimento wählten wir zum Domizil. Sie ist ausschließlich zu Fuß begehbar. Unser Hostal trägt den verführerischen Namen „Dreamcatcher“. Ein junges Pärchen aus El Salvador betreibt das Hotelito mit vegetarischem Restaurant. Der Kontinent rückt zusammen- unterwegs lernen wir überall Lateinamerikaner_innen kennen.

Bastimento ist durch die afrokaribische Kultur geprägt. Die Menschen verständigen sich in einem Gemisch aus patois, englisch, französisch und spanisch. Ihre Vorfahren litten als westafrikanische Sklaven. Zuletzt wurden für den Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert und den Kanalbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen aus Jamaica „angeworben“, um unter sklavenähnlichen Bedingungen Meisterwerke der Ingenieurkunst zu errichten.

Der geschützte Naturpark Bastimento besteht aus undurchdringlichem Dschungel. Die wenigen Strände sind mit einer Ausnahme nur per Wassertaxis erreichbar. 3 Dollar kostet ein Katzensprung.

Das Dorf ist schnell erkundet.

Wanderlustig kämpfen wir uns durch rutschige Dschungelpfützen. Hätte es im Dezember ausreichend geregnet, wäre der Trampelpfad nicht begehbar.

Am Ende des schweißtreibenden Fußmarsches belohnt uns ein Traumstrand, der viele Reiseführer zu Panama schmückt.

Ein freundlicher Polizist bewacht die wenigen Besuchet_innen. „In den letzten Jahren hat der Tourismus sehr stark zugenommen. Leider gab es Vorfälle, die nicht schön waren. Darum sind wir jetzt präsent. Die Gäste sollen sich sicher fühlen.“

Obwohl es in jeder Nacht wolkenbruchartig auf unser Wellblechdach schüttet, beunruhigt der Wassermangel die Anwohnenden. „Es hat in den letzten Monaten zu wenig geregnet. Unsere Tankreserven reichen nicht für die wachsenden Besucherzahlen auf der Insel,“ erfahren wir im Infocenter.

Mit dem Ausfall der Dusche arrangieren wir uns. Übel stößt uns die Vermüllung auf. Gerne hätten wir „ El Presidente“ der Insel befragt, leider ist er nicht auffindbar. Der Gemeindearbeiter, der täglich Plastikmüll, Aludosen und Flaschen am Uferweg beseitigt, schimpft: „Unsere Leute kooperieren nicht und werfen alles einfach weg. Seitdem ich diesen Job mache, ist es noch schlimmer. Vielleicht liegt es auch daran, dass mehr Touristen kommen.“ Innerhalb der letzten 5 Jahre sind die Touristenzahlen um 40 Prozent gestiegen.

Am dritten Tag ziehen wir auf die deutlich größere Nachbarinsel Colon um. Kolumbus legte schon auf seiner letzten Reise im Jahr 1502 an. Bonbonfarbene Häuser auf Stelzen sowie Calypso- und Salsa-Musik heißen uns willkommen. Touranbieter werben für Bootsausflüge zu touristischen Highlights. Surfen, Tauchen, Schnorcheln, mit Delfinen schwimmen, Seesterne bestaunen- natürlich alles zum „Good price for you amigo“. Rucksackreisende ziehen mit ihren Surfbrettern durch das bunte Menschengewimmel. Business everywhere. Unser Abendessen im israelischen Restaurant fällt aus, weil es am Sabbat geschlossen hat.

Indigene Frauen der Ngöbe- Ethnie geben sich im Straßenbild in farbenfrohen, knöchellangen bestickten Kleidern zu erkennen. Sie leben zurückgezogen im Inneren der Insel in ihrer Comarca, d.h. einem halbautonomen Territorium. Im Regenwald betreiben sie kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft. Transferleistungen des Staates ergänzen das Einkommen. Exkursionen von Touristen_innen zu ihnen seien unerwünscht.

Unzählige Supermärkte versorgen die Inselbevölkerung. Der Lebensmittelhandel befindet sich zu 90 Prozent in chinesischer Hand. 10-jährige Kinder blicken an der Kasse müde vom elektronischen Spielzeug auf, um unseren Einkauf an Joghurt und das Trinkwasserfässchen abzurechnen. An sieben Tagen in der Woche haben die Inhaber bis in die späten Abendstunden ihre Läden geöffnet.

Kind und Kegel wohnen dem Anschein nach neben den Warenregalen. Der Anteil der chinesischen Bevölkerung wird auf rund 4 Prozent unter den 4 Millionen Panamaer_innen geschätzt. Ihr Einfluss könnte zunehmen. Seit im Jahre 2000 Panama die volle Souveränität über die Kanalzone inne hat, tritt in den letzten Jahren China verstärkt als Investor und Kreditgeber für Großprojekte auf. Private chinesische Unternehmen kofinanzieren Wasserkraftwerke, Autobahnen, Eisenbahnlinien und Bergbauprojekte. Am 17. Januar 2019 titelt eine regionale Tageszeitung „Wir wollen weder eine Kolonie der USA noch von China sein.“

Wie bei den Afrokariben ist die Migrationsgeschichte der Chinesen_innen eng mit dem Bau der Eisenbahn und des Kanals verbunden. Sie wurden gleichfalls faktisch versklavt, um die körperliche Schwerstarbeit für die kolonialen Investoren und Herrscher des Landes zu verrichten. Verzweifelt nahmen sich viele Chinesen während der Baumaßnahmen das Leben. Dass sie sich heute für die Gesellschaft Panamas wenig öffnen und eher in ihrer Community verharren, hören wir häufiger von unseren Gesprächspartner_innen. Stimmt das?

Abseits der touristischen Flanierweile wirkt die Inselwelt ärmlich.

Menschen wohnen hinter Brettern, überall liegt achtlos Müll herum.

Endlich können wir radfahren.

Vorbei an Karibikstränden führt eine asphaltierte Straße 17 km quer durch Regenwald. Schnell träumen wir aus. Herumwirbelnder Plastikmüll und Abwasserrohre münden ins Meer.

In Strandnähe bauten Gutbetuchte Privathäuser, Restaurants und Hotels.

Unterwegs kommen wir mit Ingenieur Daniel und seiner Familie ins Gespräch. Vor seiner Rente arbeitete er im größten Wasserkraftwerk des Landes La Fortuna. „Panama hat in den letzten Jahren viel in erneuerbare Energien mit ausländischem Kapital investiert. Die Entwicklung hinkt jedoch im Vergleich zum Nachbarland Costa Rica nach.“

Nach sechs Tagen führt uns ein Wassertaxi aufs Festland zurück. Der Bus quert das Hochgebirge mit Blick auf den Vulkan Barú in 3477 Metern, höchster Berg des Landes. Die Wasserscheide zwischen Pazifischem und Atlantischem Ozean kennzeichnet eine Tafel.

Staunend genießen wir die dichten Wälder im Gebirge. In Boquete, auf 1.200 Metern Höhe in Panamas größtem Kaffeeanbaugebiet mieten wir ein Zimmer. Wir suchen Ruhe und wandern.

Der großen Kaffee- und Blumenmesse mit musikalischen Begleitprogramm gehen wir aus dem Weg.

Im Städtchen treffen wir auf unerwarteten Luxus. Der Lebensstandard scheint mit us-amerikanischen bzw. mitteleuropäischen Maßstäben vergleichbar.

Reiche Rentner aus Nordamerika und Europa lassen sich im milden Klima nieder. Die Infrastruktur, Verkehrsanbindungen, der Golfplatz und eine hochpreisige Gastronomie entsprechen.

Der ökologische Supermarkt deckt alle Wünsche für zugereiste Dauergäste ab, vorausgesetzt sie sind bereit, die hohen Preise zu bezahlen. Beeindruckend ausgestattet ist die öffentlich zugängliche Bibliothek in Hand einer privaten Stiftung.

Panama zieht, im Steuerparadies lässt sich Geld am heimischen Fiskus vorbei anlegen. Zudem sind die Investitionsbedingungen unbürokratisch, steuerfrei und daher günstig.

Bewohner_innen Boquetes, die nicht vom Kuchen profitieren, bilanzieren: „Das Leben hat sich durch die zahlungskräftigen Tourist_innen und „Residentes“ extrem verteuert. Mein Mann bewirtschaftet als kleiner Kaffeebauer 2 ha. Wir kommen kaum über die Runden.“

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

Ein Gedanke zu „Auf den Inseln, in den Bergen“

  1. Hallo ihr Zwei,
    jetzt habe ich mich ein paar Wochen nicht gemeldet, deswegen:
    Zunächst wünsche ich euch ein richtig gutes Jahr 2019!
    Und: Nach wie vor lese ich eure Berichte mit großem Interesse, sie sind eben sehr informativ, die Fotos machen alles anschaulich, es gibt durchaus den einen oder anderen Moment, der Sehnsucht nach LA in mir auslöst. Mit dem Blog kann ich zumindest ein wenig ‚teilhaben‘.
    Macht es weiter gut, liebe Grüße
    Christel

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