Paradies mit angebrochenen Ecken

In mehrstündigen Busfahrten durch den lakandonischen Regenwald steuern wir diverse Naturreservate an.

Unser erstes Etappenziel: Das abseits gelegene Dorf  Las Nubes mit seinem reißenden Fluss Rio Santo Domingo. Die 300köpfige indigene Dorfgemeinschaft hat das Potenzial erkannt und mit Hilfe staatlicher Unterstützung einen Ökotourismuspark eingerichtet.

Das Dorf wirkt für Chiapas ungewöhnlich: Mit Natursteinen aufwändig gepflastert sind die Straßen, nur wenige Autos passieren. Straßenlaternen, liebevoll herausgeputzte Steinhäuser mit kleinen Vorgärten, saubere öffentliche Anlagen, Container zur Mülltrennung und Verbote, sich nach 22:00 Uhr im öffentlichen Park aufzuhalten, regeln den Alltag. Selbst im angelegten Lehrpfad durch den Regenwald sind Hinweisschilder mit erzieherischem Impetus montiert: „Achte die Natur, dann wird sie auch Dich achten“.

Alkohol und Zigaretten sind verpönt und fehlen im Sortiment der  Dorfläden. Es stellt sich heraus, dass die Bewohner_innen überwiegend den Zeugen Jehovas zugehörig sind. „Wir sind stolz auf diese Regeln und befolgen sie. Wir haben die Bibel studiert“, klärt uns die Vermieterin auf.

Was fehlt: Die KiTa „el kinder“ bleibt häufig geschlossen, „weil Erzieher_innen es selten länger als 4 Wochen im Dorf aushalten.“
Wie in den umliegenden Dörfern ist eine Versorgung mit sauberem Trinkwasser nicht gegeben. Die Menschen nutzen den Fluss, um sich und die Wäsche zu waschen sowie ihr Geschirr zu spülen.

Trinkwasser muss gefiltert oder für teures Geld angeliefert werden. Wir fürchten die Seife im Grundwasser und verzichten auf Shampoo im Hostal wie überhaupt auf die Dusche. Der Fluss schenkt uns das Vollbad.

Neben dem Tourismus lebt das Dorf von Subsistenzlandwirtschaft, von Mais, Bohnen, Kaffee, Kakao, Bananen, Zitrusfrüchten. Die Rodung des Regenwaldes und das Schlagen von Brennholz sind eigentlich nur mit Genehmigung der Behörde möglich.

Unsere Recherchen zeichnen außerhalb der geschützten Biosphärenreservatsidylle ein ganz anderes Bild. Jährlich werden
75 000 qkm Regenwald in Mexiko zerstört. Ungebremst breiten sich agroindustrielle Großprojekte, u.a. Palmölplantagen und die großflächige Viehzucht für den nationalen und internationalen Export aus.

Entlang der guatemaltekischen Grenze begegnen uns mit Vieh oder Holz beladene monströse Trucks. Allenthalben entstehen in Südmexiko Wasserkonflikte  aufgrund der Verschmutzung durch Agroindustrie und Bergbau , Staudammbau und Wassertransfer.

Auch in Las Nubes verstört uns ein Landwirt, der vor der Aussaat unbekümmert den Boden mit Glyphosaat spritzt.

Hält  der lokale Tourismus die Menschen im beschaulichen Las Nubes? „Ustedes tienen suerte – Sie haben Glück , dass ich euch wie vereinbart abhole,“ begrüßt uns frühmorgens der Motorradtaxifahrer. Beinah hätte er sich am Vorabend gemeinsam mit 5 Freunden auf den Weg an die US-amerikanische Grenze nach Tijuana gemacht. Die Tränen seiner alleinstehenden Mutter hielten ihn nochmal davon ab, bemerkt er.

Auch wir ziehen von dannen, besuchen weitere ökotouristische Oasen, zunächst das Naturreservat Guacamaya, bekannt für rote Aras, Kaimane und Brüllaffen.

Gleichfalls locken die gigantischen Wasserfälle von Agua Azul.

Die Idylle könnte täuschen. Noch immer werden Landkonflikte teils paramilitärisch mit Waffengewalt  ausgetragenen. Die Straße wurde 1997 vom mexikanischen Militär ausgebaut, um in die Rückzugsgebiete der zapatistischen Befreiungsbewegung vorzudringen.

            Die Erde kauft und verkäuft man nicht.

Die Dorfgemeinschaft von Agua Azul ringt bis heute mit den staatlichen Behörden um die gerechte Beteiligung an den Einnahmen des großen Ökoparks, Magnet für Mexikoreisende.

Autor: blauemurmel

Elisabeth Henn & Ebi Wolf 55294 Bodenheim

2 Kommentare zu „Paradies mit angebrochenen Ecken“

  1. Hi und guten Abend, meine Gratulation zu Euren tollen Beiträgen und Fotos. Ihr erlebt viel und lasst uns alle so toll dran teilhaben, ich kann nur wieder danke sagen. Blaue Murmel klappe ich jetzt jeden Morgen noch vor der taz auf… Grüße aus dem nasskalten Westerwald.. matsi

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  2. Morgens habe die Zeit nicht, aber am Wochenende. Danke für die schönen Beiträge und tollen Bilder. Gruß zum 3. Advent aus einem heute verschneiten Stuttgart. Albrecht

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