In Arbeit – 22 Porträts

Seit mehr als 25 Jahren erhält der Buchhalter Pedro Kettenverträge. Sein Betrieb produziert seismische Alarmanlagen. Der 11- Stunden Tag erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Pedro möchte aus der stressigen Routine ausbrechen und weiß „Wenn ich dies tue, gibt es Dutzende, die auf meinen Job warten“. Mit seiner Frau diskutiert er über einen Rollentausch, sobald sie ihr Studium abgeschlossen hat. Die Kinder sind mittlerweile 10 und 12 Jahre alt. Aufgrund der realen und gefühlten Gefährdungen werden sie von den Eltern intensiv begleitet. Der Verkehrskollaps in der Hauptstadt ist der Zeitfresser Nummer 1.

Elisa arbeitet als Angestellte für TIC, eine Telefongesellschaft. 18 indigene, von der digitalen Infrastruktur abgeschnittene kleine Gemeinden zwischen 200 und 300 Einwohnern sollen in der Sierra Oaxacas Zugang zum Internet erhalten. Elisa kümmert sich um die Finanzierung und verhandelt mit den Gemeinden, die bei der Errichtung der Antennen aktiv mithelfen müssen. Nur 40 Peso im Monat kostet der Vertrag über TIC. „Ich bin glücklich, wenn die Menschen für weniger als 1 Peso mit ihren Familienangehörigen in den USA günstig telefonieren können. Oft ist die Verschuldung immens.“

Marcela ist seit 4 Jahren als Haushaltshilfe in einer Familie tätig. Sie versorgt tagsüber die demente Großmutter. Erreicht sie nach 17.00 Uhr ihr Zuhause am Stadtrand Oaxacas, warten Erziehungs- und Hausarbeiten. Neben den minderjährigen Söhnen wohnt die Tochter mit ihrem schwerstbehinderten Kind im Haus. „Ich bin nur 6 Jahre zur Grundschule gegangen und hoffe, dass meine Kinder es besser haben. Mein Mann arbeitet in einer Schlachtfabrik. Zu Hause macht er nichts und lässt mich mit der Kindererziehung allein. Dies ist eben Machismo in Mexiko.“

Taxifahrerin Libertad fährt seit 6 Jahren ein Motorradtaxi, vor allem vormittags, während ihre 3 älteren Kinder zur Schule gehen. Ein Baby liegt auf der Rückbank im Kindersitz. Als Alleinerziehende fehlt es Libertad an Betreuung. „Gut, dass meine 13-jährige Tochter auf den kleinen Sohn aufpasst, sobald sie aus der Schule kommt.“ Das Taxi ist angemietet, ein Teil der Einnahmen geht an den Besitzer.“

Der 59-jährige Lehrer Francisco steht kurz vor der Rente. Das sei nach 30 Berufsjahren möglich. In einjährigen Qualifizierungskursen unterrichtet er Erwachsene, die als Maurer arbeiten wollen. „Ich bin froh, dass ich diese Regelung noch in Anspruch nehmen kann, weil durch die Erziehungsreform das Alter auf 68 Jahre angehoben wird.“ Um die erwartbar bescheidene Rente aufzubessern, unterhält er einen Taco-Imbiss in seiner Garage, unterstützt durch die jüngste Tochter. Francisco ist aktiver Gewerkschaftler in der oppositionellen Lehrergewerkschaft „Sección 22“, die sich von der regierungskonformen Lehrergewerkschaft militant abgrenzt. Er berichtet von dem Lehrerstreik 2006, an dem sich ca. 40.000 Lehrer_innen beteiligten und der sich zu einem mehrmonatigen Volksaufstand gegen den Gouverneur des Bundesstaates ausgeweitet hat.

Rosilla sichert in Mexiko- Hauptstadt ihren Lebensunterhalt als selbständige Taxifahrerin mit eigenem Fahrzeug ab. Selbstbestimmt entscheidet sie über ihre Arbeitszeiten. „Nachts fahre ich als Frau grundsätzlich nicht. Dann ist es zu gefährlich. Meistens fahre ich für feste Kunden. Immer wieder rauben Fahrgäste die Fahrer aus.“

Techniker Fernando arbeitet seit 10 Jahren bei der Restaurantkette Sanborns, die dem reichsten Mann der Welt, Mexikaner Carlos Slim gehört. Seit Kurzem wehe – wohl ausgelöst durch die verschärfte Konkurrenz im Gastronomiesektor – ein neuer Wind. Arbeitsgruppen zu Fragen der Entlohnung, Arbeitssicherheit, Gesundheit und Fortbildung wurden eingerichtet. Erstmals entließ man sogar unfähige und autoritäre Chefs. Fernando freut sich, nun während der Arbeitszeit an Fortbildungen teilzunehmen. „Die Gewerkschaft ist noch skeptisch“. Sie wittere hinter der „Kuschelstrategie“ eine neue Form der Verdichtung von Arbeit und Ausbeutung.

Modedesignerin Irma arbeitet in einem Familienbetrieb am anderen Ende der Megacity Mexiko. Nach 10 Stunden Arbeit quert sie die Stadt in der Metro und oftmals überfüllten Bussen.
„Deshalb habe ich in der Woche so gut wie keine Zeit für meinen 8-jährigen Sohn. Auch die ehrenamtliche Arbeit in der Basisgemeinde ist kaum möglich, zum Beispiel die Müllsammlungen. Wir ersticken an Plastikmüll.“

Paz hat ihr Studium der klinischen Psychologie vor 12 Jahren wegen der Kinder unterbrochen. 48-jährig setzt sie ihr Studium unter vielen jungen Student_innen fort. Paz hofft, sich als Therapeutin niederzulassen. „Hier gibt es so viele häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, mir liegt eine gewaltfreie Kommunikation sehr am Herzen“.

Pädagogin Ericka hat nach dem Studium im Auftrag des Ministeriums Erzieherinnen fortgebildet. Gleichzeitig engagierte sie sich in der kirchlichen Jugendarbeit. Mit der Geburt ihrer beiden Söhne gab sie die Berufstätigkeit auf. „Die Gefahren für Kinder und Jugendliche hier in Mexiko- Stadt sind durch die Drogenkriminalität einfach zu hoch. Wir diskutieren mit der Familie ein Wohnprojekt in Südmexiko, 7 Busstunden entfernt nahe Oaxaca zu gründen. Das Terrain und die Mitbewohner_innen haben wir schon in Aussicht. Aber ob die Kinder mitgehen, wird sich zeigen. Auch ließen wir unsere großen Familien in Mexiko-Stadt zurück. Wir sind Chilangos, also Hauptstädter.“

Soziologe Hector arbeitet an einer staatlichen Hochschule als Koordinator und persönlicher Referent im Leitungsstab. Eigentlich macht ihm seine Arbeit Spaß, auch wenn er an 6 Tagen der Woche mehr als 10 Stunden arbeitet und weite Fahrtwege hinzukommen. Stress verursacht derzeit ein Vorgesetzter. Dieser vertrage kein kritisches Feedback. „Die Universitäten sind hier noch immer sehr hierarchisch strukturiert. Wenn ich einen Fehler mache, kann mich dies den Kopf kosten. Aktuell ist die Unispitze sehr nervös, weil es erstmals zu Anzeigen von Studentinnen, ausgelöst durch die Me-Too Debatte – gekommen ist, die Professoren wegen sexueller Übergriffe anzeigten. Wie die Sache ausgehen wird, ist derzeit noch offen.“

Leticia, Ende vierzig und Mutter von 3 erwachsenen Kindern hat mehrere Ausbildungen als Krankenschwester und Therapeutin absolviert. Aktuell bildet sie sich im Feld der Gerontologie weiter. Im Rahmen ihres Studiums arbeitet sie in einem privaten Altersheim. „Ich habe schon viel Trauriges in den staatlichen Altenheimen gesehen. In dem privaten Heim scheint es mir erträglich. Die Bewohner_innen haben Geld, sonst könnten sie sich das Heim nicht leisten, aber eine Begleitung von Angehörigen findet kaum oder gar nicht statt. Im Gegenteil- Kinder rauben ihre Angehörigen aus, wir müssen sie anzeigen. Trotzdem, die Arbeit ist o.k. und ich bereue nicht, diesen Weg mit Zukunft zu gehen. Mexiko entwickelt sich zu einem Altenheim, nur noch wenig Kinder werden geboren.“

Ein Polizist in Mexico verdient den Zeitungen zufolge rund 4.000 Pesos (200 €) monatlich. Von diesem bescheidenen Salär finanziert er zudem seine Dienstunform selbst. Oftmals sind Schmiergeldzahlungen nötig, um den begehrten Job zu bekommen. Bei einer hitzigen nächtlichen Diskussion zum Thema Korruption und Reform der Polizei wirft Mauricio ein. „Die Jungs müssen im Stadtviertel oftmals den Kopf hinhalten angesichts der gestiegenen Gewalt und Drogenkriminalität. Verwundert es da, dass die Polizisten sich schmieren lassen und ihre Stellung schamlos ausnutzen?“

Rebecca (23 Jahre) hat ihr Studium als Tänzerin erfolgreich beendet. Sie ist sehr an allen Formen von Kunst und Kultur interessiert. Sie lebt in der Hauptstadt, genießt ihre Freiheiten in der Großstadt, besucht aber regelmäßig ihre alleinstehende Mutter in Oaxaca. Die junge selbstbewusste Frau gibt uns zu verstehen: „Ein Macho als Partner kommt für mich nicht in Frage.“ Rebecca jobbt als Tanzlehrerin und tanzt unentgeltlich in einem Ensemble. Nachdem wir ihr vom Open Ohr Festival erzählt haben, sagt sie spontan. „Ach das wäre mein Traum, nach Deutschland zu reisen, um dieses Festival zu erleben.“

Adan ist Maler und Poet. Sein Freund Roberto hat Fotografie studiert. Beide Künstler, Mitte 20 leben mehr schlecht als recht von freiberuflichen Aufträgen. Ihr Herz schlägt für Kunst. „Oaxaca ist für uns das Paris Mexicos, Kulturförderung und Austausch mit Menschen aus aller Welt.

Die phantastischen Fotographien von Roberto finden sich hier:

Juan José und Emilia seine Frau sind Tagelöhner und stellen Lehmziegel zum Häuserbau her. Um wöchentlich 110 Euro zu verdienen, müssen sie 4000 Ziegel für ihren Patron herstellen. „Wir haben nichts anderes gelernt. Was sollen wir sonst tun? Hier gibt es doch keine Arbeit.“

Die 15-jährige Sekundarschülerin Julia lebt im Fischerdorf Coreleos an der Pazifikküste. Spannender als in die Schule zu gehen findet sie es, „Gringos“ kennenzulernen. Sie fängst uns an der Bushaltestelle rechtzeitig vor der Konkurrenz ab, um uns anschließend mit dem Schnellboot über die Lagune zum Strand bringen zu lassen. Dort wartet ihr Vater auf uns, um uns eine Cabana (einfache Hütte) zu vermieten und frischen Fisch anzubieten. Eine der ersten Bemerkungen ihres nur vermeintlichen Vaters und geschäftstüchtigen Partners ist: „Mein Name ist Felicisissimo. Ich habe 10 Kinder von 6 verschiedenen Frauen. Nein, Julia ist nicht meine Tochter“.

Die Fischer von Coreleos, einem kleinen Dorf  an der Pazifikküste mit einem hohen Anteil von afromexikanischen Bewohner-innen, haben ein bescheidenes Einkommen  durch den Verkauf der Fische in der nahegelegenen Provinzstadt sowie durch Selbstversorgung. „Wir brauchen hier nicht viel zum Leben. Aber unser Hauptproblem sind die gestiegenen Wassertemperaturen in der Lagune. Dadurch wandern die Fische ab und es wird immer schwieriger für uns zu fischen. Außerdem streichen die Fischhändler in der Stadt den Hauptgewinn ein. Für uns Fischer bleibt da nur wenig übrig.“

Vieles würde im Alltag zerbrechen, wenn es nicht zahlreiche Menschen gäbe, die im Rahmen von ehrenamtlicher Arbeit versuchen, ein Stück Solidarität und Gemeinschaftlichkeit zu bewahren und dem alltäglichen Stress eines nicht funktionierenden Staates durch konkretes Handeln entgegenzuwirken. Wir treffen auf viele Menschen, die sich im Stadtviertel, in der kirchlichen Arbeit oder in zivilgesellschaftlich Gruppen engagieren.

Die Dorfbewohner_innen des Badeortes Mazunte reinigen am Sonntag—-vormittag die Straßen. Schließlich erwartet man am Wochenende 10 000 Besucher_innen des Jazzfestivals. Tequio heißt die unentgeltliche Gemeinschafts-arbeit in indigenen Kommunen.

Im Rahmen eines viertägigen Seminars werden Gesundheitspromotorinnen geschult. Der Umgang mit Krankheiten und die Gesundheitsprävention sind Themen. Gegen ein kleines Entgelt bilden sie in ihren Dörfern das Bindeglied zwischen der oft sehr armen Landbevölkerung und dem (unterversorgen) staatlichen Gesundheitsposten. „Eines unserer Hauptprobleme ist die dramatisch steigende Zahl an Übergewichtigen aufgrund schlechter Ernährungsgewohnheiten und hohem Zucker- und Fettkonsum.“

Cecilia studiert Kommunikationsdesign an der staatlichen Hochschule UNAM. Im Rahmen aller Studiengänge sind Sozialpraktika vorgesehen. So arbeitet die Studentin als Fremdenführerin für Besucher_innen des Universitätscampus, der u.a. mit seinen Wandmalereien als Weltkulturerbe anerkannt ist.

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s